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Erste Urlauber auf Mallorca "36,1 Grad. Guten Appetit!"

Die Balearen sind die Ersten, die deutsche Urlauber empfangen. Sicher soll die Reise per Flugzeug und Hotel trotz Corona werden, das wollen Mallorca und TUI an Testreisenden demonstrieren. Der Premierentag.
Aus Mallorca berichtet Antje Blinda

Oberbayern ist verrammelt. "Täglich Stimmung und Tanz mit Band" verheißt das Lokalschild - doch seit mehr als drei Monaten ist der Abgang in die Schlager-Disco-Hölle im Kellergeschoss verschlossen. Und der Bierkönig? Der legendäre Biergarten in der sogenannten Schinkenstraße, der Tausende Menschen fasst, ist vergittert.

Die Partymeile Mallorcas, der Ballermann, liegt verwaist und still in der Mittagssonne. Ab und zu rollt ein Auto vorbei, ansonsten Vogelgezwitscher und das leise Rauschen von Klimaanlagen.

Nur eine Straße weiter fährt ein hellblauer TUI-Bus vor das Hotel RIU Bravo vor. Zimmermädchen, Kellner, Manager und Rezeptionistinnen haben sich vor der Tür versammelt. Sie klatschen, jubeln. Daneben gehen Dutzende Kameraleute und Fotografen in Stellung. Aus dem Bus steigen deutsche Touristen, begierig nach Büfett, Pool und einer Auszeit vom Corona-Alltag zu Hause.

Sie sind die ersten Urlauber der Insel, ein Symbol, dass Mallorca nach der Zwangspause in eine verspätete Saison starten kann. Und sie sind Testpersonen eines Pilotprojekts. An ihnen wollen Veranstalter, Flughäfen, Airlines und Hotels üben, wie sie Urlaub coronasicher machen können, ohne den Urlaub zu verderben.

Dafür dürfen bis zu 10.900 Deutsche noch vor der offiziellen Grenzöffnung auf die Baleareninseln reisen, ohne die vorgeschriebene Quarantäne einhalten zu müssen. Wer einen der von der Inselregierung zertifizierten 47 Flüge ergattern konnte, ist dabei. Die TUIfly-Flüge darunter waren innerhalb von 36 Stunden ausgebucht.

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"Eher Flugangst als Angst vor Corona"

Vier Zeit- und zwei Flugstunden zuvor wissen die 165 Passagiere des Flugs X3 2312 von TUIfly noch nicht, was sie auf Mallorca erwartet. "Hauptsache Sonne und Strand", sagen Carolin und Irene Gemein, 30 und 66, die sich am Flughafen Düsseldorf ihre Zeit vor dem Boarding vertreiben. "Wir wollen entspannen, lesen, spazieren gehen."

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Urlaubstest auf Mallorca: Endlich wieder Deutsche

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Aus einem gebuchten Ägypten-Urlaub im März wurde für Irene Gemein nichts. Storniert wegen Corona. Sechs Wochen und einen drängelnden Brief habe es gebraucht, bis das Geld wieder auf dem Konto war. Auch eine Rhodos-Reise wurde abgesagt. Jetzt eben Mallorca. "Ich habe eher Flugangst als Angst vor Corona", sagt sie. Sie vertraue auf Maßnahmen wie das Maskentragen.

Die beiden, Mutter und Tochter aus Bad Neuenahr-Ahrweiler, schlendern mit Einmalmasken vor Mund und Nase durch den Dutyfree-Bereich. Alle Shops sind geschlossen, nur an der Rheinischen Backkultur bildet sich eine Warteschlange. "Wir haben als Einzige seit Beginn von Corona geöffnet", sagt die Verkäuferin.

Käsebrötchen sind aus, Frikadellenbrötchen gibt es noch. Milch zum Kaffee darf sie nicht zur Selbstbedienung rausstellen. Wegen Corona, sagt sie. Dann muss sie den nächsten Kunden bedienen. Zu groß ist der plötzliche Andrang heute Morgen kurz vor sieben Uhr. Der Düsseldorfer Flughafen fährt in diesen Tagen sein Angebot wieder hoch, der Mallorca-Flug ist der erste Ferienflieger nach der Zwangspause.

Luka Schiffer steht der Flug bevor. Hauptsächlich, weil ihre drei Monate alte Tochter Lina dabei ist. Die 27-Jährige sitzt mit ihrem Mann Sven, ebenfalls 27, und einem Kinderwagen am Gate A40. Und dann so viele Menschen auf engem Raum? Das gefällt ihr nicht. "Beim Einkaufen zu Hause kann man ja einen Schritt zur Seite gehen", sagt Sven Schiffer. Im Flugzeug nicht.

Eigentlich hätten sie gern an der Ostsee Urlaub in einer Ferienwohnung der Familie gemacht. Die aber ist jetzt über den Sommer komplett ausgebucht, für die beiden aus Nordrhein-Westfalen war kein Slot mehr frei. Auf Mallorca waren beide schon mal, Sven hat dort vor einem Jahr mit seiner Fußballmannschaft Party gemacht. Dieser Urlaub werde ruhiger.

Knallvoll, bis auf den letzten Platz

Das Boarding dauert an, die Abflugzeit ist vorüber. Nur zehn Menschen gleichzeitig dürfen auf den Flugsteig, damit es keinen Stau gibt und der Abstand von 1,5 Meter gehalten werden kann. "Besser wäre Gate A42 daneben gewesen", sagt Aage Dünhaupt, Pressechef von TUIfly, er beobachtet den Prozess. "Der Zugang ist kürzer." Ob die TUI-Gäste Versuchskaninchen seien? "Das würden wir nicht riskieren", sagt er. Ob man in Deutschland unterwegs sei oder nach Mallorca, das sei kein Unterschied.

Im locker besetzten Zug zum Düsseldorfer Flughafen am Vorabend jedoch war es noch einfach, Abstand zu halten. An Bord der TUIfly-Maschine jedoch ist davon schnell nichts mehr zu merken - der Ferienflieger ist knallvoll, bis auf den letzten Platz. Das sei heftig gewesen, sagt Luka Schiffer später. Sie hätte eher Angst um die Gesundheit ihrer Tochter als um sich gehabt.

Der Kapitän entschuldigt sich über die leichte Verspätung aufgrund der Corona-Maßnahmen: "Sicherheit geht vor", sagt er. Auf Mallorca sei sonniges Wetter, 26 Grad Celsius. Die Flugbegleiterinnen verkaufen Snacks und Getränke in Flaschen. Kaffee und Tee sind zurzeit nicht im Angebot. "Bitte mit EC-Karte bezahlen", lautet die Durchsage.

Für die Crew von TUIfly ist es nach drei Monaten der erste Einsatz. "Meinen letzten Flug hatte ich Anfang März", sagt Kabinen-Chefin Iris Sieger, 53, "danach Urlaub, und seitdem bin ich nicht mehr zur Arbeit gegangen." Die Flotte stand am Boden, sie sei noch immer in Kurzarbeit. In 25 Jahren bei TUIfly hätte sie viele Krisen erlebt, aber diese sei schlimmer als 9/11. Die Nachrichten aus der Branche seien beunruhigend, sie sei aber optimistisch. Die Crew sei für sie wie eine Familie. Ihre Augen lächeln über der Maske.

"Mir reicht es jetzt schon"

Die Küste Frankreichs verschwindet aus der Fensterluke. Die Brise der Luftdüsen kitzelt im Haar. Sie soll die Luft so rein wie in einem OP-Saal machen, sagen die Fluggesellschaften. Dafür aber müssten alle Düsen geöffnet bleiben,  sagen Experten. Eine Durchsage dazu oder zu sonstigen Verhaltensregeln gibt es nicht. Die mitreisenden Kamerateams von Bild TV bis Reuters drängeln sich im Gang, um Passagiere und Flugbegleiterinnen einzufangen. Ein Flug wie jeder andere? Heute Morgen nicht. Abstand halten beim Aussteigen? Bestimmt nicht.

Der Flughafen von Palma empfängt mit viel Personal, Polizei und viel Bürokratie, die zum ersten Mal zum Einsatz kommt: Ein "Public Health Locator"-Formular mit 42 Feldern muss ausgefüllt werden - so könne das Gesundheitsamt täglich per Handy nachfragen, ob noch alles in Ordnung sei. Noch ein Formular mit den gleichen Angaben, diesmal für den Flughafen.

"Mir reicht es jetzt schon", grummelt eine Passagierin erbost und kämpft mit Stift, Zettel und rutschendem Handgepäck. "Ich kann das niemandem empfehlen", sagt sie. "Wir haben es ja gewollt", murmelt eine andere ergeben und wartet darauf, von einer Wärmekamera erfasst zu werden. Der Kontrolleur nickt, die Temperatur ist Corona-unverdächtig. Der Weg zur Gepäckausgabe und gen Hotel ist frei.

Endlich wieder Deutsche

Endlich Mallorca. Der Himmel ist blau, das Wasser auch, die Palmen an der Strandpromenade rascheln im Wind. Die Balearen waren die Ersten, die ihre Flughäfen und Häfen aus Angst vor dem Coronavirus dichtgemacht haben. So rühmt sich Francina Armengol später am Tag. Die Ministerpräsidentin der Autonomen Gemeinschaft steht vor einem Pult im RIU Hotel Concordia, nur fünf Fußminuten entfernt vom RIU Bravo. "Wir haben sehr gelitten. Das Bruttosozialprodukt ist stark zurückgegangen", sagt sie auf der Pressekonferenz.

196 Infizierte gebe es noch, sagt die Präsidentin, zwölf weniger als am Sonntag. Insgesamt kommen die Balearen auf etwa 2200 Corona-Fälle. Düsseldorf, wo der TUI-Flug am Morgen startete, kommt mit halb so vielen Einwohnern auf 1538 Fälle. Jetzt seien die Inseln die erste Region Spaniens, die wieder Gäste empfängt. Das Pilotprojekt sei wichtig, um "uns als sichere Destination zu positionieren", sagt Armengol.

Der Marketingeffekt sei enorm, sagt der neben ihr stehende TUI-Vorstand Sebastian Ebel. "So viel Geld könnte man kaum investieren." Jetzt darf es keinen Rückschlag geben.

Endlich wieder Deutsche auf der Insel. Christian Köppen vermisst seine Stammkunden aus der Heimat. Seit vier Wochen hat der 43-jährige Koch aus dem Raum Speyer, der seit 15 Jahren auf Mallorca lebt, das Berlin Amador wieder in Betrieb. Sein Restaurant liegt auf halbem Weg zwischen den beiden an dem Pilotprojekt beteiligten RIU-Hotels, direkt neben der Schinkenstraße - "Totenstraße ist das jetzt", sagt er - und ist eins der wenigen, die hier geöffnet haben. Ein Stammtisch aus deutschen Auswanderern, der sich täglich trifft, diskutiert über Mieten und Makler.

Rinderrouladen hat Köppen normalerweise auf der Karte, Strammer Max, Königsberger Klopse und manchmal Matjes. Normalerweise brummt zu dieser Zeit des Jahres die Bude. Zurzeit verkauft er eher Getränke. Erst hieß es in den Nachrichten, dass er nur ein Viertel seiner Terrasse aufmachen dürfe, dann die Hälfte, dann Dreiviertel des Ganzen. Die Corona-Zwangspause sei fatal, für viele. "Wir werden den Sommer überleben, so viel haben wir gespart", sagt er. Seine Vermieterin ist mit der Miete runtergegangen. Seine beiden Angestellten würden staatlich unterstützt, seine Frau Yvonne und er schmeißen den Laden allein.

"Stand by me"

Im RIU Bravo ist das Büfett eröffnet. Shrimps bei den Vorspeisen, Hähnchenspieße, Pommes frites, überbackene Auberginen bei den Hauptspeisen. Zu den Theken gelangt nur, wer sich am Eingang die Hände desinfiziert und in Einmal-Handschuhe hüllt, eine Temperaturmessung besteht ("36,1 Grad. Guten Appetit!"), und den Einbahnpfeilen auf dem Boden folgt. Verwirrt durch den Maßnahmen-Ansturm hantiert ein Paar noch am Tisch mit Plastik-bewehrten Fingern, Messern und Gabeln. Die Maske liegt neben dem Teller.

Der erste Tag des verzögerten Saisonauftakts an der Playa de Palma geht zu Ende. Er hat einen Ausblick gegeben auf einen Urlaub mit Corona. Auf ein Reisen mit noch mehr Formularen, Kontrollen und Einschränkungen als die, die die Terroranschläge vom 11. September 2001 mit sich brachten. Zumindest bis ein möglicher Impfstoff verbreitet ist. Werden die Menschen das für ein paar Tage an der Sonne in Kauf nehmen?

Es wird dunkel, ein Gitarrenduo zupft auf einer beleuchteten Bühne am Pool seine Saiten. "So darling, darling, stand by me, oh stand by me", singen sie ihre paar Zuhörer an, die sich auf der großen Terrasse verteilen. Mit Abstand.