Schulbus von Kai Branss: Von Berliner Wohnung in den Skoolie
Schulbus von Kai Branss: Von Berliner Wohnung in den Skoolie
Foto: Kai Branss

Unterwegs im Schulbus Tiny House auf Rädern

In den USA sind Schulbusse als Reisemobile längst Kult, auch in Deutschland sind sie inzwischen angekommen. Zwei Soloreisende und eine Familie erzählen von ihrem Leben mit »Skoolie«.
Von Anja Tiedge

Vor eineinhalb Jahren hat er seine 65-Quadratmeter-Wohnung in Berlin-Charlottenburg aufgegeben für einen ausgebauten Schulbus: Küche, Schlafzimmer, Toilette in einem Raum. Insgesamt lebt Kai Branss, 55 Jahre, freiberuflicher Fotograf und Filmemacher, auf acht Quadratmetern. Ein Befreiungsschlag sei das gewesen, sagt er. »Warum sollte ich eine Wohnung halten, in der ich kaum bin? Wenn, habe ich nur einen Bruchteil von ihr genutzt.« Außerdem wollte Branss reisen und seinem Hobby, dem Klettern, nachgehen. Und dann hatte er sich schon immer einen Ofen gewünscht, mit seinem letzten Umzug hat es endlich geklappt. »Den hatte ich schon ausgesucht, bevor ich den Bus gekauft habe.«

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Unterwegs mit Skoolie: Ein Zuhause, egal wo

Foto: G. Newman Lowrance/ AFP

Seitdem ist Branss in ganz Europa unterwegs: Frankreich, Portugal, Italien, Schweden. Oft in Klettergebieten, in Wäldern oder an Seen. Meistens campt er dabei wild. Dank Wassertanks und Zweitbatterie kann er eine Woche lang autark stehen. »Wenn ich Werbefilme drehe, muss es schnell gehen. Ich habe schon immer davon geträumt, tagelang warten zu können, bis das Licht auf einem Foto perfekt ist. Mit dem Bus kann ich das.«

Oft wird er dabei entdeckt, auch in abgelegenen Gebieten. Manchmal drückten sich Passanten an den getönten Scheiben die Nase platt, erzählt er. Das große, gelbe Gefährt mit Schornstein und Solardach fällt auf. »Manchmal nervt das. Aber es ist definitiv ein Fahrzeug, das Freude in die Gesichter bringt.«

»Skooliepalooza« in Arizonas Wüste

Der Deutsche Branss übernimmt mit seinem »Skoolie« einen Trend aus den USA. Während man hierzulande die behäbigen gelben Schulbusse mit der freundlich wirkenden Schnauze vor allem aus US-amerikanischen Filmen kennt, sind sie auf der anderen Seite des Atlantiks längst Kult, nicht zuletzt, weil viele Amerikaner Kindheitserinnerungen mit ihnen verbinden. Zur vollwertigen Wohnung auf vier Rädern umgebaut, sind sie Symbol für Freiheit, Abenteuer, Minimalismus – und perfektes Instagram-Motiv.

Der Hashtag #skoolie zählt auf der Plattform 330.000 Einträge; Fotos von gelben Bussen vor rosa Sonnenuntergang, Echtholz-Ausstattungen im skandinavischen Design, Mini-Kaminen und hellgrau gefliesten Badezimmern. Einmal im Jahr findet in der Wüste von Arizona das »Skooliepalooza« statt, vergangenen Januar kamen mehr als 200 Busse. Lästerer nennen Skoolies deshalb auch fahrende Hipster-Lofts.

»Die Nachfrage geht durch die Decke«, sagt der US-Amerikaner Nick Sejda von der National Skoolie Association. Schon in den Sechziger- und Siebzigerjahren reisten vor allem Hippies in umgebauten Schulbussen durch die USA; in den vergangenen zehn Jahren seien die Busse im Windschatten der Tiny-House-Bewegung in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

»Sie sind bezahlbar, und man kann sie mit etwas handwerklichem Geschick selbst umbauen«, sagt Sejda. Auch die Corona-Pandemie habe der Skoolie-Bewegung einen Schub gegeben: »Immer mehr Menschen arbeiten im Homeoffice – warum also nicht in ihrem Zuhause auf vier Rädern, von dem aus sie Meerblick haben?«

»Hier steckt all mein Erspartes drin«

Keri Gailloux

Genau das ist der Plan von Kayla und Nick Dailey , 28 und 30 – wenn ihr Vorhaben auch Jahre vor der Coronakrise begann: 2017 sahen sie die Doku »Expedition Happiness« über ein junges deutsches Paar, das sich einen alten US-Schulbus ausbaut und damit durch Nordamerika reist. Heute leben auch die Daileys mit ihrem Sohn Lincoln, sechs Jahre, und Tochter Mackenzie, fünf Jahre, in einem selbst ausgebauten Skoolie, in ihrem Fall einem ausgedienten Gefängnisbus, der schon beim Kauf knapp 500.000 Kilometer auf dem Buckel hatte. In den USA gelten auch solche großen Busse als Skoolie, gelb müssen sie nicht sein.

Zwei Monate brauchte Nick Dailey, ausgebildeter Schweißer, bis das alte Innenleben herausgerissen und das neue so hergerichtet war, dass die Familie vergangenen Juni einziehen konnte. Ein Großteil der Einrichtung stammt aus der alten Wohnung des Paares, auf eine ausgefeilte Sanitäranlage oder komplizierte Elektrik haben sie verzichtet. Im winzigen Badezimmer steht eine Komposttoilette, die LED-Lampen sind per USB aufladbar. Ihre Dusche besteht aus einem Eimer mit Löchern, der draußen am Bus hängt. »Je einfacher die Konstruktion, desto weniger kann kaputtgehen«, sagt Kayla Dailey.

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Trotzdem – ein Hippie-Bus ist ihr Skoolie nicht. Innen wirkt er wie ein Kontrollzentrum: An der Decke hängt ein riesiger Bildschirm, auf dem Tisch stehen zwei große Laptops und ein kleiner, auf dem Sohn Lincon und Tochter Mackenzie programmieren lernen. Kayla Dailey nennt sie liebevoll ihre »Tech-Hippies«. Zusammen mit ihrem Mann schulte sie auf Software-Ingenieurin um; sie bauen für ihre Kundinnen und Kunden Webseiten und kreieren Logos. Im Moment parken sie auf einem gut fünf Hektar großen Grundstück in Tennessee, das sie gemietet haben, um das Fahrzeug weiter umbauen zu können. Irgendwann aber soll die Fahrt losgehen, der Plan der Daileys: viel Zeit mit ihren Kindern verbringen, mit ihnen reisen, als Familie Abenteuer erleben.

»Größere Reparaturen kosten Tausende Dollar – und davon gab es viele.«

Keri Gailloux

Keri Gailloux , 68, hat mit ihrem Skoolie schon viele Abenteuer erlebt – und auch die Nachteile des Lebens in einem alten Gefährt. Vor zwei Jahren kaufte sich die Amerikanerin einen Schulbus für 4500 Dollar und ließ ihn für das Zehnfache von Profis nach ihren Wünschen ausbauen: mit einer komplett ausgestatteten Küche in Holzoptik, einem Kamin und einem Badezimmer mit Dusche und Toilette.

»Hier steckt all mein Erspartes drin«, sagt Gailloux, die schon als Kind ein Nomadenleben führte, weil ihr Vater beim Militär arbeitete und oft umziehen musste. Schon länger wollte sie in einem Tiny House leben, fand dafür aber keinen geeigneten Standort. Als sie 2018 in Rente ging, entschied sie sich gegen ihre Wohnung in San Francisco und für einen Skoolie.

Anderthalb Jahre lang ist Gailloux mit ihm durch die USA gefahren, parkte am Strand und an Seen, in Nationalparks und in Wüsten. Sie feierte mit Fremden, lachte und weinte mit anderen Campern und fand in ihrem Hund Rhodie einen treuen Wegbegleiter. Trotzdem will sie ihren Bus nun verkaufen: Die laufenden Kosten sind ihr über den Kopf gewachsen.

»Größere Reparaturen kosten Tausende Dollar – und davon gab es viele«, sagt sie. Motor, Getriebe – so gut wie alle wichtigen Teile sind unterwegs kaputtgegangen. »Ich habe meine Pension und einen kleinen finanziellen Puffer, aber ich habe Panik davor, dass wieder etwas kaputtgehen könnte. Das macht auf Dauer krank.« Trotzdem bereut Gailloux die Zeit im Bus nicht. Vom Erlös ihres Busses will sie sich ein Auto und einen kleinen Wohnwagen kaufen und als Wärterin auf einem Campingplatz arbeiten. »Ich mag es nach wie vor, unter Campern sein. Nur würde es mir guttun, dabei stillzustehen.«

»Einmal damit angefangen, kommst du nicht mehr davon los.«

Ein Skoolie-Fan

In Deutschland liegt der Anschaffungspreis für einen ausgedienten US-Schulbus wegen der Export- und Transportkosten deutlich höher als in seinem Heimatland. Laut Kai Branss müsse man hier mit einer Summe zwischen 10.000 und 20.000 Euro rechnen. Wie viel er für seinen 1993er-Bus gezahlt hat, möchte er nicht verraten. Nur so viel: »Ich hatte keine Ahnung von Bussen und wurde vom Händler über den Tisch gezogen.«

Der Rahmen war durchgerostet, Kabel und Schläuche waren porös. »Das stellte sich aber erst mit der Zeit heraus.« Auch deshalb gibt er seine Erfahrungen gern weiter. Über seinen Instagram-Kanal  erreichen ihn wöchentlich Anfragen zum Kauf, zur Ausstattung und zu Umbauten.

Im Moment steht Branss mit seinem Bus in Berlin. Hier sind seine Auftraggeber, normalerweise kommt er im Sommer für einige Monate, um Werbefilme zu drehen. Corona-bedingt ist er diesmal länger geblieben. Tagsüber dreht er, abends kehrt er in seinen Bus zurück, der in einer Seitenstraße parkt. Doch spätestens nach Weihnachten will er nach Portugal aufbrechen, um dort zu überwintern. Er mag das Land, hat dort Freunde.

Einen von ihnen lernte er in einem portugiesischen Waschsalon kennen. Sie kamen, wie so oft, über den Skoolie ins Gespräch. »Ein super Fahrzeug«, erklärte der Mann ihm freudestrahlend. »Doch du musst wissen: Das Leben im Bus ist gefährlich.« Branss wurde stutzig, auf seinen Reisen hatte er selten negative Erfahrungen gemacht. Was denn daran so gefährlich sei? »Wenn du es einmal angefangen hast, kommst du nicht mehr davon los.«