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Schlei in Schleswig-Holstein Zu Hause am Fjord der Wikinger

42 Kilometer mäandert die Schlei durch den Norden Schleswig-Holsteins - und fasziniert die Menschen, die dort leben. Sieben Männer und Frauen erzählen, was sie an ihrer Heimat lieben.
Von Dörte Nohrden

Wenn sich am Timmendorfer Strand die Autos stauen, kann es an der Küste der Halbinsel Angeln noch ruhiger zugehen - zumindest ein bisschen. Und auch an der Schlei, die 42 Kilometer weit durch den Norden Schleswig-Holsteins mäandert.

Der eiszeitlich geschaffene Meeresarm der Ostsee mit seinen Engen und Breiten, Buchten und Nooren trennt die Halbinseln Angeln und Schwansen. Fähren und Brücken verbinden die Ufer. Häfen, Äcker und maritime Örtchen liegen an dem lang gestreckten Gewässer, noch vor tausend Jahren größter Siedlungsplatz der Wikinger.

Sieben Anwohnerinnen und Anwohner der Schlei erzählen, was sie an ihrer dänisch geprägten Heimat besonders lieben.

Svend Duggen: "Eine Art Forschungsschiff für meinen Unterricht"  

Der Name am Bug seines sonnengelben Motorseglers im Fahrdorfer Seglerhafen sagt schon viel über ihn aus: "Happy". "Mit dem Boot fahre ich gern mal zur Arbeit in der gegenüberliegenden Schule A. P. Møller Skolen, und gleichzeitig ist es eine Art Forschungsschiff für meinen Unterricht", erzählt Svend Duggen, 50, gebürtiger Schleswiger und der dänischen Minderheit angehörig.

Früher forschte er, der promovierte Geowissenschaftler, am Kieler Geomar Institut, beschäftigte sich mit Plattentektonik und dem Düngeeffekt von Vulkanasche in den Meeren. Dann kam das Angebot, Chemie- und Geografielehrer für die Oberstufe an der dänischen Schule zu werden, 2009 kehrte er also zurück in seine Heimat, nach knapp 20 Jahren. Vulkane gibt es hier zwar nicht, "aber die Schlei ist ebenso faszinierend und die Komplexität der Gewässervorgänge genauso hoch", sagt er.

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Stadt, Land, Fluss - so schön ist die Schlei

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Es bereichere ihn enorm, mit den Schülerinnen und Schülern direkt vor der Haustür forschen  zu können. So helfen sie mit bei mehreren Forschungsprojekten, zum Beispiel geht es um den Europäischen Edelkrebs, das Faulschlamm-Problem und das Seesperrwerk der Wikinger.

Die naturwissenschaftlichen Aspekte sind das eine, daneben empfinde Duggen den Meeresarm vor allem als schön: "Ich sehe die Schönheit der Schlei jeden Tag, bei jedem Wetter, und es ist herrlich und echter Luxus, mit dem Rad oder per Boot zur Arbeit zu fahren."  

Ute Drews: "Ich träume mich gern in die Welt vor tausend Jahren hinein"

"Ich bin durch und durch Schleswig-Holsteinerin und liebe das Land zwischen den Meeren, den Himmel, das starke Wetter, die prächtigen Wolkenbilder", sagt Ute Drews. Seit mehr als 30 Jahren leitet die gebürtige Dithmarscherin das Wikinger Museum Haithabu  bei Schleswig.

Man könne unglaublich viel unternehmen - am und auf dem Wasser: "Ich persönlich mag ausgedehnte Spaziergänge an den Ufern der Schlei, vor allem am Haddebyer Noor", erzählt sie. "Dann träume ich mich gern in die Welt vor tausend Jahren hinein und stelle mir vor, wie die Schiffe der Wikinger und anderer Händler hier ihren Weg nach Haithabu suchten, um an diesem bedeutenden Handelsort ihre Waren umzuschlagen."

Hier, an der ersten stadtähnlichen Siedlung Nordeuropas, könne man dem Leben der Wikinger nachspüren, die vor mehr als tausend Jahren die Welt im Norden revolutionierten. "Mit ihren Schiffen traten sie in die Welt hinaus und holten gleichermaßen die Welt hierher", sagt Drews. Zusammen mit dem alten Grenzwall Danewerk, dem "Limes des Nordens", ist ihr Museum 2018 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt worden.

Finn Müller: "Nicht so langweilig wie auf der Ostsee"

Was soll aus einem kleinen Jungen werden, der im Alter von sieben Jahren segeln lernt und nur drei Jahre später schon tagelang allein auf der eigenen Conger-Jolle die Schlei unsicher macht? "Ich habe halt mal in Maasholm, mal in Kappeln, mal auf der Lotseninsel festgemacht und dann über Tage oder Wochen im Boot übernachtet. Morgens habe ich mir immer bei Bekannten oder der Familie was zum Essen organisiert", erzählt Finn Müller, heute 35, aus seiner Kindheit.

Heute ist er selbst Kapitän - wie schon sein Vater einer war. 2008 stieg Müller ins Familienunternehmen  ein und schippert seither Feriengäste ab Kappeln über die Schlei - entweder Richtung Schleswig oder zur Lotseninsel in Schleimünde.

"Auch weil hier viele Sportboote unterwegs sind, ist es ein sehr anspruchsvolles Gewässer, nicht so langweilig wie auf der Ostsee, das gefällt mir", sagt der Kapitän des Ausflugsdampfers "MS Nordlicht". Dass er die Tücken der Schlei schon als Kind so gut kennengelernt hat, helfe ihm heute sehr bei der Schleischifffahrt, sagt Müller. "Für mich ist das keine Arbeit, sondern jeden Tag wie Urlaub."

Maike Hoffmann: "Viele verträumte Stellen, an denen ich baden, surfen, paddeln kann"

"Ich schätze diese einmalige Vielseitigkeit der Schlei", sagt Maike Hoffmann aus Sundsacker. Gleich gegenüber von Arnis, der mit nur knapp 300 Einwohnern kleinsten Stadt Deutschlands, führt die 44-jährige Sportwissenschaftlerin seit 2004 eine Kanuvermietung  samt Erlebnispädagogik und Hüttencamp. Abends genieße sie die Sonnenuntergänge über dem Städtchen sehr, sagt sie.

"Die Schlei hat so viele Facetten! Mal ist sie breit wie ein See, dann wieder geht es durch Engen. Es gibt so viele verträumte Stellen, an denen ich baden, surfen, paddeln oder auch Motorboot fahren kann, und dann hat man in Kappeln wieder etwas mehr Trubel, wenn man das möchte." Ein besonderes Fleckchen sei etwa das geschützte Grödersbyer Noor gleich westlich von Arnis.

Gerade bei Ostwind werde viel Ostseewasser in den Meeresarm gedrückt, sodass das Wasser an diesen Tagen in Sundsacker besonders klar sei. Ihr gefielen "die kräftigen Farben der Natur, die sich dann zeigen, der blaue Himmel, das glasklare Wasser, die satten grünen Felder und Wiesen", sagt sie. Und der Wind: "Beim Paddeln kann ich mir durch die auch mal steife Brise immer wieder neue Herausforderungen suchen."

Thomas Busch: "Da ist eine große Herzlichkeit"

Die Fahrradvermietung, zurzeit untergebracht in einem Container, ist restlos ausgebucht. "Das nächste Mal müssen Sie früher anrufen", sagt Thomas Busch, der hier schon in der zweiten Saison aushilft. Es ist Zufall, dass genau hier, am mondänen Hafen des Ostseeresorts Olpenitz  an der Schleimündung, bis 2004 auch sein letzter Arbeitsplatz lag.

Der 69-Jährige arbeitete als Kasernenbootsmann im ehemaligen Marinestützpunkt Olpenitz. Der Stützpunkt wurde geschlossen und wich dem neuen Ostseeresort, in dem immer noch gebaut und geschliffen wird. Der gebürtige Leipziger ist froh darüber, dass die Marinewaffenschule ihn 1981 nach Kappeln an die Schlei geschickt hat. "Ich mag die Menschen, die hier geboren sind", erzählt Busch. "Erst mal ist es schwierig, an sie heranzukommen, aber dann ist da eine große Herzlichkeit."

Auch liebe er die Ruhe und Ursprünglichkeit der Natur an der Schlei, die obendrein ein ausgezeichnetes Segelrevier sei. "Es hat schon was, wenn man auf der eigenen Terrasse sitzt und über einem Seeadler kreisen", erzählt er. "Bei aller schöner Natur hat uns allerdings vor einigen Jahren tatsächlich ein Fischreiher die Goldfische aus unserem Gartenteich geklaut", sagt Busch.

Sein Tipp für Radler: Eine schöne Tour führe etwa von Kappeln nach Maasholm. "Da fahren Sie am Maasholmer Noor vorbei und sollten auf dem Weg unbedingt im Fischrestaurant Dröse einkehren."

Barbara Claußen: "Diese herrliche Ruhe, nur das Wetter könnte jetzt mal etwas besser werden"

Vor fast 40 Jahren kam Barbara Claußen, heute 59, von einem kleinen Dorf in Angeln nach Fahrdorf an die Schlei. Sie sagte: "Ich liebe nichts mehr, als auf dem Wasser zu sein, ob mit dem Ruderboot, Motorboot oder dem Hausboot." Seit einigen Jahren vermietet sie ihre zwei fahrbaren Hausboote "Tammy" und "Jula" an Urlaubsgäste - und werde mit Anfragen überhäuft.

"Ich liebe den leichten Wind, die frische Luft und diese himmlische Ruhe hier", sagt Claußen. Mit dem Hausboot könne man in den kleinen Häfen entlang der Schlei festmachen, "und überall trifft man auf nette Leute, alle sind gut drauf". Besonders mag sie die geheimen, stillen Ecken, und manchmal erinnere sie das sogar ans Mittelmeer: "Ich war gerade mit meiner Tochter nahe der Missunder Enge im Wald Richtung Steilküste spazieren. Als wir über den sandigen Boden unter den Kiefern entlang zum Wasser gingen, sagte meine Tochter: 'Es sieht hier wirklich aus wie auf Mallorca.' Und das stimmt", erzählt sie.

"Die Schlei lag spiegelblank vor uns, dazu diese herrliche Ruhe, nur das Wetter könnte jetzt mal etwas besser werden. Wir Schleswig-Holsteiner sind ja schon mit wenig Sonne zufrieden", sagt Barbara Claußen.

Jonathan Kleingarn: "Neulich sahen wir zwei Schweinswale"

"Eigentlich hatte ich andere Sommerpläne und wollte zu meiner Freundin nach London", erzählt Jonathan Kleingarn, "doch wegen Corona ist Caroline stattdessen hierhergekommen." Gemeinsam mit ihr, einer ausgebildeten Sängerin, arbeitet der 22-jährige Hotelfachmann bis September in der Seglergaststätte Giftbude auf der kleinen Lotseninsel  in Schleimünde - auf der Spitze einer Landzunge, die nur übers Wasser erreichbar ist.

"Für mich ist diese Region absolute Heimat", sagt Kleingarn, "und die Schlei verbindet viele Menschen. Ich finde, es ist hier ein sehr friedliches, nettes Zusammenleben, wobei die Stimmung hier auf der Lotseninsel noch mal besonders schön ist, viele Gesichter sehe ich mehrmals." Auf der Lotseninsel arbeitet Kleingarn gemeinsam mit Menschen mit Behinderung, die Schleswiger Werkstätten haben die Gebäude von der Lighthouse Foundation gepachtet. Ob im Service oder in der Küche der Giftbude - einer Außenstelle des "Hotel Alter Kreisbahnhof" - ist hier ein gelungenes Inklusionsprojekt entstanden.

Dem Wasser so nah zu sein, sei ein echter Bonus und "wir genießen es, so unmittelbar an der Natur und den Tieren zu leben. Neulich sahen wir zwei Schweinswale". Seit Caroline dabei ist, gibt es hier, wo Ostsee und Schlei zusammentreffen, sogar Livekonzerte. "Hier open air zu singen, das ist für Caroline natürlich das Beste."

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