Leere Strassen am Ballermann. Viele Läden sind noch geschlossen.
Leere Strassen am Ballermann. Viele Läden sind noch geschlossen.
Foto: Chris Emil Janssen/ imago images

Partypause auf Mallorca Statt einer langen Nacht nur zwei Kurze

Sören und seine Freunde reisten gleich am ersten Tag der Grenzöffnung nach Mallorca. Doch die Partytouristen sind ernüchtert: Was bleibt vom Ballermann, wenn es kein Nachtleben geben darf?
Aus Mallorca berichtet Hannes Schrader

Am Strand vom Ballermann 6 sitzen die Angler. Es ist Sonntagabend, der erste offizielle Abend der Saison auf Mallorca. Doch hier, wo normalerweise um diese Zeit betrunkene Pärchen knutschen, die sich seit wenigen Minuten kennen, wo junge Menschen "Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr!" zu Kirmestechno grölen, rauscht nur die Brandung, und die meterhohen Ruten der Angler wiegen sich sanft mit.

"Die angeln hier, das habe ich noch nie gesehen", sagt Sören. Sören ist 27, seine blonden Haare sind kurz geschnitten, den Schirm seiner Basecap hat er nach hinten gedreht. Er trägt Tanktop und Puma-Plastiklatschen, am Handgelenk baumelt eine dicke Armbanduhr. Vor ihm auf dem Tisch steht ein leeres Krombacher.

Früher flog Sören mit Freunden aus seinem Dorf in Thüringen all-inclusive nach Palma. Abends Party, tagsüber ausruhen im Pool, abends wieder Party. Er kennt sich aus am Ballermann. Jetzt sitzt er mit seinen Freunden Max, Caro, Eileen und David im Chalet. Das Chalet ist wie alles hier irgendwas zwischen Restaurant, Bar und Klub. Die fünf kennen sich aus ihrem Heimatdorf, sie waren zusammen im Kirmesverein. Sie alle sind Ballermann-Veteranen, sagen sie.

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Ballermann im Tiefschlaf: Partytouristen ohne Party

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Draußen verspricht ein Aufsteller "Party". Aber gefeiert wird hier nur im Video: Fernseher an den Wänden zeigen Bilder der vergangenen Saisons. Der Techno aus der Anlage ballert vor allem auf leere Stühle. Als die Gruppe ankam, gab es einen Kurzen aufs Haus für eine Bewertung bei TripAdvisor. "Die haben vor drei Tagen aufgemacht", erzählt Max. "Die machen alles, um hier Leute reinzubringen." Den Kurzen haben sie natürlich gern genommen.

Ballermann im Ausnahmezustand

"Normalerweise ist hier alles rappelvoll", sagt Sören und zeigt mit dem Zeigefinger auf die leere Promenade, "Montag bis Sonntag, egal welche Zeit. Du wirst angesprochen, ob du was essen willst, am Strand wird gefeiert." Los gehe es, erklärt er, morgens um zehn beim Megapark, mit Freibier. Der Megapark ist ein sandfarbener Klotz, der sich der größte Klub Mallorcas nennt.

Aber jetzt ist er geschlossen. Also sitzen die fünf hier, vor Rum-Cola, Kurzen und Krombacher und sind ein bisschen schockiert über die Leere. Der Ballermann im Ausnahmezustand.

Dabei sollte am Sonntag der Ausnahmezustand endgültig enden, der in Spanien und eben auch auf der Insel seit Mitte März galt. Lediglich im Rahmen eines Pilotprojekts durften ab vergangenen Montag die ersten deutschen Touristen auf die Balearen. Nur wer einen speziellen Flug ergattern konnte, durfte ohne Quarantänepflicht einreisen. Jetzt steht Mallorca offiziell wieder für Urlauber bereit. Doch Tanzen ist weiterhin verboten, die Großraumdiscos sind geschlossen. Und an diesem Sonntag sind auch viele Läden an der Strandpromenade von Palma geschlossen, die eigentlich öffnen dürften.

Am Strand übertönen nachmittags Kindergeschrei und Brandung das Gegröle einer Gruppe junger Leute. Manchmal weht der Wind ein bisschen Bundesligakonferenz herüber, Männer in Trikots rufen "Jaaaaaa" und hauen auf die Plastiktische, dass das Fassbier nur so schwappt. Aber sonst ist Ruhe.

Zehn Kunden hätte er am Tag, erzählt ein Händler, der seinen Namen nicht nennen will, weil sein Chef nicht da ist. Er hängt in Indien fest, darf nicht nach Spanien einreisen. "Das Geschäft läuft sehr schlecht", sagt er. Um ihn herum türmen sich Poolnudeln, aufblasbare Gummitiere und Shirts mit der Aufschrift "Oma ist die beste".

Seit einer Woche habe er geöffnet, seitdem warte er auf die Touristen. Aber: "Es sind fast nur Einheimische da." Poolnudeln und Strandmatten haben die schon, "die kaufen höchstens mal eine Cola oder ein Wasser". In dem Moment hält eine Frau mit einem Fahrrad an und fragt: "Haben Sie gekühlte Getränke?" – auf Spanisch. "Natürlich, kommen Sie herein", antwortet der Händler und breitet die Arme aus. "Es reicht jetzt auch mit den Fragen, ja?"

Zurück zur Finca statt in den Megapark

In einer der Pedikürebuden, wo sich Touristen in dicke schwarze Ledersessel setzen können, um sich von kleinen schwarzen Fischen in Aquarien die Hornhaut von den Fersen knabbern zu lassen, erzählt eine Angestellte, sie müssten die Fische nun mit Spezialfutter füttern, damit sie nicht verhungern. Im Schatten der Markisen liegen faul Katzen, wo sonst Sangria ausgeschenkt wird. Die Playa de Palma döst. Und wartet, dass mehr Leute wie Sören, Max und die anderen kommen.

Die Gruppe um Sören ist am Sonntagvormittag in Frankfurt gestartet. Dass sie ausgerechnet am ersten Tag nach dem Ende der Einreisebeschränkungen kommen, sei Zufall, sagen sie. Sie hatten die Reise schon im Dezember geplant – eine Finca gebucht, Mietwagen, alles selbst organisiert. Max und Caro hatten die vergangenen Monate immer wieder herumtelefoniert, ob denn auch alles klappt. Vergangenen Sonntag dann konnten sie in der WhatsApp-Gruppe verkünden: Wir fliegen. "Seitdem war die Vorfreude da", sagt Max.

Am Flughafen in Frankfurt sagten sie noch, sie freuten sich auf die Leere – endlich mal an die schönen Strände fahren, wo alles sonst immer so übervoll ist. Die Ruhe genießen. Aber jetzt sitzen sie hier, die Gläser sind ausgetrunken, und hätten schon Bock zu feiern. Stattdessen geht es heim, in die Finca. "Ich darf jetzt die Besoffenen nach Hause fahren, ja?", sagt Max. "Besoffen? Höchstens angetrunken", sagt Caro. "Angetrunken? Ich hab grad mal zwei Kurze getrunken!", sagt David. Nichts ist, wie es war.

In normalen Zeiten wären sie jetzt drüben im Megapark, oder im Bierkönig, würden singen, trinken und tanzen, "da haben wir schon Jürgen Drews gesehen, oder Peter Wackel", sagt Sören. Wenn Drews der König von Mallorca ist, ist Wackel wohl der Prinz. "Dieses Jahr sollte der Wendler kommen", sagt Caro. Sie meint den Schlagerstar Michael Wendler. "Aber nein, geht ja alles nicht", ruft Caro und wirft die Hände in die Höhe. "Wir werden ja auch älter, da passt Corona natürlich irgendwie schon", hatte Sören heute Vormittag am Flughafen noch gesagt.

Sie bestellen die Rechnung, Eileen geht noch mal aufs Klo. Als sie wiederkommt, sagt Max: "Komm, los jetzt, bevor du dich wieder hinsetzt!" Sie stehen auf, es geht heim. Es ist 22.08 Uhr. Die Brandung rauscht, tiefblau und still legt sich die Nacht über die Insel. Auch die Angler haben ihre Ruten eingepackt und die Stühle zusammengeklappt. Der Ballermann schweigt.