Cagliari: »Im Hafen sahen wir ein massives Aufgebot der Marine, bestimmt 20 Kriegsschiffe«
Cagliari: »Im Hafen sahen wir ein massives Aufgebot der Marine, bestimmt 20 Kriegsschiffe«
Foto: Stefano Garau / iStockphoto / Getty Images

Nato-Übung auf Sardinien Wo Urlaubssegler auf Kriegsschiffe treffen

Im Mai startet die Urlaubssaison rund um Sardinien. Hobbysegler wollen hier weg vom Stress, weg von schlechten Nachrichten. Doch dieses Jahr kommen nicht nur Touristen – sondern auch Soldaten.
Von Marc Bielefeld

Anfang Mai, Südsardinien, die Lufttemperatur liegt deutlich über 20 Grad, die Strände funkeln, das Wasser ein Traum in Resedagrün. Die ersten Urlauber sitzen in den Beachbars, Wassersportlerinnen und Wanderer sind unterwegs.

Nach den Coronawellen der vergangenen Jahre hoffen die Sarden auf einen normalen Sommer.

Aus dem Süden der Insel brechen die ersten Seglerinnen und Segler auf, um den berühmten Maddalena-Archipel im Norden zu erreichen. Andere kreuzen an der Südküste entlang, um nach Sizilien zu gelangen oder zu den Inseln im Süden Sardiniens, darunter auch das deutsche Ehepaar Stefanie, 47, und Matthias Legler, 64. Die beiden wollen die nächsten Wochen an Bord ihrer Jacht »Shuenga« verbringen. Auf ihrer Route liegen schöne Ankerplätze, kleine Marinas, mehlweiße Strände.

Das eigentliche Ziel aber ist – wie bei vielen Reisenden: weg vom Stress, weg von all den schlechten Nachrichten und Bedrohungen unserer Zeit. Ein paar Tage Eskapismus.

Doch so einfach ist das nicht.

Ehepaar Stefanie und Matthias Legler: Sie suchten ein paar Tage Eskapismus – und fanden Kriegsschiffe

Ehepaar Stefanie und Matthias Legler: Sie suchten ein paar Tage Eskapismus – und fanden Kriegsschiffe

Foto: privat

Mitte Mai verkündet die sardische Zeitung »L’Unione Sarda« auf ihren Onlineseiten: »Sofortiger militärischer Blitzschlag rund um Sardinien – mit einer Last-Minute-Verordnung werden 17 Bereiche im Meer gesperrt, vor den berühmtesten Stränden der Insel.«

Die sardische Zeitung spricht von einem beeindruckenden Manöver: Mehr als 4000 Soldaten aus sieben Nato-Staaten sollen an Bord von mehr als 65 Schiffen und U-Booten sein, darunter der italienische, mit F-35-Kampfjets bestückte Flugzeugträger »Cavour«. Landungen mit amphibischen Mitteln seien geplant, eine Demonstration von Feuerkraft, eine Generalprobe der neuesten Waffen. Manche Segler trauen ihren Augen nicht, Urlauberinnen lesen zweimal: Sie erfahren von einem der größten Nato-Manöver der vergangenen Jahrzehnte, angekündigt mit wenigen Tagen Vorlaufzeit.

Und das in einer Region, in der besonders der Wassersport beliebt ist. Im Mittelmeer ist die Konzentration an Sportbooten weltweit am höchsten. Die Umweltschutzorganisation WWF schätzt, dass die mediterranen Häfen rund 400.000 privaten Jachten Platz bieten. Vor allem die Côte d’Azur, die Balearen und Sardinien sind die weltweit größten Zentren des Jachtsports. An die 40 Marinas gibt es allein auf Sardinien, dazu unzählige Ankerbuchten, Stege, kleine Inseln.

Kriegsschiffe vor Bergpanorama: Immer wieder finden auf Sardinien Nato-Übungen statt

Kriegsschiffe vor Bergpanorama: Immer wieder finden auf Sardinien Nato-Übungen statt

Aber Sardinien ist eben auch: eine Militärzone. Mehr als 35 Jahre liefen amerikanische Atom-U-Boote den US-Stützpunkt auf La Maddalena im Norden an, bis dieser 2008 geschlossen wurde. Im Süden der Insel hält die Nato seit Jahrzehnten Übungen ab, testeten Militär- und Rüstungsfirmen schon ihre Waffen. Besonders der Truppenübungsplatz im Südosten sorgt immer wieder für Ärger. In Salto di Quirra liegt eines der größten militärischen Sperrgebiete Europas. Das Areal, das bis zum Rand der Puderzuckerstrände reicht, ist als »Müllkippe der Nato« in Verruf geraten. Umweltschützer, Einwohnerinnen und Hotelbesitzer protestieren öfter dagegen – bisher ohne Erfolg.

Das Manöver soll bis zum 27. Mai dauern, und tatsächlich sind bis dahin erstmals einige der goldenen Strände im Süden vorübergehend gesperrt, die vor allem Einheimische mit ihren kleinen Booten gern ansteuern. Zwischen Villasimius und Muravera, vor den Stränden von Cala Pira und Capo Ferrato ziehen nun graue Stahlriesen durchs Meer, wobei sich vor allem die Hobbykapitäne in der Region an spontan verhängte Regeln halten müssen. Die betroffenen Seegebiete sind durch bestimmte Koordinaten gekennzeichnet, dürfen nur noch an bestimmten Tagen und zu bestimmten Zeiten befahren werden. An vielen Stellen gilt bis Ende Mai: Durchfahrt, Ankern, Tauchen, Baden, Fischen streng verboten.

La Maddalena: Seglerinnen und Segler sind es – besonders in dieser Region – gewohnt, auf Militärzonen zu achten

La Maddalena: Seglerinnen und Segler sind es – besonders in dieser Region – gewohnt, auf Militärzonen zu achten

Foto: SimonSkafar / Getty Images

Nun ist es für Seglerinnen und Segler nicht außergewöhnlich, auf Militärzonen zu achten – besonders nicht in dieser Region.

Beim Runden der Kaps, auf Höhe Porto Pino, müssen die Skipper zum Beispiel immer gut auf die Seekarten schauen. Eine rote Linie markiert einen Sperrbereich, versehen mit der Notiz: »Firing Practise Area«. Militärübungen könnten in diesem Gebiet stattfinden, Porto Zafferano liegt innerhalb einer Nato-Zone, wo Ankern und Landgänge strikt untersagt sind. Militärische Sperrgebiete und »Submarine Areas« liegen öfter vor den Küsten. Die Sportboote umfahren sie, achten auf aktuelle Hinweise in den Hafenbüros, hören den Funk auf Kanal 16 ab.

Doch die Größe des Manövers in Kombination mit der kurzfristigen Ankündigung stiftet Verwirrung:

Der Hafenmeister im kleinen Carloforte sagt, man müsse bestimme Distanzen zur Küste einhalten, mal sechs, mal zwölf, mal 24 Seemeilen. Jeden Tag sei das anders, am besten wende man sich an die Küstenwache: »Die wissen Bescheid.« Die Dame vom Segel-Charterer CS in Cagliari sagt auf die Frage, wie es derzeit mit dem Segeln im Süden bestellt sei: »So lala.« Sie würden ihren Kunden die genauen Positionsdaten der Sperrgebiete mitgeben. Die Koordinaten verrieten, wo man nicht entlang und nicht hineinfahren dürfe. Viele der ausgerufenen Seegebiete seien von morgens um 6 Uhr bis nachmittags um 16 Uhr gesperrt. Von einigen Jachten im Süden ist indes zu hören, dass sie festsitzen und sich nicht mehr trauen, die geplante Route zu segeln.

Tornado: »Am Himmel flogen Kampfjets, aber das ist ja nichts Ungewöhnliches hier«

Tornado: »Am Himmel flogen Kampfjets, aber das ist ja nichts Ungewöhnliches hier«

Foto: Daniele Faccioli / Stocktrek Images / Getty Images

Anfang des Monats lag auch das deutsche Seglerpaar Legler noch in Cagliari. »Im Hafen sahen wir ein massives Aufgebot der Marine, bestimmt 20 Kriegsschiffe«, sagt Matthias Legler, 64. »Am Himmel flogen Kampfjets, aber das ist ja nichts Ungewöhnliches hier.« Erst als die beiden später von der Isola di San Pietro lossegeln wollen, hören sie vom Manöver. Von der Küstenwache lassen sie sich Karten geben, darin eingetragen die Quadranten, die gesperrt sind. Legler kennt das schon: »Man muss sich erkundigen, welche Sperrgebiete aktiv sind, und dann fummelt man sich da so durch.« Und falls man in so eine Zone hineingerate, würde man »freundlich« wieder hinaus eskortiert.

Genau das passiert am Tag darauf. Die Leglers segeln plötzlich mitten in einem Pulk von Kriegsschiffen. Legler schreibt per Handy: »Jetzt sind wir umzingelt.« Kurz darauf: »Das war’s, ein Nato-Schiff hat uns aufgefordert, abzudrehen – wir sind in die Firing Exercise Zone gesegelt, obwohl wir außerhalb der Sperrzone sind. Nun bekommen wir sehr höfliche Anweisungen, wie lange wir nach Süd müssen, um das Gebiet zu verlassen.« Beeinträchtigt durch das Marinemanöver fühlt sich Legler dennoch nicht. »Gut, dass sie diese Übungen hier machen«, sagt er. »Wer weiß, ob wir das bald noch in echt brauchen.«