Sommerurlaubstraum: Hohe Gebühren bei kurzfristigem Storno
Sommerurlaubstraum: Hohe Gebühren bei kurzfristigem Storno
Foto: Aleksandar Nakic / Getty Images

Pauschalurlaub in der Coronakrise Was bringen die neuen Gratis-Storno-Tarife?

Urlaub trotz Corona wollen viele – er ist aber zurzeit schwer planbar. Veranstalter bieten Tarife an, die auch kurzfristig kostenloses Stornieren ermöglichen. Verbraucher sollten genau hinschauen.

Jetzt einen Pauschalurlaub buchen und hinterher auf hohen Stornogebühren sitzen bleiben? Das ist in der Corona-Pandemie die Angst vieler Menschen, die zwar gern reisen würden – aber unsicher sind, ob sie später ohne große finanzielle Einbußen aus dem Vertrag kommen, falls sie letztlich doch nicht aufbrechen können oder wollen.

Viele Veranstalter reagieren auf diese Sorge mit neuen, sogenannten Flex-Tarifen. Urlaub buchen ohne Risiko, so lautet das Versprechen. Verbraucherschützer sehen das ein bisschen anders. Wichtige Fragen und Antworten dazu.

Was bieten die Veranstalter konkret?

Bislang ist es meist so, dass bereits gebuchte Reisen zum Beispiel für den Sommer ohnehin kurzfristig umgebucht oder storniert werden können. Diese Kulanzregelung wird nun bei vielen Veranstaltern abgelöst von neuen Tarifen. Das Prinzip ist folgendes: Wer für seinen Pauschalurlaub etwas mehr bezahlt, darf ihn auch kurzfristig ohne die sonst üblichen Stornierungsgebühren wieder absagen oder umbuchen.

Flex-Tarif nennt sich dieses Angebot – wegen der Flexibilität, die Urlauberinnen und Urlauber durch die Zahlung des Aufpreises bekommen. Die Preise und Konditionen unterscheiden sich je nach Veranstalter.

Was kostet das denn?

  • Bei TUI wird der Aufschlag pro Reise fällig: 39 Euro bei einem Preis bis 2500 Euro, 69 Euro bis 4000 Euro, 99 Euro bis 6000 Euro, 199 Euro bis 10.000 Euro, 399 Euro bis 20.000 Euro. Umbuchen oder Stornieren ist dann bis jeweils 14 Tage vor Abreise ohne weitere Kosten möglich.

  • Auch DER Touristik rechnet den Aufpreis pro Reise ab. Bei einem Reisepreis bis 2000 Euro fallen 79 Euro an, 149 Euro sind es bis 4999 Euro und 199 Euro ab 5000 Euro. Umbuchbar oder stornierbar sind die Pauschalreisen ebenfalls bis jeweils 14 Tage vor Reiseantritt, bei Eigenanreise bis 7 Tage vorher. Das Angebot gilt offiziell ab 1. März und vorher bereits im Rahmen einer erweiterten Kulanz.

  • Schauinsland Reisen rechnet pro voll zahlendem Urlauber ab, hier werden für den »Flex2Relax«-Tarif 29 Euro für jede Person fällig. Der Urlaub kann hier dann bis 22 Tage vor Abreise ohne Gebühren umgebucht oder abgesagt werden.

  • FTI macht es wieder anders: Der Veranstalter nimmt als Aufschlag für den Flex-Tarif drei Prozent des Reisepreises und maximal 300 Euro. Damit lassen sich Pauschalreisen bis 15 Tage vor Reiseantritt kostenlos stornieren und bis 14 Tage vorher gebührenfrei umbuchen.

Noch ein Hinweis: DER Touristik, FTI und Schauinsland Reisen behalten den Aufschlag selbst ein, wenn der Kunde von der Storno-Option Gebrauch macht. Bei TUI bekommen Urlauber diesen zurück.

Alltours hat als einziger größerer Veranstalter keinen Flex-Tarif aufgelegt, stattdessen gibt es ein zeitlich befristetes Angebot: Wer bis 28. Februar eine Reise mit Antritt bis 31. Oktober 2021 bucht, kann diese bis 14 Tage vorher kostenlos umbuchen oder stornieren.

Warum bieten die Veranstalter solche Tarife an?

Das liegt an der Corona-Pandemie. Reisen sind derzeit nur schwer planbar und können jederzeit kurzfristig behindert oder unmöglich gemacht werden. So manche Urlauberin und so mancher Reisende möchte eine gebuchte Reise vielleicht aus Angst doch nicht antreten – und sorgt sich darum, ob das angezahlte Geld dann zurückkommt.

Laut der jüngsten »Reiseanalyse 2021« der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) gibt es aktuell viele Bedenken, und Flexibilität ist besonders wichtig: Mehr als jeder zweite künftige Urlauber will laut Studie bei der Buchung besonders darauf achten, dass es Geld-zurück-Garantien und großzügige Stornobedingungen für den Fall der Fälle gibt. Die Erfahrungen des Corona-Jahres 2020 dürften hier eine große Rolle gespielt haben – viele haben lange auf ihr Geld gewartet oder sind ganz auf ihren Kosten sitzen geblieben.

Was ist an den Flex-Tarifen so besonders?

Mehr zahlen und flexibel bleiben: Reisende kannten verschiedene Tarife mit gestaffelten Umbuchungs- und Stornomöglichkeiten bisher nur von Fluggesellschaften oder Buchungswebsites für Hotels und Unterkünfte. Bei der Pauschalreise ist diese Wahlfreiheit neu – und wirft ein über Jahrzehnte gepflegtes Prinzip über Bord.

»Wir haben gesehen, dass das Modell mit Vorkasse und hohen Stornierungsgebühren nicht mehr tragfähig ist«, sagt Karolina Wojtal, Leiterin des Europäischen Verbraucherzentrums Deutschland in Kehl. Das unternehmerische Risiko werde hier auf den Kunden abgewälzt. »Aber die Veranstalter haben langsam verstanden, dass die Kunden dieses System nicht mehr mitmachen wollen.«

Aber kann ich meine gebuchte Pauschalreise wegen der Pandemie nicht sowieso kostenlos absagen?

Nein, nicht grundsätzlich. »Es kommt immer auf die konkret geplante Reise an und wie weit diese noch in der Zukunft liegt. Ich kann mich nicht auf die Pandemie allgemein beziehen«, erklärt Wojtal.

Die Frage lautet reiserechtlich: Liegen am Urlaubsort unvermeidbare und außergewöhnliche Umstände vor, die eine Durchführung der Reise oder den Transport dorthin erheblich beeinträchtigen? Nur dann darf der Kunde die Reise kostenlos stornieren. Auf jeden Fall gilt das, wenn eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes vorliegt. Aber auch, wenn Urlauber wegen einer behördlichen Anordnung nicht das Hotel verlassen dürfen.

Liegt aber keine Reisewarnung vor, muss der Reisende darlegen, dass zum Zeitpunkt der Reise objektiv unvermeidbare, außergewöhnliche Umstände vorliegen. »Die reine Angst, an Corona zu erkranken, ist nicht ausreichend. Auch nicht die Zugehörigkeit zu einer Corona-Risikogruppe«, erklärt Wojtal. Es könne sein, dass Veranstalter es auf ein Gerichtsverfahren ankommen lassen.

Sichern mich die flexiblen Tarife denn wirklich ab?

Hier müssen Urlauberinnen und Urlauber genau hinschauen, ob das Angebot für die favorisierte Reise angeboten wird. Flex-Tarife gelten meist nicht für das gesamte Sortiment eines Veranstalters, wie die Verbraucherzentrale Brandenburg betont. Pauschalpakete auf Basis von dynamischen, tagesaktuellen Preisen sind in der Regel ausgeschlossen. Auch sollte man prüfen, ob der Tarif für Pakete mit einem regulären Linienflug gilt. Das kann so sein, muss es aber nicht.

»Man kommt nicht drum herum, sich in die AGB zu vertiefen«, erklärt Karolina Wojtal. »Im Zweifel sollte man sich die Konditionen noch einmal schriftlich zusichern lassen«, rät die Expertin.

Und es gibt noch ein theoretisches Risiko: Sofern der Veranstalter wie gewohnt eine Anzahlung kassiert, müssen sich Kunden mit gebuchtem Flex-Tarif bei einer Stornierung eventuell trotzdem gedulden, bis sie das Geld zurückbekommen. Zwar besteht bei Pauschalreisen ein gesetzlicher Anspruch auf die Rückzahlung binnen 14 Tagen. Das heißt aber nicht, dass der Veranstalter dem zügig nachkommt – »trotz der Versprechungen und vermeintlichen Garantien«, so die Verbraucherzentrale.

Und noch eine Lücke in der Absicherung gibt es: Wie der vergangene Sommer gezeigt hat, kann in den 14 Tagen vor einer Reise, in denen man den vollen Stornotarif bezahlen müsste, viel passieren. So sind Infektionszahlen in manchen Ländern plötzlich in die Höhe geschossen, auch wenn noch keine Reisewarnung galt. Bleibt zu hoffen, dass der Sommer 2021 in dieser Hinsicht berechenbarer bleibt.

Wie lange werden die neuen Flex-Tarife angeboten?

Das ist unterschiedlich. TUI zum Beispiel will das Modell nach eigenem Bekunden fortführen. Bei DER Touristik etwa gilt es für Neubuchungen mit einem Abreisetermin bis 31. Oktober 2021. Reisende sollten hier wieder genau hinschauen, welche Fristen jeweils gelten.

Thomas Bösl, Sprecher der Reisebürokooperation QTA, ist von der neuen Flexibilität nicht begeistert: Die lockeren Stornoregeln seien eine Übergangslösung und dürften nicht zur Dauereinrichtung werden, forderte er laut dem Tourismusportal Reisevor9. Der Grund dafür ist die Angst der Reisebüros vor unbezahlter Mehrarbeit.

Und wie sieht es mit Individualreisenden aus?

Wer seine Reisebestandteile selbst bucht, ist in der Pandemie erst recht gut beraten, auf großzügige Stornooptionen zu achten – gerade bei der Buchung von Unterkünften. Viele, aber längst nicht alle derzeit gebuchten Flüge lassen sich immerhin kostenlos umbuchen und somit verschieben. Hier kommt es jeweils auf die Bedingungen der Fluggesellschaften an. Sagt eine Airline von sich aus einen Flug ab, muss sie das Geld erstatten oder den Gast kostenlos auf eine alternative Verbindung umbuchen.

Ist eine Reiserücktrittsversicherung geeignet zur Buchungsabsicherung in der Coronakrise?

Reiserücktritts- und Reiseabbruchversicherungen sichern vorrangig Gründe ab, die beim Reisenden selbst liegen – zum Beispiel einen Unfall, eine eigene, plötzlich auftretende Erkrankung oder auch Arbeitsplatzverlust und Tod eines nahen Angehörigen. Sie tritt aber generell nicht ein, wenn es Krisen im Reiseland gibt – also etwa bei Ausnahmezustand oder Lockdown.

Oft jedoch haben die Versicherungen Ausschlussklauseln für Pandemien wie Corona in den Verträgen und zahlen bei einer Covid-19-Erkrankung nicht. Auch wenn Urlauber in Länder reisen, für die eine Reisewarnung gilt, greifen viele der Versicherungen in einem Krankheitsfall nicht. Wie die Stiftung Warentest bei einem Test von 50 Vollschutztarifen ermittelte, versichern nur 16 den Pandemiefall voll – eine Übersicht hier:

Reiserücktrittsversicherungen übernehmen aber auch keine Stornogebühren, wenn Urlauber aus Angst vor dem neuen Coronavirus an ihrem Zielort eine Reise absagen. Versicherte hätten in diesem Fall keinen Kostenschutz, erklärt der Bund der Versicherten in Hamburg. Urlaubsreisen oder Flüge lassen sich allein aus Furcht vor dem Virus rein rechtlich deshalb nicht ohne Stornokosten kündigen. Hier sind wiederum die Flex-Tarife geeigneter.

Philipp Laage, dpa/abl