Gesperrte Lufträume Was der Krieg in der Ukraine fürs Reisen bedeutet

Die Lufthansa sagt Dutzende Russland-Flüge ab, international operierende Airlines ändern ihre Flugrouten. Was bedeuten die Luftraumsperrungen noch – und müssen nun Urlaubsflüge storniert werden?
Flugzeug im Landeanflug auf den Flughafen Berlin Brandenburg

Flugzeug im Landeanflug auf den Flughafen Berlin Brandenburg

Foto: R4223 Rainer Keuenhof / picture alliance / Rainer Keuenhof

Der Krieg in der Ukraine hat weitreichende Folgen für den internationalen Flugverkehr: Als Reaktion auf den von Russland geführten Angriff hatten in den vergangenen Tagen immer mehr Länder – darunter Deutschland, alle EU-Staaten sowie eine Reihe weiterer europäischer Länder – entschieden, ihre Lufträume für russische Maschinen zu sperren. Nun kam Moskaus Antwort auf diese Sanktion: Künftig ist Russlands Luftraum für Flugzeuge aus Deutschland und 35 weiteren Staaten geschlossen.

Das deutsche Verbot gilt laut Bundesverkehrsministerium bereits seit Sonntagnachmittag für Flüge nach Deutschland sowie Überflüge. Die Regelung ist zunächst für drei Monate geplant. Sie greift nicht bei humanitären Flügen oder Überflügen. Welche Auswirkungen aber hat sie schon jetzt für Reisende?

Was wird aus den Urlaubsplänen oder bereits gebuchten Flugtickets? Lesen Sie hier die Einschätzungen von Experten.

Wie reagieren die Airlines auf den Krieg in der Ukraine?

Nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine haben zahlreiche Fluggesellschaften ihre Verbindungen in die Ukraine sowie nach Russland vorerst eingestellt. Ein paar Beispiele:

  • Die Lufthansa meidet bereits seit Samstagabend den russischen Luftraum und ändert ihre Flugpläne. Bis vorerst 5. März würden alle Lufthansa-Flüge von und nach Russland annulliert werden, heißt es auf der Website . Insgesamt sind das nach derzeitigem Stand 30 Passagierflüge zu russischen Zielen. Die regulären Flüge der Haupt-Airline Lufthansa sowie von Eurowings und Austrian Airlines fänden in dieser Woche nicht statt, erklärte ein Lufthansa-Sprecher am Montag.

  • Lufthansa-Flüge in die und aus der Ukraine seien bis vorerst einschließlich 26. März 2022 eingestellt. Das Unternehmen beobachte konstant die Situation und werde zu einem späteren Zeitpunkt über die weiteren Flüge entscheiden.

  • Die Lufthansa-Tochter Swiss hatte zunächst mitgeteilt, an ihren acht Russland-Verbindungen festzuhalten, da die Schweiz zunächst kein Flugverbot für russische Airlines erlassen hatte. Inzwischen hat sie den eigenen Luftraum ebenfalls gesperrt: ab heute um 15 Uhr für alle Flüge aus Russland und für alle Flugbewegungen von Luftfahrzeugen mit russischen Kennzeichen. Der für heute geplante Flug von Zürich nach Moskau ist den Angaben zufolge ebenfalls gestrichen worden.

  • Die niederländische Airline KLM gibt auf ihrer Website bekannt, dass sie ihre Verbindungen von und nach Moskau und St. Petersburg sowie durch den gesamten russischen Luftraum bis auf Weiteres ausgesetzt hat. Vorübergehend gebe es auch keine KLM-Flüge von und nach China, Korea und Japan. Hier würden derzeit alternative Routen außerhalb des russischen Luftraums gesucht. Nach Kiew flog KLM eigenen Angaben zufolge schon seit dem 12. Februar nicht mehr.

  • Die nationale Fluggesellschaft Singapore Airlines teilte mit, dass die Verbindungen zwischen Singapur und Moskau ausgesetzt seien.

Werden nun Flüge in Richtung Asien annulliert?

Um größere Auswirkungen für die gesamte Branche zu vermeiden, planten die Airlines ihre gewohnten Flugrouten um, sagt Michael Trinkwalder vom Tübinger Unternehmen A3M, einem Dienstleister für Krisen- und Frühwarninformationen für Reisen weltweit.

Aktuellen Informationen zufolge würden Flüge nach Japan, Südkorea und China auf der Ausweichroute hauptsächlich über die Türkei führen. Verbindungen in Richtung Südostasien seien auch vorher schon nicht über russisches Territorium verlaufen, sagt Trinkwalder.

Ungünstiger sei die Situation aber für Reisende, die in der anderen Richtung unterwegs sind: Da jetzt Anschlussflüge in Russland fehlten, seien manche Verbindungen von Asien nach Europa problematisch, sagt der Experte.

Trinkwalder rechnet aber nicht damit, dass europäische Reisende bald wieder über Alaska nach Asien fliegen müssen wie noch zu Hochzeiten des Kalten Kriegs.

Laut der finnischen Fluggesellschaft Finnair führt das Umfliegen des russischen Luftraums dazu, dass die meisten Passagier- und Frachtflüge nach Asien nicht wirtschaftlich seien, sagte am Montag Finnair-Chef Topi Manner. Finnair ist die erste Airline, die ihren Geschäftsausblick 2022 wegen der Sanktionen zurückgezogen hat.

Was, wenn die Airline meinen Flug doch streicht?

Annulliert eine Airline einen Flug, haben Verbraucherinnen und Verbraucher nach der Fluggastrechteverordnung die Wahl zwischen der Erstattung der Ticketkosten binnen sieben Tagen oder einer anderweitigen Beförderung.

Erfahren Reisende erst am Flughafen von der Absetzung der Verbindung, haben sie zudem Anspruch auf unentgeltliche Mahlzeiten, Erfrischungen und zwei Telefongespräche.

Eine finanzielle Entschädigung von 250 bis 600 Euro, wie sie die EU-Verordnung etwa für Annullierungen von Flügen vorsieht, stehe Fluggästen nicht zu, wenn der Grund dafür auf außergewöhnliche Umstände zurückzuführen ist, sagt Jan Philipp Stupnanek, Reiserechtsexperte der Verbraucherzentrale NRW. Dazu zählen zum Beispiel Unruhen und Krieg.

An wen wende ich mich bei Fragen zur Verbindung?

Bei individuell gebuchten Flügen wenden sich Verbraucherinnen und Verbraucher direkt an die Airline, rät Reiserechtsexperte Stupnanek. Handelt es sich beim Flug um eine Pauschalreiseleistung, wenden sich Betroffene besser an den jeweiligen Reiseveranstalter.

Ergibt sich für meinen Flug in den Urlaub aufgrund des Kriegs eine besondere Gefahrenlage?

»Eine besondere Gefahrenlage kann man eigentlich generell verneinen«, sagt der Reisesicherheitsanalyst Trinkwalder. Aktuellen Flugdaten zufolge würden inzwischen die komplette Ukraine, Belarus und auch der Südwesten Russlands von so gut wie allen Airlines weitläufig umflogen. Ein Abschuss eines Passagierfliegers wie 2014 sei daher im Moment sehr unwahrscheinlich. »Es ist aber verständlich, wenn viele Passagiere wegen der Ereignisse in der Ukraine ein mulmiges Gefühl haben«, sagt Trinkwalder.

Kann ich mein Ticket kostenfrei zurückgeben, wenn ich Bedenken habe, zu fliegen?

»Bei einzeln gebuchten Flügen besteht ein Recht auf kostenfreie Stornierung nur, wenn es vertraglich vereinbart wurde«, sagt Reiserechtsexperte Stupnanek. Andernfalls habe die Fluggesellschaft Anspruch auf die vereinbarte Vergütung abzüglich ersparter Aufwendungen, wie zum Beispiel Steuern und Gebühren.

Nur wenn die Leistung nicht erbracht werden kann – etwa bei einem Flug- oder Einreiseverbot für den jeweiligen Fluggast – brauche sie nicht bezahlt zu werden, sagt der Verbraucherschützer.

Kann eine Airline bereits gebuchte Tickets nachträglich verteuern?

Durch geänderte Routen können den Airlines höhere Kosten entstehen. Denn Flüge zwischen Europa oder den USA und Asien werden durch die Luftraumsperrungen länger. Zum Teil könnten Zwischenlandungen zum Tanken und Crewwechsel notwendig sein.

Preisanpassungen sind aber grundsätzlich nur möglich, wenn die Vertragsbedingungen eine Preisanpassungsklausel für diesen Fall enthielten, sagt Karolina Wojtal vom Europäischen Verbraucherzentrum Deutschland. Dies sei aber unüblich und müsste auch einer gerichtlichen Prüfung standhalten.

Trinkwalder schätzt, dass es aufgrund des Ukrainekriegs zu erheblichen Flugeinschränkungen und damit absehbar auch zu Ticketpreissteigerungen für Flüge außerhalb Osteuropas kommen könnte.

Wo sind Lufträume für russische Airlines geschlossen?

Der Luftraum über allen EU-Staaten ist für russische Fluggesellschaften wie Aeroflot, Azur Air oder Ural Airlines gesperrt.

Auch Großbritannien, Norwegen, Nordmazedonien und Island schlossen sich der Maßnahme an. Die USA ziehen die Luftraumsperrung derzeit in Betracht.

Kanada hat sich bereits dafür entschieden. »Wir werden Russland für seine unprovozierten Angriffe auf die Ukraine zur Verantwortung ziehen«, sagte Verkehrsminister Omar Alghabra am Sonntag.

Am späten Sonntagabend überflog dennoch eine Maschine der russischen Fluggesellschaft Aeroflot von Miami in den USA kommend die kanadische Ostküste. Das kanadische Verkehrsministerium erklärte daraufhin auf Twitter, dass »Aeroflot-Flug Nummer 111 gegen das eingeführte Verbot verstoßen hat«. Das Ministerium kündigte eine Untersuchung an.

Als Reaktion auf die Luftraumbeschränkungen der EU setzt die russische Fluggesellschaft Aeroflot ab Montag alle Flüge nach Europa aus, wie die russische Agentur Interfax meldete.

jus/dpa/AFP
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