Die Schmitts im Wadi Rum: Ein Familienabenteuer
Die Schmitts im Wadi Rum: Ein Familienabenteuer
Foto: Almut Faass

Mit dem Lkw-Camper durch Arabien Eine Familie geht in die Wüste

Jeden Tag woanders und dabei die Welt entdecken: Familie Schmitt ist mit zwei Kindern und ihrem Oldtimer-Lkw aufgebrochen, diesen Traum wahr werden zu lassen. SPIEGEL TV hat sie für das ZDF begleitet.
Von Gerrit Jöns-Anders und Almut Faass

Auf einmal geht nichts mehr: Der "Frosch", wie die Schmitts ihren knallgrünen Lkw nennen, fährt sich auf dem sandigen Untergrund fest. Mitten im Wadi Rum in Jordanien, einem der schönsten und berühmtesten Wüstengebiete der Welt, ist die Familie plötzlich auf sich allein gestellt.

Die Sonne brennt auf das Blechdach. Immer tiefer graben sich die durchdrehenden Räder in den Sand. Jetzt hilft nur noch: aussteigen und schaufeln. Ganz ohne fremde Hilfe müssen sie es irgendwie schaffen, den "Frosch" zu befreien – und es ist nicht die erste Panne, die die Tour bedroht.

Bereits kurz nach Abfahrt steht die Reise schon einmal vor dem Aus, als der Mercedes-Lkw, Baujahr 1980, mit einem lauten Knall auf der Autobahn liegen bleibt: Motorschaden. Ein Ersatzmotor muss her, gerade einmal 300 Kilometer von ihrem Zuhause entfernt, dem kleinen Dorf Reutsachsen bei Rothenburg ob der Tauber.

Fotostrecke

Familie Schmitt und ihr "Frosch": Festgefahren im Wadi

Foto: Almut Faass

"Der Gedanke, noch mal umzudrehen, der war überhaupt nicht da", sagt Mutter Michaela, "für uns war es wichtig, weil wir sehr viel Stress hatten mit der Vorbereitung, dass wir die Tür schließen, in den Lkw einsteigen und losfahren. Damit hat für uns die Reise angefangen. Und sobald man von zu Hause weg ist, kann man sich darauf einlassen." 

Aufgeben? Auch in der Wüste keine Option. Mit viel Geschick, Muskelkraft und dem Einsatz von Sandblechen befreien sich die Schmitts auch dieses Mal. 

"Reisen ist ja nicht Urlaub"

Seit ihrer Jugend träumt Michaela Schmitt, 41, davon, die Welt zu bereisen. "Es ist mein inneres Kind, das sich diesen Entdeckerdrang bewahrt hat." Ihren Ehemann Thorben, 36, hat sie mit ihrer Reiselust angesteckt: Seit 2009 sind die beiden mehrere Monate im Jahr auf Achse, schreiben Bücher über ihre Reisen, halten Vorträge, versorgen ihre Follower zudem über Facebook  und Instagram  mit Eindrücken von unterwegs.

Die Panamericana, von Alaska nach Feuerland, war 2015 ihre erste große Reise mit Kind. Tochter Romy, heute sieben, war damals gerade ein Jahr alt. Als die Familie zwei Jahre später nach Deutschland zurückkehrte, hatte Romy einen Bruder: Levi, geboren in einem mexikanischen Krankenhaus.

Die Fahrt, die sie nach Jordanien ins Wadi Rum führt, ist das nächste große Familienabenteuer: Im September 2019 starteten sie und planten eine Reise, die sie zu den Ländern der legendären Seidenstraße bringen sollte. Auf dem Weg dorthin gab es viel zu sehen und zu erleben: das Tote Meer in Israel, die jordanische Ruinenstadt Petra, Weihrauchplantagen im Oman.

Ende November waren sie sogar die ersten Reisenden, die auf dem Landweg mit einem offiziellen Touristenvisum von Jordanien nach Saudi-Arabien reisen durften. Vorher gab es nur Transit-Visa, mit denen Saudi-Arabien in drei Tagen durchquert werden musste. Nun konnten sie sich nicht nur drei Monate Zeit lassen, sondern wurden sogar als Ehrengäste vom Tourismusminister eingeladen.

Die Schmitts mussten auf die Reise lange hinarbeiten, im wahrsten Sinne: Der Programmierer und die Steuerfachangestellte leben sparsam zwischen den Reisen und arbeiten viel, jeder extra Euro wandert sofort in die Reisekasse.

Außerdem hat Thorben den Lkw selbst ausgebaut. "Ich glaube, ich habe wirklich jede Schraube dieses Fahrzeugs schon einmal in der Hand gehabt." Auch unterwegs gibt es ständig etwas zu tun. "Reisen ist ja nicht Urlaub", sagt Thorben, "man muss es sich so vorstellen: Man bewegt sein Haus jeden Tag woanders hin, man muss schauen, wo schläft man, was für Essen bekommt man, wir müssen uns jeden Tag neu orientieren, und das ist natürlich auf Dauer ein bisschen anstrengend."

Auch das Familienleben wird auf engstem Raum immer wieder auf die Probe gestellt. Gibt es Meinungsverschiedenheiten, hilft ein Spaziergang. Tochter Romy wäre zudem eigentlich kurz vor der Abfahrt eingeschult worden, doch die Schule hat sie beurlaubt, zunächst für ein Jahr.

Im Gegenzug verpflichteten sich die Eltern zu regelmäßigem Homeschooling, damals, vor Corona, für Michaela keine Selbstverständlichkeit. "Ich bin nicht nur Mama, die sagt: Räum' auf, du musst jetzt ins Bett und Zähne putzen. Nun kommt auch noch dazu: Jetzt müssen wir Schule machen. Das ist manchmal nicht leicht."

Endlich im Paradies, dann kam Corona

Doch die Arbeit im Vorfeld und die Mühen werden durch unvergessliche Erlebnisse unterwegs belohnt. "Wir freuen uns immer, wenn wir mit den Menschen in Kontakt kommen", erzählt Michaela, "denn das möchte ich meinen Kindern zeigen, dass die Welt nicht nur aus dem Dorf besteht, in dem sie leben, sondern dass sie viel größer ist."

Mit jedem Kilometer, den die Familie vorankommt, wächst das Freiheitsgefühl, mit jedem Tag, der vergeht, verändert sich die Wahrnehmung von Zeit. Thorben weiß genau, wie lange es dauert, bis man wirklich los- und den Alltag hinter sich gelassen hat. "Richtig abgeschaltet habe ich erst, wenn ich gerade noch die Jahreszahl weiß", sagt Thorben, "dann ist es Reisen im perfekten Stadium."

Im Oman beziehen die Schmitts ihr Winterquartier. Familienleben im Paradies. Doch gerade, als sie wieder aufbrechen wollen, breitet sich in China das Coronavirus aus. Zunächst beschließen sie noch, mit dem Lkw von Dubai per Schiff nach Iran und dann über Turkmenistan weiter in die Mongolei zu fahren. Doch kurz vor der Ankunft in Dubai der Gau: Alle Grenzen, alle Häfen sind geschlossen. Und was noch schlimmer ist: Wegen der Pandemie dürfen die Schmitts nicht mehr durch das Emirat fahren und im Wagen leben.

Die Familie sieht sich gezwungen, ihre Reisepläne aufzugeben und vorerst nach Deutschland zurückzukehren. Ihren geliebten "Frosch", der knapp ein Jahr lang ihre Rettungskapsel war, müssen sie zurücklassen - speziell für Thorben eine Tragödie. "Wir kannten die Situation, dass mal ein Land die Grenzen schloss oder für eine Woche eine Straße gesperrt war wegen Erdrutsch oder sonstigem. Aber dass wirklich der komplette Shutdown ist, trifft unser Herz natürlich extrem hart."

Sonstige / nicht nicht zuzuordnen

SPIEGEL TV hat die Menschen auf Reisen rund um die Welt für das ZDF begleitet. In der ersten von drei Folgen erzählt Familie Schmitt von ihrer Fahrt im "Frosch": Terra X "Abenteuer Freiheit – Unterwegs auf der Seidenstraße" - noch abzurufen hier in der ZDF-Mediathek .