Foto:

Westend61/ Getty Images

Murnauer Moos in Oberbayern Die Welterbe-Bürde

Der Landkreis Garmisch-Partenkirchen bewirbt sich um den Unesco-Weltkulturerbe-Titel. Manche Einheimische packt das kalte Grausen.
Von Antje Blinda

Unter den Schuhen knackt das Eis auf dem Holzbohlenweg. Links und rechts des schmalen Steges bedeckt Schnee das Hochmoor Langer Filz. Erst im Sommer werden Sonnentau und Rosmarinheide wieder blühen und sich Wanderer aneinander vorbeidrücken. Heute ist es still im winterlichen Murnauer Moos. Kein Mensch zu sehen.

Dem Naturschutzgebiet stehen internationale Ehren bevor. Das größte zusammenhängende Moor Mitteleuropas soll gemeinsam mit vier weiteren Gebieten im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ins Rennen um den Unesco-Weltkulturerbetitel gehen.

Eine Ehre? So denken längst nicht alle. In der 12.000-Einwohner-Gemeinde Murnau erhitzt der jahrelang vorbereitete Antrag seit Wochen die Gemüter. Um eine uralte Kulturlandschaft geht es, den Wachtelkönig, Selfie knipsende Bustouristen, zugeparkte Seen - und vor allem: Wozu sollte der Welterbetitel gut sein? Braucht man den in Oberbayern? Sorgt er für den Tourismus, den man will? Wäre er am Ende nicht mehr Gefahr als Chance?

Fotostrecke

Murnauer Moos und das Unesco-Welterbe: Von Tempeln und Wiesen

Foto: Antje Blinda/ DER SPIEGEL

Auf viel Gegenwind waren die Initiatoren des Antrags aus dem Landkreis zunächst nicht gestoßen - bis er schließlich im Januar im Murnauer Rathaus auf die Tagesordnung kam. Ein Ja des Gemeinderats war essenziell, denn das Moos stellt einen wichtigen Teil des Projekts "Alpine und voralpine Wiesen- und Moorlandschaften" dar. Doch einige Ratsmitglieder leisteten Widerstand. In Zeiten von Overtourism, Gentrifizierung und Kritik an der Eurozentriertheit des Welterbetitels vielleicht nicht überraschend. Doch was genau ist los am Nordrand der bayerischen Alpen?

Ein Selfie im Moos und weiter geht's

Schon jetzt fühlen sich die Murnauer bedrängt. Schon jetzt stellten die aus München anreisenden Tagestouristen an so manchen Sommertagen ein Ärgernis dar: "Am Wochenende sind die Parkplätze heillos überfüllt", sagt die Grundschulrektorin Sabine Pecher, 54. "Die Leute fahren bis in die letzten Ecken, parken überall, auch in den Wohngebieten. Wie soll das erst werden, wenn der Prestigetitel da ist?"

Sie hat zusammen mit zwei ihrer Parteikollegen von der ÖDP, Stefan Lechner und Holger Poczka, in ihr Wohnzimmer geladen, nicht weit vom Rathaus entfernt. Berliner, die hier Krapfen genannt werden, stehen auf dem Tisch, der Kaffee zischt aus einem Espressoautomaten. Alle drei haben in Bauausschuss- und Gemeinderatsitzungen gegen den Antrag gestimmt.

Ihr Albtraumszenario ist das, was in der näheren Umgebung passiert. Das Dorf Grainau zum Beispiel steht regelmäßig vor dem Verkehrskollaps, seitdem die 2017 eröffnete Seilbahn doppelt so viele Gäste wie zuvor auf die Zugspitze schaufeln kann. Und am knapp 30 Kilometer entfernten Walchensee demonstrierten im Oktober Bewohner gegen Besucher, die mit ihren Autos Rettungsgassen und Landwirtschaftszuwege verstellen. Schon lange meidet jeder Oberbayer im Winter Garmisch: zu viel Stau.

Kommt der Welterbetitel, rollen die Reisebusse an, befürchten die drei Murnauer. Und die hätten sie nicht so gern in ihrem beschaulichen Ort am Staffelsee, bekannt für die Blaue-Reiter-Künstler, für Franz Marc und Gabriele Münter. "Sollten die bayerischen Schlösser auch auf die Unesco-Liste gelangen, liegen wir auf der Strecke Neuschwanstein - Linderhof - Wieskirche", sagt ÖDP-Mann Lechner, 54, Gärtnermeister. Ein kurzer Stopp in Murnau, ein Selfie im Moos - und weiter geht's.

"Das hat nichts mit sanftem Tourismus zu tun, den wir als Leitbild in der Gemeinde beschlossen haben", sagt Lechner und befürchtet: "Tourismus kann man nicht regeln. Wenn die Lawine erst mal rollt, ist sie kaum aufzuhalten." Und mit sich bringe sie, so Poczka: steigende Grundstücks- und Mietpreise in einer ohnehin teuren Region und noch mehr Niedriglohn-Arbeitsplätze.

"Ohne Landwirtschaft keine Landschaft"

Im Murnauer Moorgebiet öffnet sich am Ende des Holzbohlenwegs eine weite Ebene mit braunen Streuwiesen, umgeben von spärlich mit Schnee bedeckten Bergen wie dem Großen Aufacker, dem Archtalkopf und dahinter der Zugspitze. Eine Brücke überquert den Lindenbach. Das Moos selbst? Eher unspektakulär.

"Wenn Sie die Landschaft sehen, dann werden Sie sich vielleicht die Frage stellen: Was ist hier so einzigartig?", sagt Rolf Beuting. Der Murnauer Bürgermeister, ebenfalls von der ÖDP, steht hinter den ehrgeizigen Welterbe-Bestrebungen des Landkreises. Das Einzigartige des Mooses erschließt sich tatsächlich nicht auf den ersten Blick: die extreme Artenvielfalt, die Landschaftsformen, die Kulturgeschichte - das alles benötige Erklärung. Und genau dies, so Beuting, werde das Moor auch in Zukunft vor Selfie knipsenden Reisebustouristen schützen.

Überhaupt soll der angestrebte Unesco-Titel die Kultur der Landschaft ehren und nicht die ohnehin schon geschützte Natur. "Wir haben hier eine Form der kleinteiligen Landwirtschaft, die es sonst so nicht mehr gibt", sagt der 52-jährige Bürgermeister, der im Rathaus mit Blick auf die Fußgängerzone sitzt. "Die Landwirte betreiben Landschaftspflege nach uralten Traditionen."

Die meist im Nebenerwerb tätigen Bauern mähen die Moosflächen und verwenden die Mahd als Einstreu für ihre Kuhställe. So halten sie das Naturschutzgebiet baumfrei und damit die Artenvielfalt hoch. Ein Unesco-Titel bringe den Landwirten zwar kein zusätzliches Geld. Er soll sie aber davor bewahren - so die Hoffnung -, dass Fördermittel gestrichen werden. "Ohne Landwirtschaft keine Landschaft und auch kein Weltkulturerbe", sagt Beuting.

"Die Landschaft ist auf jeden Fall zu schützen", sagt auch Kritiker Lechner, der Weltkulturerbetitel aber sei dafür nicht nötig. In Oberbayern sei man wohlhabend genug, um aus eigener Kraft die Landwirtschaftstradition im Murnauer Moos oder in der Almbewirtschaftung zu bewahren, ergänzt Poczka, 57, der Landwirtschaft und Umweltschutz studiert hat. "Das hat in den letzten 20, 30 Jahren funktioniert und wird es auch in Zukunft tun - wenn denn der politische Wille dafür da ist." Andere Regionen der Welt könnten die Unterstützung durch den Unesco-Titel besser gebrauchen.

Mehr Respekt

Bürgermeister Beuting sieht vieles ähnlich wie seine Parteikollegen - am Ende aber überwiegen für ihn die Chancen des Welterbetitels für seine Kommune: "Ähnlich wie die fünf Sterne bei einem Hotel steht in Zukunft bei uns drauf: Fünf-Sterne-Landschaft." Vielleicht fühlten sich dadurch mehr jener Touristen angesprochen, die die Natur respektvoll genießen wollen. Vielleicht könne man ungeliebte Großveranstaltungen loswerden, die genau dies nicht tun. Oder eine Alternative zum sterbenden Wintertourismus im Landkreis bekommen.

Ihm geht vielmehr die Verkehrspolitik des Landkreises gegen den Strich. "Die stammt aus den Siebzigern", sagt er. Der Bau immer neuer Straßen und Tunnel signalisiere, dass die Region leicht mit dem Auto erreichbar sei - und das sei kontraproduktiv. Wochenende für Wochenende drängen vor allem die Münchner aus ihrer stetig wachsenden Stadt gen Alpen.

"Ich würde mir eher die Situation von vor hundert Jahren wünschen", sagt Beuting, als die Bahnverbindung von München gen Garmisch-Partenkirchen schneller als heute war. "Man muss den Leuten klarmachen: Kommt bitte nicht mehr mit dem Auto" - und dafür müsse die Bahnfahrt bezahlbar und bequem sein. Beutings Anliegen für den Welterbetitel-Antrag: ein Managementplan zur Überwachung empfindlicher Moorgebiete, dazu eine Besucher- und Verkehrslenkung samt der dafür notwendigen Finanzierung.

16 Mal Ja für den Antrag

Bisher aber besteht im Landkreis wenig Einigkeit über eine Tourismusentwicklung - zu unterschiedlich ist auch die Ausgangslage der einzelnen Orte: Sollte man weiter stark in den Wintertourismus investieren? Auf Qualität oder Quantität setzen? Wie wäre es mit hohen Park- oder Eintrittsgebühren für Innenstädte, mit Shuttle-Bussen oder Kapazitätsanzeigen für Gastronomie? So praktizieren es bereits andere Gemeinden weltweit, die unter Besucheranstürmen leiden. "Welche Art von Tourismus wir wollen, darüber wurde bisher kaum diskutiert", sagt Poczka vom Murnauer Gemeinderat dazu.

Das sollte man in den kommenden Monaten nachholen, bevor der Antrag 2021 weiter nach Berlin geht und dann ins Welterbe-Zentrum in Paris gereicht wird. Denn trotz der Bedenken unter anderem der drei ÖDP-Politiker hat der Murnauer Gemeinderat mit 16 zu 8 Stimmen für die Bewerbung gestimmt, ebenso wie die größeren Kommunen des Landkreises wie Garmisch, Mittenwald und Oberammergau. Der Weg scheint geebnet.

Der Weg durch das Murnauer Moos entlang des Lindenbachs endet an der Straße nach Grafenaschau. Noch zwei Kilometer langweiliger Asphalt auf der Runde sind zu gehen. Ein betagtes Auto hält an, aus dem Rückfenster späht ein Husky. Die Tür öffnet sich: "Wollen Sie mit? Machen Sie einen Ausflug?" Busse fahren hier selten, sagt der Fahrer. Er nehme immer das Auto nach Murnau.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.