Fahrtenjacht Hanse 460: Im vergangenen Sommer noch rund 50.000 Euro billiger
Fahrtenjacht Hanse 460: Im vergangenen Sommer noch rund 50.000 Euro billiger
Foto: Andreas Lindlahr / Delius Klasing Verlag

Jachten und Boote des Jahres 2022 Verrückt nach Meer

Explodierende Preise, jahrelange Lieferzeiten, kaum freie Liegeplätze: Urlaub auf einem Boot wird zur Luxusunternehmung. Das zeigte sich auch bei der Prämierung der »Segeljachten und Motorboote des Jahres«.
Von Jürgen Pander

Ein Boom und seine Kehrseiten – die Bootsbaubranche erlebt gerade beides. Exemplarisch zeigt sich das an dem französischen Luxuskatamaran »Outremer 55«, dem soeben gekürten Siegerboot in der Kategorie »Blauwasserjachten« bei der Wahl der »Segeljachten und Motorboote des Jahres«.

Das knapp 17 Meter lange Boot mit seinem gut 24 Meter hohen Mast und 172 Quadratmeter Segelfläche vereint die aktuellen Trends: Es ist mit 1,48 Millionen Euro Grundpreis teuer. Es hat rund drei Jahre Lieferzeit (aktuell: Ende 2024). Und es wird dem Hersteller aus den Händen gerissen, mehr als 20 Bestellungen liegen bereits vor.

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Jachten des Jahres 2022: Größer, teurer, luxuriöser

Foto: Andreas Lindlahr / Delius Klasing Verlag

Zweifellos wäre der imposante Katamaran eine der Attraktionen der »Boot Düsseldorf« gewesen, doch coronabedingt musste die weltweit größte Bootsmesse auch in diesem Jahr abgesagt werden. Damit wurde auch die Gala zur Prämierung der »European Yacht of the Year 2022«  und des »European Powerboat of the Year 2022«  abermals ins Internet verschoben.

Die seit 19 Jahren vergebenen Preise gelten als wichtigste europäische Auszeichnung in der Branche, die Jury setzt sich aus den Chefredakteuren und Testleitern der acht wichtigsten Motorboot-Zeitschriften und der zwölf größten Segel-Magazine in Europa zusammen. Nominiert waren insgesamt 25 Segeljachten und 22 Motorboote. Als Kompass für die erstaunliche Entwicklung der Branche in den vergangenen Jahren sind die ausgezeichneten Bootsmodelle also gut geeignet.

Den Werften geht das Material aus

Als die Coronapandemie begann, verfiel die Bootsbaubranche zunächst in Schockstarre. Es folgte ein fulminantes Comeback, denn nirgendwo sonst konnte man so naturnah und virensicher den Urlaub genießen wie auf dem Wasser. Inzwischen ist Phase drei dieser Entwicklung angebrochen, der Boom verändert den Markt für Segeljachten und Motorboote tiefgreifend.

Die Nachfrage ist derart groß, dass den Werften das Material ausgeht, die Lieferzeiten dadurch auf ein, zwei oder gar drei Jahre anwachsen und in der Folge die Preise extrem anziehen. »Bei den meisten Werften gab es im vergangenen Jahr gleich zwei Preiserhöhungen«, sagt Jochen Rieker, Chefredakteur des Fachmagazins »Yacht«. »Die Fahrtenjacht Hanse 460 etwa kostet aktuell 322.000 Euro, im vergangenen Sommer war das Boot noch rund 50.000 Euro billiger.«

Der sprunghafte Preisanstieg hat auch damit zu tun, dass sich wegen der hohen Nachfrage und der löchrigen Lieferketten die Lieferzeiten immer länger hinziehen. Wer etwa eine »Hanse 460« bei der Werft in Greifswald heute bestellen würde, bekäme das Boot wohl erst Anfang 2024 Jahr ausgeliefert, sagt Rieker.

Deshalb müssten die Hersteller die zu erwartenden Preiserhöhungen in den kommenden zwei Jahren bei etlichen Rohstoffen schon jetzt einkalkulieren. Ob kleiner Familienbetrieb oder große Werft – das Problem betrifft alle Bootsbauer. Bei Bavaria Yachtbau in Giebelstadt etwa mussten zuletzt bis zu 60 halb fertige Boote zwischengelagert werden, weil bei allen noch einige Zulieferteile fehlten, berichtet »Yacht«.

Der Drang aufs Wasser sorgt indessen nicht nur bei den Bootsbauern für Engpässe, auch in den Häfen nimmt das Gedränge zu. In der Szene heißt es, jetzt noch für das laufende Jahr einen Liegeplatz in Deutschland zu ergattern, sei ähnlich wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto.

Für die Hafenbetreiber ist das eine komfortable Situation, und da Angebot und Nachfrage den Preis regeln, stiegen die Liegegebühren zuletzt fast überall – und zwar teilweise um bis zu 25 Prozent. Als grober Anhaltspunkt: Ein Wasserliegeplatz für eine Sechs-Meter-Jolle kostet derzeit hierzulande zwischen 1000 und 2000 Euro pro Jahr.

Ob die angespannte Situation den Boom abwürgt? Rieker erwartet eher das Gegenteil, nämlich eine anhaltende Nachfrage nach Booten und Liegeplätzen. »Es gibt inzwischen, ähnlich wie bei den Campingbussen, einen regelrechten Boat-Life-Trend. Immer mehr Menschen richten sich sogar ihr Homeoffice an Bord ein. Und durch immer neue Posts in den sozialen Medien wird dieser Trend zusätzlich befeuert«, sagt Rieker. Maritimer Eskapismus gilt als cool und Instagram-kompatibel, wie die mehr als 5,3 Millionen Beiträge unter dem Hashtag #boatlife zeigen.

Solarpanel auf dem Dach, Rumpf aus PET-Flaschen

Während in der Automobilindustrie das Thema Nachhaltigkeit mittlerweile von fast allen Herstellern in den Vordergrund gerückt wird, sickert der Umweltschutz bei den Bootsbauern nur sehr langsam ins Bewusstsein. Immerhin: Es gibt erste Anzeichen für einen Wandel. Die Motorjacht »Absolute 48 Coupé« aus Italien, Gewinnerboot in der Klasse bis 20 Meter, wird mit einem großen Solarpanel auf dem Dach ausgeliefert. Die französische Start-up-Werft Windelo baut einen Katamaran mit einem Laminat aus Basaltfasern, nutzt für die Rümpfe Sandwichkerne aus recycelten PET-Flaschen und bietet ausschließlich Elektroantriebe an.

Und der Segelhersteller Elvstrøm aus Dänemark bietet erstmals Segeltuche aus einem zu hundert Prozent recycelten Kunststoff an – übrigens ohne Preisaufschlag im Vergleich zu herkömmlichen Materialien, in denen rohölbasierte Fasern verwendet werden. Die deutsche Firma Dimension Polyant aus Kempen, der weltweit größte Hersteller von Segeltuchen, bringt in diesem Jahr ebenfalls ein klimaneutral hergestelltes und komplett recycelbares Segelmaterial auf den Markt.

Der Nachhaltigkeitsgedanke ist also auch auf dem Wasser angekommen. Ob er sich dort wirklich ausbreitet und entfalten kann, ist jedoch fraglich. Denn die gegenwärtige Situation führt dazu, dass sich die vorhandenen und komplett ausgelasteten Bootsbaukapazitäten nahezu ausnahmslos in Richtung Luxusmarkt orientieren.

Bei den Segelboot-Neuheiten, so klagt »Yacht«-Chefredakteur Rieker, fehle derzeit ein leichtes, kompaktes Einstiegsmodell in der Preisklasse um 50.000 Euro. Wenn sie die Wahl haben, bedienen die Werften zuerst jene Kunden, die große Boote ordern. Rieker: »Die Musik spielt bei den Booten ab zwölf Meter Länge, und damit im sechsstelligen Preisbereich.« Es wird künftig wohl elitärer auf dem Wasser.