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Reiserecht in der Coronakrise Was Urlauber jetzt wissen müssen

Der Urlaub im Sommer wird wohl kaum stattfinden - Strand, Berge und Städte bleiben unerreichbar. Was aber, wenn die Reise schon gebucht ist? Hier sind die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wann werden wir wieder reisen dürfen - innerhalb Deutschlands und im Ausland? Noch lässt sich das nicht beantworten. Bis zunächst 30. April ist die touristische Vermietung im Inland behördlich untersagt, und für Reisen in den Rest der Welt gilt ebenfalls bis dahin eine Reisewarnung der Bundesregierung. Derzeit gelten in vielen Ländern weiterhin Einreisestopps für Ausländer. Das öffentliche Leben bleibt eingeschränkt, Hotels sind geschlossen.

Doch viele haben schon längst Unterkünfte, Transportmittel oder eine Pauschalreise für den Sommer oder sogar den Rest des Jahres gebucht. Was wird daraus? Hier sind Antworten auf die wichtigsten rechtlichen Fragen:

Bekomme ich für einen abgesagten Pauschalurlaub das Geld zurück?

Nach geltendem Recht steht Pauschalurlaubern die Erstattung des Reisepreises binnen 14 Tagen zu, wenn der Veranstalter die Reise storniert hat. Die Reiseveranstalter pochen jedoch darauf, stattdessen Gutscheine ausgeben zu dürfen, um liquide zu bleiben. Das Argument: Andernfalls drohen massenhaft Insolvenzen.

Die Bundesregierung will die Gutscheinlösung, die Entscheidung liegt aber in Brüssel. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stellte klar: Europaweit hätten die Menschen rein rechtlich die Wahl, ob sie das Geld oder einen Gutschein wollten.

Was spricht für so einen Gutschein - und was dagegen?

Der Deutsche Reiseverband (DRV) argumentiert so: Werden Veranstalter durch massenhafte Rückzahlungen in die Insolvenz getrieben, stünden auch die Kunden auf der Verliererseite. In der Tat hat die Pleite von Thomas Cook Anfang des Jahres gezeigt, dass die Insolvenzversicherung bei großen Summen nicht reicht - und im Zweifel der Bund einspringen muss. Viele Urlauber warten hier immer noch auf ihr Geld.

Verbraucherschützer  sehen das Gutscheinmodell jedoch kritisch und plädieren dafür, dass Verbraucher die Wahl haben sollten. Wer einen Gutschein wählt, trägt ein gewisses Risiko, wenn er ihn einlösen will. "Es kann keiner sagen, ob es den Veranstalter dann noch gibt", sagt die Juristin Sabine Fischer-Volk von der Kanzlei Karimi in Berlin.

Zudem können auch Hotels, Airlines und andere Leistungsträger des Pauschalpakets in Schwierigkeiten geraten. "Wenn man bedenkt, dass viele Reisegebiete noch lange wirtschaftliche Probleme haben werden, kann möglicherweise sogar die gesamte Reise ins Wasser fallen", sagt die Reiserechtsexpertin. "Ich verstehe die Branche, die jetzt um Liquidität bangt. Aber sie verschiebt das Problem von jetzt auf später. Niemand weiß, welche Reisen trotz langfristiger Buchung in den nächsten Monaten überhaupt durchgeführt werden können."

Und außerdem dürfte es viele Verbraucher geben, die das Geld für die geplatzte Urlaubsreise jetzt brauchen - statt es dem Veranstalter zur Verfügung zu stellen, damit dieser über die Runden kommt. "Viele potenzielle Urlauber werden nach Corona selbst finanzielle Hilfe brauchen", schätzt Fischer-Volk. "Da steht eine kostenintensive Urlaubsreise sicher nicht an erster Stelle."

Was bieten die Reiseveranstalter?

Die Veranstalter bieten auch weiterhin Erstattungen für Reisen an, die wegen Corona geplatzt sind. Alltours etwa hat angekündigt, Kunden mit gebuchten Reisen bis Ende April das angezahlte Geld zurückzuüberweisen. Auch Schauinsland-Reisen zahlt nach eigenen Angaben Kundengelder für stornierte Reisen zurück.

Einige Veranstalter werben dagegen vor allem mit Rabatten für eine Verschiebung von geplatzten Urlaubsreisen. TUI bietet Kunden abgesagter Reisen bis zu 150 Euro "Reiseguthaben" extra, wenn diese sich für eine Gutschrift entscheiden. Zudem gibt es bei Buchungen neuer Reisen bis Ende Juni 100 Euro pro Person obendrauf.

DER Touristik "belohnt" Kunden nach eigenen Angaben für die Gutschein-Wahl mit einem Bonus von 50 Euro. Angesichts der offenen politischen Diskussion um die Einführung von Gutscheinen lasse man den Kunden die freie Wahl, teilte der Veranstalter mit.

FTI aus München legt 200 Euro für Extra-Leistungen am Reiseziel drauf, wenn Kunden ihre stornierten Urlaube auf einen späteren Zeitpunkt umbuchen. Aida Cruises bietet einen Bonus von 10 Prozent für Gäste, die einen Gutschein akzeptieren.

Einlösbar sind diese Gutscheine bis Ende 2021. Wer diese bis dahin nicht nutzt, bekommt sein Geld zurückerstattet.

Was ist mit Restzahlungen für gebuchte Reisen oder Unterkünfte?

Viele Reiseanbieter haben bereits ihre Mai-Reisen abgesagt oder verlangen die Restzahlung für Urlaube im Mai nicht. Nach Ansicht der Verbraucherzentrale muss der Restpreis für bald stattfindende Pauschalreisen oder Unterkünfte nicht gezahlt werden, da noch unklar sei, ob die Reisen überhaupt stattfinden können. Bei Nichtzahlung hätten Reiseveranstalter und Eigentümer von Ferienunterkünften daher auch kein Recht zum Rücktritt vom Vertrag. Für Reisen, die aber später als etwa Mitte Mai stattfinden, so die Verbraucherschützer, riskieren die Kunden, bei Nichtzahlung Mahnkosten und Schadensersatz zahlen zu müssen. Diese sollten frühzeitig ihre Veranstalter oder Vermieter kontaktieren.

Ich habe nicht bei einem Veranstalter gebucht. Was mache ich mit meinem gebuchten Hotel oder Ferienhaus?

Urlauber können ein gebuchtes Hotel wegen der Coronakrise nicht ohne Weiteres kostenlos stornieren. "Es handelt sich um einen Mietvertrag. Solange das Hotel offen ist, muss ich bezahlen - auch wenn ich nicht anreise", erklärt die Juristin Sabine Fischer-Volk. Anders sieht es aus, wenn die touristische Vermietung wie derzeit behördlich komplett untersagt ist oder die Gefährdungslage durch Corona vom Robert Koch-Institut als hoch eingestuft wird. "Kann ich das Ziel überhaupt nicht erreichen, bekomme ich das Geld zurück", erklärt Fischer-Volk.

Dies gilt für Reisen ins Ausland ebenso wie für Buchungen an Orten innerhalb Deutschlands. Das Verbot für Hotels, Ferienwohnungen, Campingplätze und so weiter gilt zunächst bis 30. April, dann soll die Lage neu bewertet werden. Zudem haben manche Landesregierungen wie Schleswig-Holstein touristische Reisen in ihr Bundesland komplett untersagt. Grundlage ist hier deutsches Recht. Etwas anderes könne gelten, wenn eine Unterkunft direkt beim Eigentümer im Ausland gebucht ist und das dortige Recht greift. Darauf weist der Verbraucherzentrale Bundesverband  hin.

Es kann hier zu Streitigkeiten kommen: "Urlauber müssen sich darauf einstellen, dass der Eigentümer nicht immer sofort das Geld zurückzahlt", so Fischer-Volk. Die Verbraucherzentrale berichtet über immer mehr Beschwerden, dass Unternehmen nicht reagieren oder statt Geld lediglich Gutscheine anbieten. Viele Anbieter zeigen sich allerdings kulant: So bietet etwa Airbnb weltweit die kostenlose Stornierung für alle Aufenthalte an, die spätestens am 14. April beginnen sollten. Auch der Ferienhausverband teilt mit: "Aufgrund der Ausnahmesituation zeigen sich viele Gastgeber kulant und bieten an, auf einen späteren Zeitpunkt kostenlos umzubuchen."

Fischer-Volk rät dazu, eine Umbuchung auf einen späteren Zeitpunkt oder einen Gutschein auszuhandeln. "Ein Gutschein ist besser, weil man sich dann nicht schon wieder auf einen festen Termin festlegen muss." Aber: "Wenn das Hotel irgendwann in finanzielle Schwierigkeiten käme, geht der Gutschein in der Insolvenzmasse auf. Das Geld ist dann zumeist weg."

Urlauber sollten sich klarmachen, dass die Situation absolut außergewöhnlich ist: "In diesen Zeiten, wo alle von der Coronakrise betroffen sind, sollte man keine unrealistischen Vorstellungen haben, was die Durchsetzung von Reiserechten betrifft", sagt Fischer-Volk. "Alle Seiten müssen mit Verlusten rechnen. Kaum jemand wird von Einbußen verschont bleiben."

Reisebüro in Hamburg: Hoffnung auf bessere Zeiten

Reisebüro in Hamburg: Hoffnung auf bessere Zeiten

Foto: Georg Wendt/ dpa

Wie sieht es mit abgesagten Flügen aus?

Wegen der Corona-Pandemie mussten die Airlines unzählige Flüge absagen. Auch hier steht Kunden eigentlich die Erstattung des Ticketpreises zu. Die Bundesregierung pocht nun bei der EU-Kommission darauf, dass auch für Flugtickets Gutscheine ohne Zustimmung des Kunden möglich werden - statt der Rückzahlung des Geldes.

EU-Verkehrskommissarin Adina Valean machte bereits die Position der Behörde klar: "Die Fluggesellschaften haben die Möglichkeit, Gutscheine statt Erstattungen anzubieten, aber die Passagiere müssen dem zustimmen." So stellt etwa auch die Lufthansa klar: Erstattungen blieben grundsätzlich möglich. Man bitte nur um Verständnis, dass dies derzeit nicht innerhalb der üblichen Fristen möglich sei.

Bei so mancher Airline werden Verbraucher offenbar allerdings auf eine Geduldsprobe gestellt. Auszahlungen verzögern sich oder werden von den Fluggesellschaften schlicht verweigert, wie Mitarbeiter von Reisebüros auf Tourismusportalen berichten.

Meist ist es für Fluggäste ratsam, nicht selbst zu stornieren und erst bei einer Annullierung durch die Fluggesellschaft auf eine Rückzahlung des Geldes zu pochen - falls dies gewünscht ist.

Was bieten die Fluggesellschaften?

Die Airlines wollen ihre Kunden zum Umbuchen bewegen und bieten daher außergewöhnlich kulante Umbuchungsmöglichkeiten. Häufig lassen sich Flüge ohne Mehrkosten flexibel in die Zukunft verschieben. Teilweise lässt sich sogar das Reiseziel ändern. Allerdings gilt auch hier: Wann welche Reisen wieder möglich werden, ist offen.

Ich habe ein Bahnticket gebucht - was tue ich jetzt?

Die Deutsche Bahn zeigt sich in der Krise bei Ticketstornos kulant.  Wer bis zum 13. März eine Fahrkarte für den Fernverkehr für Reisetage bis 30. April gekauft hat, kann diese flexibel bis 30. Juni nutzen, so die Bahn. Ausgenommen sind allerdings Gruppenfahrkarten. Auch die Cityfunktion bei Sparpreisen sei nicht von der Kulanzregel erfasst - solche Reisende brauchen also eine Fahrkarte für den öffentlichen Nahverkehr, um zu ihrem Endziel zu kommen. Wer einen Flexpreis oder Flexpreis Business gebucht hat, kann sein Bahnticket ohnehin kostenlos stornieren.

Außerdem ist es möglich, bis zum 13. März gekaufte Tickets für Zugfahrten bis 30. April in einen Gutschein im Wert der jeweiligen Fahrkarte umwandeln zu lassen - dieser ist dann auch für einen Zeitpunkt nach dem 30. Juni noch nutzbar. Das gelte auch für Super-Sparpreise, Sparpreise und Gruppenfahrkarten. Die Bahn nimmt den Antrag für diese Gutschein-Erstattungen bis 30. Juni entgegen. Fahrgäste können die Stornierung eines im Internet oder mobil gebuchten Sparpreis- oder Superspartickets direkt online vornehmen.

Bahncard-Besitzern bietet die Bahn einen finanziellen Ausgleich in Form eines Gutscheins an. Der Wert orientiert sich an der Art der Bahncard und liegt zwischen 10 und 50 Euro. Kunden mit einer Bahncard 100 sollen sich an den BahnComfort-Service wenden.

Den Gutschein bekommen Bahncard-Besitzer, indem sie online ein Formular ausfüllen . Allerdings sei wegen des großen Anfragevolumens mit einer Bearbeitungsdauer von drei bis vier Wochen zu rechnen, erklärt das Unternehmen. Man sei sich bewusst, dass das Reisen für viele derzeit nicht oder nur eingeschränkt möglich sei. Als Ausgleich biete man allen betroffenen Bahncard-Kunden einen Reisegutschein an.

Soll ich meine Reise später im Jahr lieber stornieren?

Hier müssen Verbraucher abwägen. Wer jetzt eine Reise von sich aus storniert, könnte auf Stornogebühren sitzen bleiben. Denn womöglich wird die gebuchte Reise etwa im Sommer doch möglich sein. "Ich rate davon ab, jetzt zu stornieren", sagt Fischer-Volk. Wer weiterhin verreisen will, falls das möglich ist, erfährt dann aber im Zweifel erst kurzfristig, ob die Reise tatsächlich stattfindet.

Wer seine Reise wegen der Pandemie dagegen gar nicht mehr antreten möchte, aber nun einfach abwartet, ohne zu stornieren, der läuft Gefahr, dass sich die Stornoentgelte für ihn erhöhen. Das gilt, falls zum Reisezeitpunkt dann eben doch keine unvermeidbaren, außergewöhnlichen Umstände mehr vorliegen. Nur diese berechtigen zum kostenlosen Rücktritt vom Reisevertrag.

Hilft mir die Reiserücktrittsversicherung?

Eine Reiserücktrittskostenversicherung sichert Verbraucher gegen Stornokosten ab. Sie tritt aber generell nicht ein, wenn es Krisen im Reiseland gibt - also etwa bei Ausnahmezustand oder "Lockdown".

Die Versicherung greift im Prinzip, wenn der Versicherte selbst krank wird oder etwa durch den Tod von Verwandten, Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit verhindert ist und nicht wie geplant reisen kann. Durch Corona gilt dies aber teils nicht mehr.

Die WHO hat Corona offiziell als Pandemie eingestuft. Viele Versicherer sehen laut den Verbraucherzentralen vor, dass "Schäden, Erkrankungen und Tod infolge von Pandemien" nicht versichert sind. Am besten schaut man in die genauen Bedingungen des Vertrags.

Kann ich jetzt schon einen neuen Urlaub buchen?

Das ist natürlich möglich, aber mit großen Unsicherheiten behaftet. Noch ist ja nicht klar, wann welche Länder wieder bereist werden können. Fischer-Volk rät: "Abwarten und nichts Neues buchen, weil nicht absehbar ist, wann man wieder ohne Angst reisen kann."

Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen riet dazu, mit der Buchung des Sommerurlaubs noch zu warten. "Für Juli und August kann derzeit niemand verlässliche Vorhersagen machen", sagte sie der "Bild am Sonntag".

Unterkünfte lassen sich auf vielen Portalen im Internet mit kulanten Stornooptionen buchen. So ist es oft möglich, den Aufenthalt noch bis einen Tag vor Anreise kostenlos zu stornieren - dafür zahlt man etwas mehr. Wer plant, mit dem eigenen Auto anzureisen, geht in diesem Fall praktisch kein finanzielles Risiko ein.

Philipp Laage, dpa/abl