Dünen von Marokko: "Nachhaltiges Reisen wird stark zunehmen"
Dünen von Marokko: "Nachhaltiges Reisen wird stark zunehmen"
Foto: ©weltweitwandern.com

Nachhaltiges Reisen nach Corona "Die Sehnsucht danach ist da, und sie wird immer stärker"

Der Tourismus leidet extrem in der Coronakrise, trotzdem könnte gerade nachhaltiges Reisen gestärkt hervorgehen. Veranstalter Christian Hlade glaubt: "Urlaub wird wieder wertvoller." Was braucht es dafür?
Ein Interview von Bettina Musall

SPIEGEL: Das Konzept Ihres Unternehmens Weltweitwandern , das sogenannte nachhaltige Reisen, sucht den Kontakt mit Menschen vor Ort, nimmt Rücksicht auf Kultur und Natur und kostet oft etwas mehr als ein Pauschaltrip. Hat nachhaltiges Reisen noch eine Chance, wenn nach einer Wirtschaftskrise viele Menschen weniger Geld haben?

Hlade: Ganz sicher. Ich höre auch von großen Veranstaltern und Verbänden, dass nachhaltiges Reisen stark zunehmen wird. Wir machen das jetzt seit 20 Jahren und sehen diese Krise als reale Möglichkeit, das verantwortungsbewusste Reisen auch in der Breite weiterzuentwickeln.

SPIEGEL: Worauf gründen Sie Ihre Vermutung?

Hlade: Wir haben jetzt schon Anfragen von Menschen, die endlich wieder in die Welt hinauswollen, sobald es uns erlaubt ist. Das sind nicht nur Stammkunden, sondern auch neue Gäste, die für die Zeit nach der Krise planen. Viele kaufen jetzt schon Reisegutscheine, ohne überhaupt zu wissen, wann genau es losgeht und wohin.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das besondere Interesse an nachhaltigen Reisen?

Hlade: Das hat sicher auch damit zu tun, dass viele Menschen die Isolation und das Eingesperrtsein gesundheitlich als sehr belastend empfinden und sich von der unberührten Natur, von Reisen in Gemeinschaft, von der Einfachheit so etwas wie Genesung versprechen. Die Sehnsucht danach ist da, und sie wird immer stärker.

SPIEGEL: Der Tourismus liegt weltweit am Boden. Wie kann es weitergehen?

Hlade: Wir fangen jetzt schon an, uns auf die Zeit nach der akuten Krise vorzubereiten, indem wir die Zeit nutzen, um uns weltweit miteinander und mit anderen Reiseveranstaltern digital besser zu vernetzen. Wir bieten online Workshops zum nachhaltigen Reisen an oder Ausbildungen und Fortbildungen, etwa zum Tourguide.

SPIEGEL: Werden nicht erst einmal alle, Reisende wie Veranstalter, so schnell und unbekümmert wie möglich überall hinreisen wollen?

Hlade: Sicher, es werden nicht 100 Prozent der Leute nachhaltig reisen, so wie nicht 100 Prozent im Bioladen einkaufen. Aber wenn wegen der Abstandsregelung weniger Menschen gleichzeitig in einem Flugzeug sitzen dürfen, wird das Fliegen halt teurer werden, und entsprechend weniger Leute können gleichzeitig anreisen.

SPIEGEL: Da werden sich die Hotels in den Urlaubsländern freuen.

Hlade: Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Auf Madeira zum Beispiel lag die durchschnittliche Aufenthaltsdauer vor Corona bei vier bis fünf Tagen. Wenn jetzt nur ein Drittel der Leute dorthin reist, dafür aber 14 Tage bleibt, haben sie dort die gleiche Auslastung. Und das Klima würde enorm profitieren.

SPIEGEL: Viele Touristen können sich keine teuren Flüge leisten.

Hlade: Man kann es auch so sehen: Der Urlaub wird wieder wertvoller. Zu billige, zu kurze Reisen, wie das Shoppingwochenende in New York oder die Abifeier auf Mallorca, so etwas ist ökologisch ein Problem. Die Reisedauer hat in den vergangenen 20 Jahren ständig abgenommen, dafür wurde häufiger gereist.

SPIEGEL: Das ist für viele zur lieb gewonnenen Gewohnheit geworden.

Hlade: Aber das ändert sich auch. Wir haben schon vor Corona gemerkt, dass längere Bus- oder Zuganreisen wieder im Kommen sind. In 24 Stunden ins wunderschöne Bulgarien, da ist schon die Anreise ein Teil des Urlaubs, wenn Sie es toll gestalten. In Zukunft werden wir vielleicht weniger reisen, dafür länger. Wenn seltener geflogen und dafür länger geblieben würde, könnten wir allein dadurch zwei Drittel CO2 einsparen.

Montenegro: "Die Sehnsucht nach unberührter Natur, nach Reisen in der Gemeinschaft, nach Einfachheit ist da, und sie wird immer stärker"

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Foto: ©weltweitwandern.com

SPIEGEL: Was können die Reiseveranstalter tun, damit das verantwortungsbewusste Reisen in Zukunft noch attraktiver wird?

Hlade: Wir denken unter anderem darüber nach, wie die Gäste sich digital auf die Reise vorbereiten können. 

SPIEGEL: Und wie geht das?

Hlade: Sie könnten mit Ihrem Reiseführer in Marrakesch schon vor Reiseantritt mal eine Stunde plaudern. Oder mit Ihrem Sherpa in Nepal besprechen, welche Bergschuhe sie brauchen. Mit den digitalen Konferenz-Tools, die wir jetzt in der Krise weiterentwickeln, kann man Menschen ganz schnell weltweit zusammenbringen.  

SPIEGEL: Sie sind also optimistisch, dass Corona eher ein Geburtshelfer für das nachhaltige Reisen werden könnte, nicht der Totengräber?

Hlade: Ganz sicher. Wobei auch in Zukunft Anbieter günstiger, nicht nachhaltiger Reisen gute Geschäfte machen werden.

SPIEGEL: Braucht es einen politischen Impuls zur Förderung nachhaltiger Reisen?

Hlade: Es braucht eine Transparenz der Kosten, das Fliegen muss teurer sein. Wenn Kerosin nicht besteuert wird, wird es ja quasi gefördert und nicht ins Verhältnis zur Umweltzerstörung gesetzt.

SPIEGEL: Sie veranstalten unter anderem Reisen nach Afrika und Asien. Wie geht es Ihren Partnern und Partnerinnen jetzt dort?

Hlade: In Ländern wie Marokko oder Nepal leben viele Menschen vollständig vom Tourismus, die für uns als Träger, als Fahrer oder Führer arbeiten. Die haben jetzt gar kein Einkommen mehr, und es sah so aus, dass da Leute vom Verhungern bedroht sind. Wir haben einen Hilfsfonds gestartet, es ist wirklich großartig, wie viele unserer Kunden dazu schon beigetragen haben und noch beitragen, sodass unsere freien Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für die nächsten Monate gesichert sind. 

SPIEGEL: Wie viele Menschen sind davon betroffen?

Hlade: Wir haben das selbst unterschätzt. In Marokko hängen rund 90 Familien allein an unserem Unternehmen, weltweit dachten wir, es sind vielleicht 600. Aber jetzt haben wir das genauer erhoben: Es sind Tausende, denn hinter jedem Einzelnen stehen zum Teil große Familien.

SPIEGEL: Wie lange können Sie die absichern?

Hlade: Die Krise wird ein Marathon, da bin ich sicher. Wir haben viele unserer Gäste überzeugen können, ihre Reise nicht zu stornieren, sondern zu verschieben. So konnten wir unseren Partnern vor Ort schon Anzahlungen für das nächste Jahr im Voraus überweisen.

Schule in Nepal: In Lingshed in Ladakh hat Christian Hlade in den Neunzigerjahren eine Solarschule gebaut und eingerichtet

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Foto: ©weltweitwandern.com

SPIEGEL: Sie haben in einigen Ihrer Zielländer Bildungs- und Hilfsprojekte unterstützt. Wird das noch gehen, wenn Sie selbst an Ihre wirtschaftlichen Grenzen kommen?

Hlade: Wir haben einen eigenen Verein , der diese Projekte betreut. Ich dachte, das würde jetzt ganz schwierig, stattdessen stellen wir fest, dass auch hier die Spenden stark gestiegen sind.

SPIEGEL: Wagen Sie eine Prognose, ob wir noch in diesem Jahr wieder in die Welt  reisen können?

Hlade: Für meine Firma habe ich ein Szenario, das nicht davon ausgeht, bald wieder Mittel- und Langstrecke fliegen zu können. Die aktuellen Aussichten in unserer Reiseveranstalterbranche sind äußerst deprimierend und düster. Für uns bedeutet das ein radikales Schrumpfen und längeres Runterfahren der meisten unserer Reiseaktivitäten. Aber das erschreckt mich nicht. Ich bin als Unternehmer und weltweiter Wanderer schon in so mancher brenzligen Situation gewesen. Daher weiß ich: Auch aus dem tiefsten Tal gibt es immer einen Weg heraus und nach oben.

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