"Mein Schiff 3" in Cuxhaven (Mai 2020): TUI Cruises startet ab 24. Juli mit Reisen gen Südnorwegen
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Foto: Thomas Frey

Kreuzfahrt-Neustart "Wenn es wieder einen Corona-Ausbruch gäbe, wäre das Branchenselbstmord"

Corona hat die Kreuzfahrt hart getroffen. Jetzt schicken die Reedereien wieder Schiffe los. Warum das heikel ist und wie sich die Branche verändern wird, erklärt Tourismusexperte Alexis Papathanassis.
Ein Interview von Antje Blinda

SPIEGEL: Mitten in der Coronavirus-Pandemie schicken erste Kreuzfahrtreedereien ihre Schiffe wieder aufs Meer - ohne Landgänge. Eine gute Idee?

Alexis Papathanassis: Prinzipiell ist das eine pragmatische Lösung, bei der die Unternehmen versuchen, Prozesse an die neue Situation anzupassen und das Geschäft wieder zu starten. Aber jetzt ist keine Zeit für Schnellschüsse! Solche Prozessänderungen, Hygieneprotokolle und Krisenpläne müssen systematisch und professionell entwickelt werden, transparent sein und getestet werden - und vor allem dürfen Kunden nicht als Testobjekte dienen. Außerdem: Eine Kreuzfahrt, die hauptsächlich aus Seetagen und Social Distancing besteht, entspricht nicht dem, was ich für ein attraktives Urlaubserlebnis halte.

SPIEGEL: TUI Cruises und Hapag-Lloyd Cruises haben Zehnpunktepläne auf ihren Websites veröffentlicht - ist das transparent genug?

Papathanassis: Mit den zehn Punkten wollen die Reedereien den Kunden das Gefühl von Sicherheit vermitteln. Aber die Umsetzung ist komplizierter, als man denkt. Zum Beispiel: Wie misst und kontrolliert man, wie viele Leute sich an welchen Orten des Schiffes befinden? Was passiert, wenn es einen Coronafall während einer Fahrt ohne Landgänge gibt? Kennen die Crew und alle Beteiligten vor und nach der Fahrt die Maßnahmen? Ich bin skeptisch, inwiefern die Szenarien wirklich durchdacht sind. Wenn es jetzt wieder einen Corona-Ausbruch auf einem Schiff gäbe - das wäre Branchenselbstmord.

SPIEGEL: Das Risiko, einen infizierten Kunden an Bord zu nehmen, wird wohl erst mal bleiben. Zudem starten diese ersten Kurztrips auf Nord- und Ostsee mit nur 60 Prozent der Passagiere und werden wohl kaum wirtschaftlich sein. Bedeutet Corona doch das Ende für die Kreuzfahrtindustrie?

Papathanassis: Nein. Das wäre genauso, als ob man fragte, ob Corona das Ende des Fliegens sein werde. Und dabei wirkt sich die Coronakrise schlimmer auf den Flugverkehr aus als auf die Kreuzfahrt. Aber für den gesamten Urlaubssektor - spezifisch für die Kreuzfahrtreedereien - gibt es keinen Weg zurück in die alte Normalität, es wird eine neue Normalität geben. Die Lage war sowieso schon problematisch, Corona hat die Trends und Entwicklungen einfach beschleunigt.

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SPIEGEL: Warum problematisch?

Papathanassis: Zum Beispiel beim Thema Billigflaggen. Bisher lassen die großen Reedereien ihre Schiffe in den Ländern registrieren, wo es steuerlich günstig ist. Das rächt sich zurzeit: Wenn sie ihr Heimatland um finanzielle Hilfe bitten, in dem sie weder Steuern zahlen noch Jobs schaffen. Das hat die Trump-Administration schon abgewehrt. "Flags of convenience" (Billigflaggen) müssten zu "Flags of confidence" (Flaggen des Vertrauens) werden. Denn Endkunden fragen sich jetzt: Angenommen, ich werde auf dem Schiff krank und muss an Land gebracht werden, könnte ich vielleicht keinen Anspruch auf Hilfe haben, weil die Flagge die falsche ist? Anderes Beispiel: Hat die Konzentration auf ältere, risikobehaftete Kunden noch Erfolg?

SPIEGEL: Im Laufe der Coronakrise fiel die Branche von einer Katastrophe in die nächste: Epidemien an Bord, Herumirren auf den Meeren. Dann die Lage der Crews, die noch immer auf Schiffen ausharren...

Papathanassis: Ja, da ist bei den Prioritäten und in der Kommunikation etwas falsch gelaufen. Die erste Reaktion der Reedereien war: Wir haben alles im Griff. Dann: Wir legen alle Schiffe still - dies war noch vernünftig. Dann kam aber die Frage nach Finanzhilfen vom Staat. Dabei wäre am wichtigsten gewesen, sich auch um die eigenen Beschäftigten zu kümmern. Die Aufgabe der Urlaubsbranche ist Gastfreundschaft, wir reden von "Gästen und Gastgebern". Da muss man authentisch demonstrieren, dass Menschen immer zuerst kommen. Bei all den Meldungen über gestrandete Crews, die nach Vertragsablauf nicht mehr bezahlt werden, hat man das nicht gemerkt. Und statt im Detail vorzubereiten, wie die Kreuzfahrt sicher sein kann, um Vertrauen zu gewinnen, kamen Ankündigungen, wann die Reisen wieder starten würden.

SPIEGEL: Die Kreuzfahrtindustrie hat seit Langem ein Problem mit der Kommunikation. Woran liegt das?

Papathanassis: Was wir globales Kreuzfahrtgeschäft nennen, ist hauptsächlich ein US-amerikanisches Geschäft. Die großen Reedereien, die viele der europäischen Marken besitzen, werden von Florida aus gesteuert - und Miami denkt nicht global. Dort herrscht Hardcore-Kapitalismus.

SPIEGEL: Welche Probleme sehen Sie zurzeit aufgrund der Coronakrise? Erste Reedereien haben ja schon Insolvenz angemeldet.

Papathanassis: Kurzfristig sehe ich ein Liquiditätsproblem. Die großen Unternehmen haben geschafft, große Kredite für sich zu sichern, und werden das - ich schätze - bis Oktober gut aushalten können. Ob aber die kleineren Reedereien überleben werden? Langfristig wird es einen großen Aufschwung bei dem Thema Digitalisierung und Automatisierung geben, um auf einen Großteil der Crews zu verzichten und den Umsatz und die entsprechenden Preise zu halten.

SPIEGEL: Wie könnte sich das an Bord zeigen?

Papathanassis: Roboter werden jetzt nicht die Betten machen. Aber sie erhöhen die Produktivität: Bei Royal Caribbean zum Beispiel gibt es mechanische Barkeeper. Sie bestellen Ihren Cocktail über Handy, die Roboterarme mixen ihn und machen dabei eine Show. Sie schaffen tausend Cocktails am Abend und können einige Barkeeper ersetzen. Aber auch Roboter an Rezeptionen und Info-Touchscreens auf Fluren können viel Zeit und eventuell auch Personal sparen.

Bionic Bar auf der "Quantum of the Seas": Ersetzt Barkeeper

Bionic Bar auf der "Quantum of the Seas": Ersetzt Barkeeper

Foto: Simon Brooke-Webb/ AP/dpa

SPIEGEL: Dabei wirken die Roboter-Barkeeper eher wie Gimmicks zu Werbezwecken.

Papathanassis: Nach meinen Berechnungen bergen diese Gimmicks, also diese Technologien, auf einem großen Megaschiff ein ökonomisches Potenzial von rund vier Millionen Euro pro Jahr. Neben Kostenersparnissen zählt auch dazu, dass mehr Platz für Passagiere an Bord ist, wenn es weniger Mitarbeiter gibt.

SPIEGEL: Vor der Coronakrise ächzten manche Hafenstädte unter Kreuzfahrttouristen, außerdem belastet diese Urlaubsform die Umwelt. Könnte die Krise eine Chance für eine Veränderung bieten?

Papathanassis: Zurzeit sind die Klima- und Umweltthemen in den Hintergrund gerückt. Die Reedereien werden über die Gesetze hinaus kaum etwas umsetzen. Allerdings können kostengünstige Technologieentwicklungen und kritische Medienberichterstattung einen positiven Einfluss haben.

SPIEGEL: Und beim Overtourism in Häfen?

Papathanassis: Die Häfen haben an Selbstbewusstsein gewonnen - das ist positiv. Bisher lag die Macht bei den Reedereien, die ihre Bedingungen durchsetzen konnten. Jetzt haben viele Häfen weltweit wegen Corona für Kreuzfahrtschiffe geschlossen - und überlebt. Auch Häfen in den Herkunftsländern der Gäste haben jetzt eine bessere Verhandlungsposition. Denn die Reedereien wollen ihre Fahrten in Häfen platzieren, die nah bei den Kunden liegen und damit per Auto statt Flugzeug zu erreichen sind. Für die Unternehmen ist das wichtig, wenn schon die Preise im Tourismus wegen niedrigerer Kapazitäten steigen.

SPIEGEL: Die Vermutungen reichen ja von Schnäppchenschwemme bis zu deutlichen Preisanstiegen.

Papathanassis: Kurzfristig wird es gute Deals geben, um Kunden anzulocken. Danach müssten die Preise aber ansteigen, da die Abstandsregelungen unausweichlich Auswirkungen auf Kapazitäten haben werden.

SPIEGEL: In der Umweltdiskussion hieß es seitens der Reedereien immer: Nein, sie könnten keinen teureren, dafür aber saubereren Treibstoff verwenden, eine Preiserhöhung wäre den Kunden nicht vermittelbar. Jetzt auf einmal geht's?

Papathanassis: Das ist etwas anderes. In der Diskussion über LNG-Schiffe, Rußpartikelfilter oder Scrubber redete man über Feinstaub in Häfen - obwohl in erster Linie die eigenen Kunden leiden, die die Abgase eine Woche lang einatmen müssen. Ob ein Kunde mehr zahlen würde, hängt davon ab, was er glaubt, dafür zu bekommen. Für 50 Euro mehr kann ich Seeluft atmen - der Gedanke wäre für Menschen mit Atemluftproblemen vielleicht überzeugend. Genauso ist es bei den Kapazitäten: Wenn ich merke, dass ich nicht in langen Schlangen warten und in überfüllten Restaurants sitzen muss, kann ich sagen: Für den Preis macht mir das Spaß! Die Bereitschaft mehr zu zahlen, auch für einen umweltfreundlichen Reisekonsum, ist - leider - mit persönlichen statt kollektiven Vorteilen verbunden.

SPIEGEL: Es wird nicht die letzte Krise sein: Gerade die Kreuzfahrt hat immer wieder mit Norovirus-Epidemien zu tun.

Papathanassis: Ja, und in Zukunft müssen wir mit Pandemien leben - nächstes Mal aber sind wir vorbereitet. Uns ist jetzt viel bewusster, wie nah wir anderen Menschen kommen, wer mein Essen zubereitet, wer mich berührt. Da muss sich die Tourismus- und Kreuzfahrtbranche anpassen. Zum Beispiel: Wenn es keine Buffets mehr gibt, werden die Leute bedient - sie essen weniger, was weniger Verschwendung und eine bessere Qualität bedeutet. Vielleicht kommt man auch auf neue Modelle, neue Ideen.

SPIEGEL: Ein Impfstoff könnte bestenfalls alle Corona-Maßnahmen überflüssig machen. Geht es dann schnell zurück zu business as usual?

Papathanassis: Wäre ich Pessimist, würde ich sagen: Der Kunde vergisst schnell, und am Ende des Tages zählt für ihn nur das Preis-Leistungs-Verhältnis. Ich bin aber Optimist und denke, dass diese Krise uns einiges klargemacht hat - sowohl im Negativen als auch im Positiven. Keiner fand es wohl toll, sich in überfüllten Flughäfen, Flugzeugen oder Hotellobbys zu bewegen. Wenn die Menschen nun gute Erfahrungen machen, wollen sie das vielleicht nicht so schnell aufgeben. Vielleicht sollten wir nicht dreimal reisen, sondern nur einmal - dann aber gut. Wenn das alle machen würden, dann würde es überall leerer werden.

SPIEGEL: Damit ich aber weiter die Leere erleben kann, müssen alle anderen zu Hause bleiben - funktioniert das?

Papathanassis: Nur die Reduktion funktioniert nicht - und dass wir gar nicht mehr reisen, ist absurd. Reisen ist seit Jahrtausenden ein kulturelles Phänomen, eine Errungenschaft, die wir nicht verlieren sollten. Es geht nicht ums Ob, sondern um das Wie, Wo und Wann. Wir müssen uns einfach anders verteilen - sowohl geografisch als auch zeitlich. Es gibt noch viele schöne Orte auf der Welt, die touristisch noch nicht entdeckt sind und das gern wären. In Griechenland zum Beispiel ballt sich alles im Sommer auf Rhodos, Korfu und Kreta. Inzwischen merken die Urlauber, dass auch andere Inseln, das Festland, der Peloponnes schön sind. Vielleicht etwas teurer, aber nicht so voll.

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