Bruchhauser Steine im Sauerland: im Land der tausend Berge
Bruchhauser Steine im Sauerland: im Land der tausend Berge
Foto: Jochen Tack / imago images/Jochen Tack

Urlaub in der Mitte Deutschlands Zentrales Ziel: Erholung

Ob Ostsee oder Allgäu - an den äußeren Enden Deutschlands stauen sich in diesem Jahr die Urlauber. Doch wie sieht es eigentlich in der Mitte Deutschlands aus? Hier sind fünf Regionen, die mehr Aufmerksamkeit verdienen.
Von Eva Lehnen und Antje Blinda

Seit Jahren sind Deutschlands beliebteste Ferienregionen immer die gleichen: die Küsten im Norden und die Alpen im Süden. In diesem Sommer erlebten Strände wie in Scharbeutz und Orte wie Garmisch-Partenkirchen aber einen besonders heftigen Ansturm: Wenn Mallorca coronabedingt ausfällt, dann sollte es zumindest Ferien am deutschen Meer geben. Wenn der Urlaub in Schweden nicht möglich ist, muss als Outdoor-Flucht eben das Allgäu reichen.

Doch was liegt eigentlich in der Mitte Deutschlands? Sind Regionen wie der Harz, die Rhön, das Sauerland wirklich so öde, wie man es auf Klassenfahrten und Familienausflügen empfunden hat? Oder lohnt sich nicht doch ein Blick in die Wanderkarte, den Kulturkalender oder auf die Buchungsplattform?

Wir stellen hier fünf Gebiete vor, die mehr Aufmerksamkeit verdient haben. Und gleich vorab: Keine Frage, Geheimtipps gibt es in Deutschland nicht mehr, und wer in den Einzugsgebieten lebt, kennt vielleicht auch den letzten Stein dieser Regionen. Aber auch altbekannte Orte lassen sich vielleicht auf neue Art entdecken.

Frankenwald: Schluchten und Festungen

Höllental: Der Teufelssteg führt über die Selbitz

Höllental: Der Teufelssteg führt über die Selbitz

Foto: Maria Setale/ Naturpark Frankenwald

Wo genau liegt die Gegend? Im Norden Bayerns. Frankfurter, Münchner und Berliner haben etwa 300 Kilometer Fahrtstrecke.

Wer wird's mögen? Alle, die schon immer ahnten, dass deutsche Mittelgebirge völlig unterschätzt sind.

Was ist für Wanderer geboten? Vor fünf Jahren wurde der Frankenwald als Bayerns erste "Qualitätsregion - Wanderbares Deutschland" ausgezeichnet. Durch die Region führen 4200 Kilometer ausgeschilderte Wanderwege. Sehr sehenswert ist die Steinachklamm mit ihren mächtigen Felswänden oder die verwunschene Höllentalschlucht. Die Frankenwald-Steigla  sind 32 ausgewählte Halbtages-Rundtouren. Eine Ganztagestour-Empfehlung ist der Zwölf-Apostel-Weg  westlich von Bad Steben. Exotische Wanderbegleitung kann man bei Familie Baier in Naila mieten: Trekking-Lamas .

Was gibt's außerdem zu erleben? Die Burg Lauenstein in Ludwigsstadt nordwestlich von Hof. Von hier aus lohnt sich ein Abstecher nach Steinbach an der Haide. In der Ortsmitte pflegen die Bewohner der schieferverkleideten Häuser mit viel Liebe einen Gemeinschaftsgarten. Kronach ist sehr hübsch anzuschauen. Die historische Altstadt liegt auf einem Bergsporn, über der mittelalterlichen Idylle thront die Festung Rosenberg, eine der schönsten und größten Festungsanlagen Deutschlands.

Probieren: Nicht aus heißem Wasser, sondern aus dem Dampf ihrer mit Holzkohle beheizten Messingkessel ziehen die "Wärschtlamos", die Würstchenmänner der Stadt Hof, ihre Ware. Wer durch Kronachs Gassen läuft, stellt sich bei Metzger Kraus  an, um Wanderproviant nachzurüsten. Seine Spezialität sind Bierwürmer - lange, dünne Salamiwürste. Wer es süß und cremig mag, probiert am Bamberger Tor die Schwatzela der Bäckerei Oesterlein.

Wo abkühlen? Im Untreusee  in Hof mit angeschlossenem Kletterpark  oder im Badesee Mainaue  in Kulmbach.

Wo übernachten? Ganz in Ruhe: im Wald auf verschiedenen Trekking-Plätzen  oder in Tettau im Ferienhaus auf Rädern . Mit Zimmernachbarn: "In der Festungsanlage von Kronach hat im vergangenen Jahr das Jufa Hotel  eröffnet. Ganz neu ist das Rebhan's  in Stockheim-Neukenroth", sagt Markus Franz, Geschäftsführer von Frankenwald Tourismus.

Fotostrecke

Deutschlands Mitte: Da könnten wir doch eigentlich auch mal hin

Foto: Marco Felgenhauer/ Frankenwald Tourismus

Altmark: Die große Weite

"Queen Arendsee" auf Tour: Viel Weite, wenig Menschen gibt es in der Altmark

"Queen Arendsee" auf Tour: Viel Weite, wenig Menschen gibt es in der Altmark

Foto: Siegfried Kuttig / picture alliance / imageBROKER

Wo genau liegt die Gegend? Im Norden von Sachsen-Anhalt, südlich des Wendlands, nördlich der Magdeburger Börde - und zwischen Berlin und Hannover.

Wer wird's mögen? Großstadtbewohner aus Berlin, Hamburg oder Hannover, die einfach mal Raum und Weite wollen. Ausflügler, die in einer traditionsverbundenen Region Auf- und Umbrüche entdecken möchten. Und Wendland-Liebhaber, die ihren Horizont gen Sachsen-Anhalt erweitern wollen.

Was ist für aktive Urlauber geboten? 500 Kilometer lang ist der Altmarkrundkurs  für Radler, der einmal im Kreis durch das Biosphärenreservat Drömling, Elbauen und Elb-Havelwinkel führt, zum Teil über den Elberadweg. "Übernachtungen in kleinen Pensionen und Gasthöfen sollten vorher reserviert werden", sagt Carla Reckling-Kurz vom Tourismusverband der Altmark . Auch der Havelradweg  führt zum Teil durch die Altmark. Über den Feldern und Auen kreisen Seeadler und Weißstörche, Gänse und Kraniche legen einen Stopp ein. Wanderer finden zwar jede Menge Wege (wie den Rundweg um den Arendsee). Die Infrastruktur der Altmärkischen Wandernester jedoch mit ihren 700 Kilometer langen Wegenetzen werde gerade erst wieder aufgebaut, sagt Reckling-Kurz. Für Surfer und SUP-Fans bietet sich der Arendsee an, einer der tiefsten Seen Norddeutschlands, der allerdings immer mal wieder ein Blaualgenproblem hat.

Was gibt's noch zu erleben? Doppelt so groß wie das Saarland, aber nur ein Fünftel so viele Einwohner - statistisch gesehen ist die Altmark eine der am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands. Die Weite der Landschaft preist die Touristikerin Reckling-Kurz daher vor allem an - und die "Farbenpracht der Felder zu jeder Jahreszeit, ob Raps, Kornblumen oder Sonnenblumen". Sie empfiehlt das "Entschleunigungsbuch" "In the Middle of Nüscht" für weitere Tipps, nach dem östlichen Teil gibt Autorin Sibylle Sperling  jetzt einen westlichen Teil heraus.

Touristisch gesehen sticht die Kaiserstadt Tangermünde mit ihrer Burg an der Elbe hervor, dazu lohnt der Trip in Hansestädte wie etwa Stendal, Havelberg, Gardelegen und Salzwedel mit ihren Backstein-Altstädten. An der "Straße der Romanik"  liegen Burgen, Schlösser und Dome aus dem Mittelalter - einige davon sind Spielstätten der Altmark Festspiele , die normalerweise von Ende Mai bis Ende September in vielen dieser Orte stattfinden. Coronabedingt sind sie auf wenige Konzerte geschrumpft.

Das Stendaler Theater der Altmark  spielt im September wieder - wegen Bauarbeiten im eigenen Gebäude an so ungewohnten Orten wie Schulen und Lagerhallen. Frischen Wind in die Region versucht auch die "Künstlerstadt Kalbe"  zu bringen, ein Bürgerverein, der mit Stipendien internationale Künstler in die Altmark holt und Sommer- und Wintercampus organisiert.

Probieren: "In der Altmark wird typische deutsche Hausmannskost gekocht", sagt Carla Reckling-Kurz. Stolz seien die Altmärker auf ihre Hochzeitssuppe und auf den Baumkuchen, der in Salzwedel erfunden wurde. Gastronomisch tut sich aber etwas - internationales und moderneres Flair etwa haben zum Beispiel die Restaurants Mainly , Atrium  und Le Petit  in Stendal, Tisch 12  in Fleetmark oder Heimart  in Salzwedel.

Übernachten: Coronabedingt ist die Nachfrage nach Übernachtungsmöglichkeiten auch in der Altmark merklich gestiegen. Tangermünde melde, dass die Wochenenden bis Jahresende sehr gut gebucht seien, sagt Reckling-Kurz. Doch wer sucht, werde immer noch ein Bett finden.

Rheingau: Wein, was sonst?

Alles am Fluss: großes Panoramakino

Alles am Fluss: großes Panoramakino

Wo genau liegt die Gegend? Grob gesagt zwischen Frankfurt und Koblenz, südwestlich von Wiesbaden. Zwischen Mainz und Bingen fließt der Rhein ein ganzes Stück westwärts. An diesem Flussabschnitt, rechtsrheinisch, liegt der Rheingau.

Wer wird's mögen? Alle, die ihren Urlaub im wahrsten Wortsinn gern genießen.

Was ist für (Genuss)-Wanderer geboten? Herrliche Aussichten: Jedes Jahr kürt das Deutsche Weininstitut Aussichtspunkte mit spektakulären Blicken auf Weinlandschaften, die gut zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar sind. Unterhalb der Burg-Ruine Nollig in Lorch  liegt eine der "Schönsten Weinsichten 2020". Wer viel Strecke machen will: Der 30 Kilometer lange Klostersteig  führt vom Kloster Eberbach, einem der bedeutendsten Kunstdenkmäler Europas, nahe Eltville bis nach Rüdesheim zum Kloster Marienhausen. Neu sind die Wisper-Trails , von denen einige durch den Rheingau führen: Das 9,3 Kilometer lange "Rhein-Wisper-Glück" (Start und Ziel ist Lorch-Lorchhausen) ist als "Deutschlands schönster Wanderweg 2020" nominiert und großes Panoramakino! Ohne viel Steigung, dafür auch sehr idyllisch ist die "Wispertaler-Krönchen"-Runde ab Espenschied.

Was kann man noch erleben? Der französische Schriftsteller Victor Hugo schrieb über den Rhein: "Die ganze Geschichte von Europa liegt in diesem Fluss..." Auch ein Grund, warum man sich an der Strandperle  in Geisenheim ein SUP ausleihen sollte. Festeren Boden unter den Füßen hat man in den Gondeln des Riesenrades am Rheinufer in Eltville. Actionreich ist ein Ausflug in den Kletterwald  auf der Hallgarter Zange.

Probieren: Wein natürlich. Derzeit schenken überall im Rheingau an Open-Air-Probierständen  regionale Winzer ihre Produkte aus. Besonders schön gelegen sind zum Beispiel der Stand in Eltville direkt am Rheinufer oder auf der Bubenhäuser Höhe in Rauenthal.

Übernachten: In Eltville kann es leichter sein, Quartier zu finden als im Rheingau-Hotspot Rüdesheim. In Geisenheim hat Julia Lange Schlummerfässer  aufgestellt. Vorerst in fünf, ab Anfang September ist im Bauch von insgesamt 13 Fässern Platz für Besucher. Wohnmobil-Reisende können direkt bei Winzern übernachten, eine Übersicht über Stellplätze im Rheingau gibt es hier .

Sauerland: Auf den Berg, in die Höhle

Bruchhauser Steine im Sauerland: im Land der tausend Berge

Bruchhauser Steine im Sauerland: im Land der tausend Berge

Foto: Jochen Tack / imago images/Jochen Tack

Wo genau liegt die Gegend? Auf der Grenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Hessen, südöstlich vom Ruhrgebiet.

Wer wird's mögen? Als Land der tausend Berge und tausend Höhlen wird die Region vermarktet - also: Wer Berge sympathisch und einen Trip unter Tage spannend findet, ist in dieser Mittelgebirgsregion richtig. Im Übrigen soll es genau 2711 Berge über 400 Meter Höhe geben.

Was ist für aktive Urlauber geboten? Viele Berge, viele Möglichkeiten - elf Kommunen haben sich zu den Sauerland-Wanderdörfern zusammengetan, der bundesweit ersten und größten "Qualitätsregion Wanderbares Deutschland ". Dort wurden im vergangenen Jahr 43 "Seelenorte" ausgemacht: "Orte mit besonderer Bedeutung für die Einheimischen wie Felsen, Grotten, Wallfahrtsstätten", sagt Rouven Soyka vom Tourismusverband. Achtsam wandern ist hier das Motto.

Mittelgebirge ja, aber Schwitzen muss nicht sein: Viele Radwege im Sauerland sind auf alten Bahntrassen angelegt, die durch Täler und entlang von Flüssen führen, sagt Soyka. Zum Beispiel der 84 Kilometer lange Sauerlandradring , den die Hennesseschleife mit dem Ruhrtalradweg  verbindet. Mountainbiker finden ausreichend Trails in der Bike Arena , dazu können sie sich in Bike- und Trailparks  und Parcours etwa in Winterberg, Willingen und Kallenhardt austoben.

Was gibt's noch zu erleben? Ein Abstecher in die Fachwerkstadt Soest und die Hansestadt Schmallenberg lohnt sich als Verschnaufpause und für einen Bummel. Von den Bruchhäuser Steinen am Rothaarsteig aus lässt sich die ganze Region mit einem Rundumblick erfassen. An den Sauerland-Seen wie dem Biggesee/Listersee chillt der vom Radeln und Wandern erschöpfte Urlauber. Und bei Regen geht es in die Dechenhöhle  in Iserlohn oder die Atta-Höhle  in Attendorn zum Stalaktiten- und Stalagmiten-Staunen oder im Sauerländer Besucherbergwerk Ramsbeck  mit einer Grubenbahn aus den Fünfzigern tief in den Berg hinein.

Probieren: Biere. Denn wo die Veltins- und Warsteiner-Brauereien im großen Maßstab produzieren, gibt es auch einige Privat- und historische Brauereien . Das passt zu den eher deftigen Gerichten wie der "Dicken Sauerländer" und zur Potthucke (Kartoffeln, Mettwurst, Ei) aus dem Ofen. Hausgemachte Wurst wird auch in vielen Bio-Bauernhöfen hergestellt und angeboten, gleich neben ihren Hofcafés.

Übernachten: Vor allem die Campingplätze und Ferienwohnungen sind in der Coronakrise stark nachgefragt. Wer flexibel ist, werde aber noch eine Übernachtungsmöglichkeit finden, sagt Soyka. Beliebt sei die Region als typisches Zweiturlaubsziel, das aus dem Ruhrgebiet und dem Rheinland schnell erreichbar sei, besonders für verlängerte Wochenenden. Familien finden über den Ferienbauernhof-Verband Schmallenberger Kinderlandbetriebe ganz nah zu Kuh und Huhn.

Nationalparkregion Kellerwald-Edersee: Ab in den Urwald

Morgenstimmung: Still ruht der Edersee in Nordhessen

Morgenstimmung: Still ruht der Edersee in Nordhessen

Foto: Paavo Blafield/ Regionalmanagement Hessen

Wo genau liegt die Gegend? In Nordhessen zwischen Kassel und Marburg - so ziemlich in der Mitte Deutschlands.

Wer wird's mögen? Großstädter mit tiefer Waldsehnsucht.

Was ist für Wanderer geboten? Die Möglichkeit, letzte echte Urwälder zu erleben. Im Nationalpark Kellerwald-Edersee  hat die Natur das Sagen. 19 Rundwanderwege  führen durch das knapp 6000 Hektar große Reich jahrhundertealter Buchen. Wer mag, kann im Kellerwald für mehrere Tage im Wald verschwinden. Wilde Natur und ein spannender Kontrast begleiten einen auf dem 68 km langen Urwaldsteig  rund um den Edersee. Denn anders als die zum Uno-Weltnaturerbe zählenden Buchenwälder am Südufer führt der Weg am Nordufer vorbei an knorrigen Eichen. Es gibt von Rangern geführte Familienwanderungen , und ab Oktober starten auch wieder die "Achtsam durch die Wildnis"-Touren. Achtsamkeitslehrerinnen leiten die Teilnehmer*innen einen Tag lang beim Gehen, Sehen, Lauschen und Spüren an. Nächster Termin ist der 10. Oktober, für eine "Indian Summer"-Wanderung der 11.11..

Was gibt's noch zu erleben? Charmante kleine Fachwerkstädtchen wie Fritzlar. Nach Bad Arolsen mit seinem barocken Residenzschloss ist es nicht weit. Ein Tagesausflug führt natürlich auch ins ungefähr 50 Kilometer vom Nationalpark entfernte Kassel. Hier sollte man unbedingt genug Zeit einplanen für Märchenhaftes, die Grimmwelt  und die Erkundung des berühmten Bergpark-Wilhelmshöhe  (coronabedingt in diesem Jahr leider ohne Wasserspiele). Kunstliebhaber führen drei Parcours zu Documenta-Außenobjekten .

Probieren: Die "Wilden Wochen"  im Habichtswald. Vom 19. September bis 15. November dreht sich bei den Gastronomen und in den Metzgereien alles um das Habichtswald-Wildschwein.

Übernachten: 140 Vermieter und Hotels in ganz Nordhessen beteiligen sich am MeineCardPlus-Programm . Wer sich bei ihnen einquartiert, kann 140 Freizeitangebote und den ÖPNV kostenlos nutzen.

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