Foto: Gerard Anton

Packrafting Erst Rucksack, dann Kajak, dann Abenteuer

Wandern und Paddeln zu kombinieren, das war lange ein Traum vieler Outdoorfans. Mit dem Packraft geht das. Es ermöglicht völlig neue Abenteuer - gern auch vor der Haustür.
Von Moritz Becher

Holger Heuber steht mit zwei Freunden am Surprise Lake. Der Name passt zum See, er liegt im Krater des Vulkans Mount Aniakchak in Alaskas Aleuten-Inselkette. Bis hierher, ins Nirgendwo, sind die drei vom Outbackflugplatz weglos durchs Niemandsland gewandert. Und nun, am Ufer des Überraschungssees, ziehen die Extremsportler ihre Packrafts aus den Rucksäcken - und lassen sich mit ihnen bis in den Golf von Alaska treiben, durch teilweise schweres Wildwasser und eine atemberaubend schöne und zugleich einsame, menschenfeindliche Natur.

Packrafts - ein Mischwort aus pack, englisch für Rucksack, und raft, englisch eigentlich Floß, aber denglisch eben ein Raftboot - erfüllen viele Wünsche: Mit den Rucksackbooten lassen sich Wandern und Paddeln, zwei eigentlich unvereinbare Frischluftaktivitäten, miteinander kombinieren. Ein weiteres Spielzeug, das die Outdoorbranche seit Beginn des globalen Ultralight-Hypes hervorgebracht hat.

Fotostrecke

Packraft: Ein Rucksack, der zum Kajak wird

Foto: Holger Heuber

"Ganz ehrlich: Als ich vor circa sechs Jahren auf einer Messe die ersten Packrafts aus Kanada gesehen habe, dachte ich, für mich als Wildwasserpaddler, der seit über 40 Jahren im Boot sitzt, ist das nichts", erzählt Holger Heuber, 57, Extrempaddler, Extrembergsteiger und Extremgleitschirmflieger, mit Profikletterer Stefan Glowacz hat er schon viele Expeditionen in die Berge dieser Welt unternommen. Doch Heuber ist restlos begeistert.

Mittlerweile bietet er in seiner Kanuschule im oberbayerischen Stephanskirchen bei Rosenheim selbst Packraftingkurse an. Obwohl es die gar nicht mal zwingend bräuchte, solange man sich nicht sofort in Wildwasser III stürzt. "Jeder, der schwimmen kann und eine Grundaffinität zu dem Medium Wasser hat, kann mit dem Packraft tolle, sichere Sachen erleben", sagt er.

Paddelabenteuer vor der Haustür

Packrafting in der Expeditionsecke zu verorten, wäre grundverkehrt. Im Gegenteil: Die Nutzung dieser Wassergefährte ist unkompliziert und vergleichbar sicher. Das wahre Erfolgsgeheimnis der transportablen Treibmittel liegt allerdings nicht nur auf dem Wasser. "Es geht eigentlich um den Kombinationsgedanken, zum Beispiel aus Wandern und Paddeln – und der Kreativität, was man daraus macht", sagt Sven Schellin.

Er war als Schüler und Student zunächst begeisterter Paddler, war dann aus Logistik-Frust aufs Wandern und Trekking umgestiegen - und ist 2007 schließlich auf das Konzept von Packrafts gestoßen. "Ich habe damals aktiv nach einer Möglichkeit gesucht, meine beiden Leidenschaften - das Trekking und das Paddeln - miteinander verbinden zu können." Kurz darauf gründete er mit einem Partner zunächst die Plattform Packrafting.de , später einen spezialisierten Webshop für Packrafting-Artikel mit zahlreichen Eigenentwicklungen.

Für ihn liegt der Reiz darin, eine völlig neue Art von Abenteuern zu erleben, gern direkt vor der eigenen Haustür. Das Rucksackboot löst dabei Grenzen auf, die es zuvor gab - zu Land wie zu Wasser. Gerade in Corona-Zeiten beobachtet er eine steigende Nachfrage: "Aktuell sind Fernreisen ja schwierig, dann wollen viele Menschen wenigstens etwas Spezielles, Besonderes zu Hause machen", sagt Schellin.

Packrafting - Ausprobieren, ausleihen, ausfahren

Packrafts gibt es mittlerweile in zahlreichen Varianten, von der klassischen Ein-Personen-Version wie dem Nortik TrekRaft (Preis: ab 629 Euro) oder dem Anfibio Rebel 2K (Preis: 849 Euro) bis zu Zwei-Personen-Expeditionsmodellen wie dem Barracuda R2 Pro (Preis: 2149 Euro) oder dem Nortik Duo Expedition Packraft (Preis: 999 Euro).

 

Das Erstaunliche eines Packrafts liegt in einem ebenso simplen wie genialen Konzept: Es ist ein – banal und ungerecht formuliert – Schlauchboot aus sehr leichtem, dünnem Material, das zwischen zwei und drei Kilogramm auf die Waage bringt und außerordentlich gutmütig selbst in Wildwasser Klasse II mit seinem Insassen umgeht.

Bei Nichtgebrauch schwindet es auf das Packmaß eines Zweipersonenzelts und ist so kinderleicht im oder am Rucksack zu transportieren, samt teilbarem Paddel. Die großen und unverrückbaren Nachteile und Schreckgespenster eines "normalen" Kanus sind komplett eliminiert: keine großen logistischen Verrenkungen mit vorher zu parkenden Shuttle-Fahrzeugen an Ein- und Ausstieg, keine Notwendigkeit einer XXL-Garage zur Lagerung eines Festrumpfbootes. Im Gegenteil, Packrafts sind zu 100 Prozent Bus- und Bahn-tauglich.

Kippstabil und Einsteiger-tauglich

Thema Sicherheit? Natürlich eine Frage der Gewässerwahl, aber zum Kentern bedarf es fast schon einer entschlossenen Mutwilligkeit - ohne Zutun von derbem Wildwasser, Felsen oder im Wasser liegenden Bäumen. Anders formuliert: Packrafts sind unglaublich kippstabil – und somit voll Einsteiger-tauglich. Der Einsatzbereich reicht vom nachmittäglichen Mikro- bis zum mehrwöchigen Makro-Abenteuer.

Entgegen ihrer fragilen Anmutung und Leichtigkeit trotzen die Luftschiffchen Fels- und Grundberührungen in erstaunlich hohem Maße. Möglich ist diese gefühlte Unvereinbarkeit durch neue Materialentwicklungen. In der Regel verwenden die Hersteller ein mit TPU (thermoplastisches Polyurethan) beschichtetes Nylongewebe. Diese Stoffe sind nicht nur extrem widerstandsfähig und abriebfest, sondern dabei auch noch verblüffend leicht.

"Wir haben mal eines unserer Test-Packrafts auf einem Schotterweg platziert, zwei Säcke mit Steinen hineingelegt und es dann mit einem Seil mehrere hundert Meter hinter uns hergeschleift, um die notwendige Robustheit zu testen", erzählt Steffen Sator, Geschäftsführer der Out-Trade GmbH und Betreiber der Plattform Faltboot.de . Als einer der ersten europäischen Firmen hatte Sator sich 2014 dem Thema Packrafting angenommen und eigene Modelle entwickelt.

Aufgepumpt wird mit einem winddichten Stoffsack, der auf eine große Ventilöffnung gedrückt oder geschraubt wird. Dieses System erscheint auf den ersten Blick extrem langwierig, entpuppt sich aber als wirklich clevere Methode: "Luft einfangen", obere Sacköffnung zuklappen, mit angewinkeltem Oberkörper die Luft ins Ventil drücken - was ein wenig nach spontaner Blinddarm-Attacke aussieht. Wiederholen.

Der letzte Schliff fürs Schiff erfolgt per Mundventil. Sitz, Lehne und optionale Bodenmatte sind ebenfalls aufblasbar. Mit etwas Übung ist ein Packraft so in unter fünf Minuten einsatzbereit. Etwaiges Gepäck lässt sich mit Spanngurten oder flexiblen Packnetzen an den Materialschlaufen an Deck sichern. Das Design der meisten Modelle ist ein bestmöglicher Kompromiss aus Wildwassertauglichkeit und Geradeauslauf. In Formsprache: hochgezogener Bug gegen wuchtige Schwallwellen, spitz zulaufendes Heck für einen einigermaßen brauchbaren Geradeauslauf.

Nichts für stehende Gewässer

Allerdings: "Wenn man auf stehenden Gewässern lange Distanzen überwinden muss, machen Packrafts keinen Sinn", sagt Wildwasserprofi Heuber. Tatsächlich: Der Spaß beginnt, sobald Fließgeschwindigkeit, sprich ein Fluss, gegeben ist. Ist der Paddelpart vorbei, heißt es: Ventilkappen auf, Luft austreiben, zusammenrollen, verpacken – und weiter auf den Trail, zur nächsten Bahn- oder Busstation, ins Café oder durchs Gestrüpp.  

Packrafting - Tourempfehlungen

Aus den Alpen direkt in die Münchner Biergärten. Einstieg unterhalb Sylvensteinstauseemauer - Ausstieg Flaucher bei München. Achtung Befahrungsverbote von Oktober bis Mai beachten. Infos unter www.kanu-info-isar.de 

Wer also Lust hat, etwas Neues auszuprobieren, seinen kindlichen Instinkten mal wieder freien Lauf zu lassen, Landschaften neu zu entdecken, auf Wasserstraßen mitzufahren, Zeit zu gewinnen oder sich ganz einfach mal treiben zu lassen, für den könnte Packrafting das Ticket in eine ganz neue Welt werden.

Holger Heuber jedenfalls plant bereits sein nächstes Packraft-Abenteuer: Er will den Tatshenschini River in Kanada und Alaska von der Quelle bis zur Mündung in den Nordpazifik über 370 Kilometer "by fair means" paddeln - wenn Corona ihn lässt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.