125 Jahre Kurfürstendamm Berlins Flaniermeile feiert Comeback

Was bisher ein städtebauliches Grauen war, soll sich mausern: Der Berliner Kurfürstendamm wird mit Hilfe von Investoren aufgemotzt. Gerade rechtzeitig zum 125. Geburtstag des legendären Einkaufsboulevards, den die Hauptstadt bis in den Oktober hinein feiern wird.

DPA

Berlin - Er ist nur halb so breit wie die Pariser Prachtstraße Champs-Elysées, doch für viele Berliner ist er der größte Einkaufsboulevard der Welt: der Kurfürstendamm. Am Donnerstag vor 125 Jahren fuhr die erste Dampfstraßenbahn über die Straße vom Zoo in den Grunewald und machte die Ost-West-Achse damit zur Straße fürs Volk - und ab Donnerstag dieser Woche starten die Jubiläumsfeiern mit einem breiten Veranstaltungsprogramm und einer Ausstellung entlang der Straße.

Das Fest soll auch den Neuaufbruch der Straße markieren, die nach dem Mauerfall im Schatten der Aufmerksamkeit für die einstigen Ostbezirke stand. Wer etwas auf sich hielt, zog nach der Wende weg: In Mitte wohnten die Kreativen, im Prenzlauer Berg lebten die jungen Neu-Berliner, in Friedrichshain die Studenten. Die City-West galt als altbacken und langweilig. Muff aus jahrzehntelangem Berliner Filz hielt Investoren fern. Es gab Leerstand und Bauprojekte, die nie gebaut wurden, dazu jede Menge Bausünden.

Seit kurzem scheint es, als sei die City-West aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht. Die Prinzenrolle fällt vermutlich dem Investor des Hochhauses "Zoofenster" zu. Direkt gegenüber vom Bahnhof Zoo wartete ein dreieckiges Areal jahrzehntelang auf Bebauung. Nun entsteht hier das einzige Waldorf Astoria-Hotel außerhalb von New York - die Eröffnung wird noch in diesem Jahr erwartet. "Das Waldorf wird die Schmuddelecke trockenlegen", sagt der Chef der landeseigenen Tourismus-Agentur VisitBerlin, Burkhard Kieker.

80 Kilometer Shoppingstrecke

Noch wirkt das Luxushotel höchst deplatziert zwischen Beate Uhse-Museum und Obdachlosenbus am Bahnhof Zoo. Doch die Investoren sollen es richten. Auch das Kino Zoopalast und der benachbarte Fünfziger-Jahre-Riegel namens Bikinihaus werden aufwendig saniert und sollen finanzstarke Kunden anlocken. Die Gedächtniskirche ist ebenfalls eingerüstet, denn das Baudenkmal wird restauriert. "Wir haben so einen Aufwind durch die Bauaktivitäten", sagt Jennifer Woelki, Geschäftsstellenleiterin der Arbeitsgemeinschaft (AG) City, einer Interessenvertretung der Geschäftsleute an und um den Kurfürstendamm.

Rund 80 Kilometer Shoppingstrecke biete das gesamte Areal, sagt Woelki. Der Handelsverband bestätigt, dass es bei 320 Geschäften zwischen Wittenbergplatz und Olivaer Platz weitaus mehr einzukaufen gebe als an der Friedrichstraße in Mitte. Den rund 277.000 Quadratmetern Verkaufsfläche in der City-West stehen rund 90.000 an der Friedrichstraße gegenüber.

Der Kudamm hat sein Selbstbewusstsein nicht ohne Grund gestärkt. Seit kurzem darf er sich zu den berühmtesten Einkaufsstraßen der Welt zählen. Am Rande einer Tagung der Welthandelsorganisation in Peking im vergangenen Herbst gründeten 15 Top-Shopping-Adressen auf Initiative des Pekinger Bürgermeisters die Vereinigung der weltweit bekannten Hauptstraßen. Aus Mitteleuropa sind sonst nur noch die Pariser Champs-Elysées sowie Oxford, Regent und Bond Street in London dabei.

Architekt Chipperfield nimmt sich das Karree vor

Einige Modelabels scheinen den Trend zum Kudamm gerochen zu haben. Hermès, Gucci und Prada haben wieder Filialen in der City-West eröffnet, nachdem sie jahrelang nur in Mitte zu finden waren. "Gehobenes Publikum, gehobene Ansprüche" biete das Zentrum im Westen, sagt Kieker. Neben der Gastronomie im oberen Bereich seien auch Galerien und Modedesigner vermehrt nach Charlottenburg gezogen - etwas gediegener als in Mitte vielleicht, aber von der Kundschaft geschätzt.

Ein bekennender Fan des Kurfürstendamms ist der britische Stararchitekt David Chipperfield, der sich in Berlin mit der Gestaltung des Neuen Museums bereits ein Denkmal gesetzt hat. Nun will er das Kudamm-Karree, ein Betonbau aus den siebziger Jahren, in eine moderne Einkaufs- und Kulturmeile verwandeln. Die Glasfassade soll der Prachtstraße zu noch mehr Glanz und Glamour verhelfen.

Nicht nur Glamour wünscht sich Berlins Regierender Bürgermeister für den Kurfürstendamm: Klaus Wowereit (SPD) hat sich für den Erhalt der sozialen Mischung der Flaniermeile ausgesprochen. "Dort wohnen nicht nur die Reichen und Schönen dieser Republik, dort wohnen auch ganz normale Menschen mit einem normalen Einkommen - die Sozialhilfeempfänger genauso wie diejenigen, denen es wirklich gut geht", sagte Wowereit am Montag bei der Vorstellung des Jubiläums-Programms. "Wir wollen, dass die Mischung erhalten bleibt."

abl/Mechthild Henneke, AFP/dpa



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