Foto:

Linda Karlsson

Social-Distancing-Restaurant in Schweden Dinner for one

Auf einer schwedischen Sommerwiese mit Stil speisen, ohne eine Corona-Infektion zu riskieren. Das ist das Restaurantkonzept eines Pärchens in Värmland. Wie es sogar die ganze Welt an einen Tisch bringen könnte, erzählt Gründerin Linda Karlsson.
Ein Interview von Bettina Hensel

SPIEGEL: Linda Karlsson, wie sind Sie und Ihr Partner auf die Idee gekommen, das Restaurant Bord för en, übersetzt Tisch für einen, zu eröffnen?

Linda Karlsson: Meine Eltern überraschten uns im März mit einem Besuch in Värmland. Wir haben sie nicht in unser Haus gelassen. Das fühlte sich zwar unhöflich an, aber sie sind beide über 70 Jahre alt, und wir wollten sie keiner Ansteckungsgefahr aussetzen. Deswegen haben wir ihnen Mittagessen durchs Fenster auf einem Tisch draußen auf der Wiese serviert. Sie haben es sehr genossen. Wir dachten, vielleicht ist so ein kulinarisches Social-Distance-Konzept auch für andere spannend.

SPIEGEL: Anders als in Deutschland gibt es in Schweden überwiegend Empfehlungen für jedermann zum Umgang mit der Coronakrise, zum Beispiel Abstand einhalten. Keine Verbote, kein Lockdown. Restaurants und Cafés haben unter Auflagen geöffnet, ebenso Schulen. Hat sich Ihr Alltag trotzdem verändert?

Karlsson: Ja, denn wir nehmen die Empfehlungen sehr ernst. Ich würde sagen, die meisten Schweden folgen ihnen. Ein paar Restaurants in Stockholm mussten schließen, weil sie die Abstandsauflagen nicht eingehalten haben.

SPIEGEL: Wie kann man sich Ihr Leben dann gerade vorstellen?

Karlsson: Meine Tochter sieht ihre Großeltern nicht. Ich arbeite als Managerin einer Produktionsfirma in Teilzeit von zu Hause aus und habe kein Restaurant mehr besucht außer mein eigenes. Seit zwei Monaten habe ich über meine Familie hinaus keine Menschenseele getroffen, außer eine Freundin, die nach drei Jahren aus Addis Abeba von ihrer Arbeit bei der Uno zurückkam. Wir konnten uns noch nicht einmal zur Begrüßung umarmen. Mit ihr bin ich neun Stunden draußen spazieren gegangen - mit zwei Metern Abstand. Vielleicht bringt einen so etwas auch auf Ideen wie diese.

Fotostrecke

Bord för en in Schweden: Eine Wiese, ein Tisch, ein Restaurant

Foto: Linda Karlsson

SPIEGEL: Wie sieht denn das Konzept für Ihr Restaurant aus, das am 10. Mai eröffnet?

Karlsson: Ein Tisch und ein Stuhl auf einer schwedischen Sommerwiese. Keine anderen Gäste. Keine Bedienung. Nur du, ein Dreigängemenü und die dazu passenden Getränke. Mithilfe eines Seils und eines Körbchens wird das Essen auf direktem Wege vom Küchenfenster unseres Hauses zum Gast geliefert.

SPIEGEL: Woher kommen die Zutaten?

Karlsson: Aus der Region. Wir bauen auch selbst Gemüse an, gelbe Karotten, Mais oder Kartoffeln. Die Blaubeeren für das Dessert stammen aus den umliegenden Wäldern. Das Rezept ist inspiriert von Rasmus' Großmutter, die vor wenigen Wochen starb. Sie wurde fast hundert Jahre alt. Blaubeeren mit kalter Milch – das weckt bei Rasmus Kindheitserinnerungen an die Sommer in ihrem Haus in Ransäter, wo sich auch unser Restaurant befindet.

SPIEGEL: Ransäter liegt in der westschwedischen Provinz Värmland, die bekannt ist für ihre Natur, ihre Wälder und vielen Seen. Wo sind Sie am liebsten?

Karlsson: Am Klarälven. Irgendetwas hat der Fluss an sich, das die Leute extra freundlich macht. Du kannst dort raften, schwimmen oder mit dem Kanu fahren. Er fließt durch die ganze Region bis nach Karlstad, wo ich geboren bin. Auch Rasmus ist am Fluss in Ransäter geboren. Der Fluss verbindet uns.

"Wir hoffen natürlich, wir gehen dadurch nicht pleite."

SPIEGEL: Im Bord för en servieren Sie ein Dreigängemenü mit dem Hauptgericht "Black & Yellow" mit Karotten-Ingwer-Püree, Haselnussbutter, Schlangenwurzel und Zuckermais-Kroketten. Das klingt nach gehobener Gastronomie - wie viel kostet es?

Karlsson: Die Menschen verlieren gerade ihre Liebsten, ihre Jobs. Wir wissen, dass jeder gerade unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten hat, für diese Erfahrung zu zahlen. Deswegen bleibt es jedem selbst überlassen, wie viel er dafür ausgeben möchte. Wir hoffen natürlich, wir gehen dadurch nicht pleite.

SPIEGEL: Gibt es schon viele Interessenten?

Karlsson: Auf jeden Fall. Wir haben auch Anfragen von Leuten bekommen, die jemanden mitbringen wollten. Bis jetzt haben wir das abgelehnt, weil wir nicht daran teilhaben wollen, das Virus zu verbreiten - denn schon bei zwei Gästen kann man nicht mehr für ein Corona-freies Restaurant garantieren. Aber wenn das alles vorbei ist, sind wir auch für andere Varianten offen.

SPIEGEL: Wer wird Ihr erster Gast sein?

Karlsson: David Nordström, der Inhaber der zweitkleinsten Galerie in Värmland. Er will mit seinem Elektrofahrrad von Karlstad zu uns nach Ransäter radeln, das sind ungefähr 50 Kilometer. Wir sind glücklich darüber, dass er per Rad zu uns kommen will. Auch wenn wir eine Bushaltestelle im Ort haben, würden wir den Leuten nicht empfehlen, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Die kleine Galerie und das vielleicht kleinste Restaurant der Welt: das ist doch eine gute Kombination. Wie schon andere hat auch er gefragt, ob das Restaurant eine Kunstinstallation sei.

SPIEGEL: Ist es das?

Karlsson: Nein, wir meinen das ernst! Wir hoffen, dass wir daraus auch noch weitere Erlebnisse entwickeln können, die nur auf eine Person zugeschnitten sind. Zum Beispiel ein Konzert oder eine Stand-up-Comedy. Eine Bar. Obwohl - die gibt es ja schon. Die Getränke, die bei uns im Restaurant serviert werden, sind Kreationen von Joel Söderbäck, der bekannt ist für seine Bars in Schweden.

SPIEGEL: Ein Tisch für einen Gast – auf Dauer wird das vielleicht etwas einsam. Ist das die neue Normalität?

Karlsson: Wir könnten Ein-Tisch-Restaurants weltweit eröffnen und digital miteinander vernetzen. So kommt die ganze Welt auf unsere Wiese. Ich persönlich mag die Einsamkeit und bin früher oft allein essen gegangen. Das entspricht nicht der sozialen Norm, und die Leute wunderten sich darüber: Wartet sie auf jemanden? Wurde sie von einem Date versetzt? In diesem Restaurant wird das niemand mehr fragen.