Alpentourismus "Die Berge nicht zum Disneyland machen"

Während das Fremdenverkehrsamt in Kaprun über einer neuen Tourismus-Kampagne brütet, mahnen Experten einen anderen Umgang mit der Natur an. Für die Sicherheit von Skiurlaubern könne nicht garantiert werden.


Viele Touristen ignorieren die Gefahr
Foto: Hilke Maunder

Viele Touristen ignorieren die Gefahr



Nicht nur in Kaprun wird eine Antwort auf die Frage gesucht, wie es nach der Seilbahnkatastrophe mit dem Tourismus in den Alpen weitergehen soll. Dabei gibt es in dem Dorf mit 3200 Einwohnern wirtschaftlich gar keine Alternative zu dem Geschäft mit dem Wintersport, das zwischen Weihnachten und Ostern im Schnitt 450.000 Urlauber in das weitläufige Gletscherskigebiet lockt.

80 Prozent der Einheimischen leben direkt vom Tourismus, der allein in der Wintersaison 1,5 Milliarden Schilling (210 Millionen Mark) Einnahmen bringt.

Deshalb lässt das Kapruner Fremdenverkehrsamt Werbestrategen über einer neuen Kampagne brüten. Nach dem Tod von 155 Touristen im Tunnel der Gletscherbahn soll sie einerseits nicht pietätlos wirken, andererseits aber die Vorzüge der Region benennen.

In ganz Österreich hat das Geschäft mit der weißen Pracht eine halbe Million Arbeitsplätze geschaffen. Ein Fünftel des Bruttosozialprodukts der Alpenrepublik kommen aus Tourismuseinnahmen.

Dabei gibt es nicht erst seit Kaprun prominente Mahner gegen eine Erschließung der Gebirgswelt bis in den letzten Winkel.

Reinhold Messner, Extrembergsteiger und Abgeordneter der italienischen Grünen im Europaparlament, erinnert unermüdlich daran, dass der Aufenthalt in den Bergen immer mit Gefahren verbunden sei. Touristen würden in diese Regionen gelockt, für ihre Sicherheit könnte jedoch nicht garantiert werden, so Messner. Die einzige Chance, Sicherheit zu gewährleisten, bestehe darin, die Berge nicht zu einem Disneyland zu machen.

Im Europaparlament bereite er einen Gesetzentwurf vor, mit dem der Massentourismus in den Alpen begrenzt werden solle. Mit der Technik, die innerhalb weniger Minuten mehrere Höhenkilometer überwinden lasse, gehe das Gefühl für Gefahren verloren. Auch das Österreichische Ökologische Institut in Bregenz mahnt einen anderen Umgang mit der Natur an: "Wir können mit dem Gebirge nicht so weitermachen wie bisher", sagt Daniela Grabher, Mitarbeiterin des Instituts.

In den vergangenen Jahren kamen allein in den österreichischen Alpen 50 Menschen bei Lawinenabgängen ums Leben, im Mai 1999 verbrannten neun Personen im Tauerntunnel. Aber Österreich steht mit Schreckensmeldungen nicht alleine da: Im Oktober kamen bei Unwettern in der Schweiz und Norditalien 30 Menschen ums Leben. Im französischen Montblanc-Tunnel starben im August 1999 bei einem Feuer 45 Menschen. Im Juli vergangenen Jahres starben in der Schweiz 21 Menschen beim Canyoning, einer Extremsportart.

Paradoxerweise geht der sportliche Trend, je mehr gesicherte Pistenkilometer es gibt, immer stärker in die scheinbar noch unberührte Natur. Tourengeher lösen meist selbst die Lawine aus, die ihnen dann zum Verhängnis wird. Zuletzt kamen am Sonntag auf und jenseits Tiroler Pisten vier Menschen, darunter drei Deutsche, ums Leben. Sie waren trotz Lawinenwarnungen unterwegs gewesen.



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