Academy of Sciences in San Francisco Weißes Krokodil, grünes Museum

Naturkundemuseum mit mehr als 150 Jahren Tradition: In San Francisco ist ein Besuch der Academy of Sciences für viele Touristen ein Pflichttermin. Früher wurden die Aussteller auch im Chinatown der Stadt fündig - wo sie schon mal seltene Tiere vor dem Kochtopf retteten.

TMN

San Francisco - Sein Name ist Claude. Er ist 13 Jahre alt, schneeweiß und liegt den ganzen Tag fast regungslos auf einem Felsen, der extra für ihn künstlich erwärmt wird, damit er in Ruhe verdauen kann. Claude ist ein Albino-Krokodil und lebt in der California Academy of Sciences in San Francisco. "In der freien Wildbahn wäre er schon tot", sagt Pressesprecherin Stephanie Stone. "Aber hier hat er sogar ein wenig zugenommen." Claude blinzelt dazu nicht einmal. Auf jeden Fall ist er eine der Hauptattraktionen von San Franciscos Wissenschaftszentrum - einem der Besuchermagneten der Stadt an der Bay.

Das moderne Haus im Golden Gate Park nahe der berühmten Golden Gate Bridge ist erst 2007 eröffnet worden, aber das Institut ist das älteste an der Westküste und eines der zehn größten Naturkundemuseen weltweit. Und es ist nach eigenen Angaben "das grünste Museum der Welt", Leed-zertifiziert mit 54 Punkten, die höchste zu erreichende Punktzahl. Leed ist ein Bewertungssystem des "Green Building Council" der USA, das nicht nur die Energieeffizienz eines Gebäudes bewertet, sondern auch Nachhaltigkeits-Aspekte. Markant ist das Dach, eine Mischung aus begrünten Zonen und Solarzellen. Aber auch das vierstöckige, runde und transparente Tropenhaus ist ein Hingucker.

Die California Academy of Sciences wurde 1853 gegründet und lag damals noch an der zentralen Market Street. Ihre Geschichte ist eng verknüpft mit der des Goldrausches. Als das erste Nugget nahe Sacramento gefunden wurde, verwandelte sich San Francisco zum Sprungbrett für Goldsucher. Innerhalb eines Jahres stieg die Zahl der Einwohner von 375 auf mehr als 30.000.

Darunter waren die Brüder Steinhart, die zu Reichtum kamen und der Stadt ein Aquarium stifteten. Ihnen schlossen sich weitere naturinteressierte Zugereiste von der Ostküste der Vereinigten Staaten an. Gemeinsam dokumentierten sie die Natur der Region, die sich durch den Boom zu verändern drohte.

Brand zerstörte das Wissenschaftszentrum

In dem Feuersturm, der nach dem großen Erdbeben von 1906 fast die gesamte Stadt zerstörte, brannte auch die Akademie nieder. Der Neubau wurde im Golden Gate Park errichtet und 1916 eröffnet. Damals war die Zeit der großen Entdeckerreisen, und die Regale füllten sich rasch wieder.

Doch 1989 bebte die Erde erneut, der klassizistische Bau zeigte danach schwere Schäden. Tiere und Exponate wurden vorsorglich woanders untergebracht. 2003 begann der Neubau, mit geänderter Zielsetzung und in ökologischer Bauweise. Weite Teile der Akademie dienen heute der Forschung. Hier arbeiten Professoren und ihre Assistenten und Studenten, entdecken, werten und katalogisieren. "Dies ist kein Museum für tote Dinge, sondern ein Museum des Lebens, für die Zukunft", sagt Stone.

Der neue Bau kommt an: Die Akademie zog bisher jedes Jahr zwei Millionen Besucher an - vor der Neueröffnung waren es 800.000. Einige Bauteile des alten Hauses wurden wiederverwendet. "Viele Bürger von San Francisco sind mit der Akademie aufgewachsen - sie brauchen etwas zum Wiedererkennen", sagt die Sprecherin.

So ist zum Beispiel das schmiedeeiserne Seepferdchengitter rund um Claude ein Original. Oder die klassizistischen Säulen am Eingang, die einen interessanten Kontrast zu dem sonst puristischen Gebäude darstellen. Auch von einstigen Besuchermagneten hängen dort Bilder, etwa vom beliebten "Butterball", einer kugelrunden Seekuh, die in den achtziger Jahren mit 17 Jahren verstorben ist.

Nachts im Museum

Die Jugend über 18 wird von den Akademie-Nächten angezogen: Jeden Donnerstag gibt es dort ab 19 Uhr Cocktails und Livemusik in der zentralen Halle unter einem Spinnennetz aus Glas. Der Trubel - Eintritt 10 Dollar - hat aber um 22 Uhr ein Ende, damit Claude und die anderen Tiere ungestört Nickerchen machen können. Tagsüber bietet die Akademie Führungen durch das Haus an. Dann streicheln ganze Schulklassen die Seesterne im Aquarium und haschen nach den Schmetterlingen im Regenwald.

Etwas ruhiger geht es bei der ganztägigen Führung "Hinter den Kulissen" zu, die auch in die Versorgungseinheiten des Gebäudes führt. Für 99 Dollar - gut 70 Euro - kann der Besucher dort zum Beispiel den Tank bewundern, in dem der Sand für die Pinguine gesäubert wird, oder das System, das frisches Wasser aus der Bay aufbereitet und in die Becken pumpt. Jedes Bassin braucht eine andere Wassermischung. So können die Fische gezeigt werden, wie sie in der Natur leben. Wie etwa im "California Coast Tank", in dem alle Fische schwimmen, denen man beim Tauchen vor der Küste begegnen kann.

Die Zeiten, in denen Exponate noch gefangen oder erlegt wurden, sind schon lange vorbei. Der Vogelkundler bekommt nur noch Tiere zum Ausstopfen, die tot in den Parks liegen oder auf den Straßen gefunden werden. Die gezeigten Korallen werden gezüchtet, die Tiere vermehrt oder manchmal auch aus Schmugglerhand befreit.

Früher gab es noch reichlich Ausbeute auf dem chinesischen Wochenmarkt von San Francisco, erinnert sich Stephanie. Zwei Schnappschildkröten, die ein Kurator dort vor knapp 50 Jahren vor dem Kochtopf bewahrt hat, leben immer noch in der Akademie. Sie teilen sich ihr Terrain mit Claude.

Hilke Segbers, dpa



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