Tui-Klub auf Rhodos: Noch gibt es keine e-Flugzeuge
Tui-Klub auf Rhodos: Noch gibt es keine e-Flugzeuge
Foto: EyesWideOpen / Getty Images

Tourismus und Klima Warum hält die deutsche Reisebranche ihren Jahreskongress in Griechenland ab, Herr Zeiss?

Tourismus ist für acht Prozent der Klimaemissionen verantwortlich. Auf der Jahrestagung gab die Branche ein Klima-Positionspapier heraus – alle 400 Teilnehmer flogen dazu an die Costa Navarino.
Ein Interview von Antje Blinda

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SPIEGEL: Der Deutsche Reiseverband (DRV) hat ein Positionspapier zum Klimaschutz veröffentlicht. Gerade hat der Verband seine Jahrestagung an der Costa Navarino in Griechenland abgehalten, mehr als 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer reisten mit dem Flugzeug an – darunter auch Sie als DRV-Vorsitzender des Ausschusses Nachhaltigkeit. Wie passt das zusammen?

Harald Zeiss: Diese Veranstaltung war auf der einen Seite schon lange geplant – und ist im Übrigen vollständig CO₂-kompensiert. Zum anderen war aber genau dieser Konflikt auch Teil des Gespräches, nämlich: Ist das noch zeitgemäß? Wobei die Tourismusbranche natürlich im Dilemma ist, wenn sie selbst nicht mehr in eine Destination fliegen würde. Dann würde sie das ganze Konzept des Reisens und der Mobilität infrage stellen.

SPIEGEL: Na ja, man muss ja nicht gleich das Fliegen verbieten, könnte aber Flüge auch im Geschäftsreisebereich verantwortlich einsetzen. Eine Tagung mit deutschen Teilnehmern über Themen der deutschen Branche hätte man ja gut zu Hause veranstalten können.

Zeiss: Ja, auf der Tagung habe ich als Moderator einer Podiumsdiskussion versucht, das transparent zu machen: Jeder von uns, der im Flugzeug von Berlin nach Griechenland saß, hat die Emission von rund einer Tonne CO₂ verursacht – umgerechnet sind das drei Quadratmeter Eisfläche, die geschmolzen sind. Das zeigt, dass wir verantwortungsvoll mit der Mobilität umgehen sollten. Der Tourismus trägt immerhin bis zu acht Prozent bei den Klimaemissionen weltweit bei. Gleichzeitig bringt er vielen Ländern viel Positives, schafft so viele Jobs und so viele Erlebnisse und macht die Welt erhaltenswerter für die, die gereist sind – ein Spannungsfeld.

»Ich erlebe den Wandel in der Branche als extrem schnell.«

SPIEGEL: Was ist die Position des DRV zum Klimaschutz?

Zeiss: Unsere Ansatzpunkte sind – so steht es auch in dem Positionspapier – zum einen: Wir müssen uns bemühen, dass die Mobilität, ohne die unsere Reisewirtschaft nicht funktionieren wird, deutlich klimafreundlicher wird. Und zum anderen: Die Verantwortung liegt beim Konsumenten. Die Kunden werden ihren eigenen Konsum kritisch hinsichtlich ökologischer, sozialer Auswirkungen betrachten müssen und im Zweifel anders buchen: im reduzierten Umfang oder – und das ist der Paradigmenwechsel – gar nicht.

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SPIEGEL: Bewegt sich die Branche in Sachen Klima und Nachhaltigkeit?

Zeiss: Ich erlebe den Wandel in der Branche als extrem schnell. Es gibt sehr viele, die schon aktiv sind, alle auf ihre eigene Art. Ich kann mich noch an Präsentationen erinnern, wo mir bedeutet wurde, dass das mit dem Klimawandel alles Kokolores sei. Diese Reaktionen bekomme ich nicht mehr. Eher, dass einige kleinere Veranstalter nicht wissen, was sie da jetzt ändern könnten, weil die Herausforderungen so massiv sind: Im Durchschnitt entstehen rund 80 Prozent der gesamten Emission einer Urlaubsreise durch die Mobilität und durch den Flug – und es gibt eben einfach noch keine e-Flugzeuge, die Flieger benötigen weiterhin Kerosin aus fossilen Brennstoffen.

SPIEGEL: Sie waren selbst bis 2016 leitender Nachhaltigkeitsmanager der TUI – wie ist die Lage bei den großen Reiseveranstaltern?

Zeiss: Die sind erstaunlich weit. Bei der TUI zum Beispiel hieß die Strategie zwischen 2015 und 2020 »Better Holidays, Better World«. Das Ziel – zehn Prozent weniger CO2-Emissionen, zehn Millionen Gäste in grünen Hotels, zehn Millionen Euro für nachhaltige Projekte – wurde auch umgesetzt. Die DER Touristik gibt aktuell zu ihrem Programm »Der Welt verpflichtet« einen Katalog für ökologisches, verantwortungsvolles Reisen heraus. Allerdings buchen die Kunden sehr zögerlich. In den Bereichen, wo es wirtschaftlich sinnvoll ist, wird sowieso vieles geändert, etwa Wassersparprogramme in Hotels. Überhaupt: Gerade in der Hotellerie – den eigenen Hotels der Veranstalter und den Vertragshotels – hat sich viel getan.

»Ziel ist, den CO₂-Footprint für jede Reise ermitteln und transparent machen zu können.«

SPIEGEL: Sie sagen, die Verantwortung liegt bei den Konsumenten und Konsumentinnen. Das wird ihnen manchmal nicht leicht gemacht: Wenn man über die Internetseite zum Beispiel von TUI eine möglichst nachhaltige Reise buchen will, kann man in der Suchmaske »glutenfreie Kost« oder »Urlaub mit Hund« als Auswahlkriterien ankreuzen, aber nicht »klimafreundlich« oder »mit Nachhaltigkeitssiegel«.

Zeiss: Das stimmt, das gab es früher mal, aber auch sehr versteckt. Da setzt vielleicht auch die »Klimabilanzierung« an, ein sogenanntes Branchenprojekt von Futouris, das wir mit Wissenschaftlern und Praxispartnern 2022 und 2023 ausarbeiten werden. Ziel ist, den CO₂-Footprint für jede Reise ermitteln und transparent machen zu können, dafür wollen wir branchenweit eine einheitliche Methode etablieren. Die CO₂-Emission soll nicht nur für den Flug, sondern auch für Transfer, Hotel und so weiter berechnet und in Datenbanken vorgehalten werden. Das Ganze wird in die Reisebuchungssysteme eingespielt, sodass der Kunde im Reisebüro oder der Veranstalter eine Gesamtsumme für seine Reise erhält.

SPIEGEL: Und dann?

Zeiss: Die Kunden können entscheiden, wie sie reisen wollen, und gegebenenfalls die Emission kompensieren, ebenso die Reiseveranstalter.

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SPIEGEL: DRV-Präsident Norbert Fiebig sagte auf der Tagung: »Aktuell sehen wir nach wie vor noch eine starke Diskrepanz zwischen dem häufig geäußerten Wunsch nachhaltig zu reisen und der tatsächlichen Buchungsentscheidung des Kunden« – genauso sehen das auch Tourismusforscher. Überlässt man die Entscheidung den Kundinnen und Kunden, wird sich eventuell nicht viel verändern?

Zeiss: Ja – wenn das Angebot nicht klimafreundlich ist, dann kann der Kunde auch nichts machen, außer gar nicht zu buchen. Wenn es aber klimafreundlichere Angebote gibt, dann ist die Frage: Wie bekommen wir den Kunden dazu, die klimafreundlichere oder nachhaltigere Variante zu wählen? DER Touristik hat sich entschieden, ihren Katalog sehr ansprechend zu gestalten, um Verständnis für das Thema zu wecken. Nun ist es aber nicht so, dass die Kunden alle gleich sind.

SPIEGEL: Was bedeutet das?

Zeiss: Ich glaube, dass sich die Anzahl der Kunden erhöht, die sich tatsächlich Gedanken macht, wie gereist wird. Das hat nicht nur Corona, sondern auch Fridays for Future und die Klimadiskussion bis hin zu Glasgow mit sich gebracht. Dann gibt es aber die ganz große Kundengruppe, die eher wenig Geld verdient, einfach mal Urlaub braucht und sich keine Gedanken machen will über Klimaschutz oder Nachhaltigkeit. Und die zu erreichen, das wird die Herausforderung sein, denn bei einem knapp kalkulierten Drei-Sterne-Hotel-Aufenthalt für eine Familie spielen 100 Euro mehr für die Kompensation schon eine Rolle.

SPIEGEL: Oder man gestaltet die Reisen so, dass für kürzere Anreisen keine Flüge angeboten werden und Fernreisen nicht unter drei Wochen möglich sind?

Zeiss: Das funktioniert nur bei Rundreiseangeboten von Spezialanbietern. Wie etwa Studiosus, einer der größten Rundreiseanbieter in Deutschland, der seit Januar alle Reisen kompensiert. Ebenso »Reisen mit Sinnen« oder Anbieter, die sich zum Forum Anders Reisen zusammengeschlossen haben. Die bedienen aber eine Kundschaft, die eine höhere Akzeptanz dafür hat als der Massen- oder Volumenmarkt, wo aufs Geld geschaut wird. Dort gibt es durch die sogenannte dynamische Paketierung jede Saison weniger vorgefertigte Pakete. Das Buchungssystem sucht sich vielmehr wie ein individueller Reisender einen Flug, ein passendes Hotel und dann den Transfer und die Reiseleitung dazu.

SPIEGEL: Ein Blick in die Zukunft?

Zeiss: Ich beobachte, dass sich insgesamt die Anspruchshaltung der Gäste ändert, dass Luxus anders definiert wird. Benötigt man jeden Tag einen Handtuchwechsel? Die Antwort ist inzwischen ganz klar Nein. Über Erdbeeren im Winter wird die Stirn gerunzelt und auch über Plastikstrohhalme. Das sind nur Details, die vielleicht unsere Welt nicht retten. Aber die Branche muss sich zunehmend die Frage stellen: Ist das, was wir hier anbieten, im Sinne des Gastes? Das Noma in Dänemark, das zum weltbesten Restaurant der Welt gewählt wurde und seit Jahren viel Wert auf Nachhaltigkeit legt, ist ein schönes Beispiel für eine Entwicklung, die uns zeigt, wie die Zukunft aussehen wird: vermutlich mit mehr Authentizität, Regionalität und slower – das denke und hoffe ich. Da wird sich die gesamte Leistungskette anpassen müssen.

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