Architekturmetropole Tel Aviv Sanierungsfall in Weiß

Flache Dächer und funktionale Formen: In Tel Aviv gibt es bis heute komplette Straßen im Stil von Bauhaus und Co. Viele der Gebäude sind in einem schlechten Zustand - doch bei jungen Israelis liegt die klassische Moderne wieder voll im Trend.


Tel Aviv - Schon mal im Kino übernachtet? In Israels quirliger Metropole Tel Aviv ist das problemlos und höchst stilvoll möglich. Hier wurde das an der Zamenhoffstraße gelegene "Cinema" zum Hotel umfunktioniert. Ein Projektor im Foyer und Poster entlang der Treppe erinnern an selige Film-Zeiten. Architektonisch bekennt sich der 1939 errichtete Komplex vom Türknauf bis zur schneeweißen Fassade zum Bauhausstil.

Nichts Besonderes in Tel Aviv. Denn die zweitgrößte Stadt im Land verfügt über rund 3500 Gebäude, die zwischen 1928 und 1945 errichtet wurden und schnörkellos den Ideen des deutschen Bauhauses beziehungsweise dessen Brüdern, International Style und Neue Sachlichkeit, frönen. In ganzen Straßen folgt also die Form der Funktion, Fenster verschmelzen bündig mit der Fassade, luftige Treppenaufgänge künden vom "demokratischen Wohnen". Fans kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Seit Sommer 2003 darf Tel Aviv sich Unesco-Weltkulturerbe nennen.

In der sogenannten vorstaatlichen Zeit vor 1948 wuchs das erst 1909 gegründete Tel Aviv als eine auf dem Reißbrett entworfene Metropole am Mittelmeer. Architekten aus aller Herren Länder machten es sich zur Aufgabe, Flachdachhäuser in unzähligen Varianten neu zu definieren oder dem warmen Klima anzupassen.

Doch die Wetterbedingungen führen heute zu ästhetischen Problemen. Klimaanlagen und vermauerte Fensterhöhlen zerstören so manche Ansicht, Etagenaufbauten oder Kunststoffjalousien wirken der einst perfekten Haus-Symmetrie entgegen. Zusätzlich macht die salzige Seeluft den Fassaden zu schaffen. Doch vielen Hausbesitzern fehlt das Geld zu denkmalgerechter Sanierung.

Vielen Bewohnern ist die Tradition schlicht egal. So kommt es, dass beispielsweise das Haus des Jiddischen Theaters in der berühmten Bialikstraße baupolizeilich gesperrt wurde. Nur in ein paar Erdgeschossräumen agiert das Theaterbüro noch.

Stadt fördert Sanierung

Doch inzwischen hat ein Umdenken eingesetzt. So hat die Stadtverwaltung Sonderprogramme für Geschoss-Rückbauten und Sanierungen zur Verfügung gestellt. In leer stehende Bau-Juwelen zogen Galerien. Nicht nur an den Boulevards Dizengoff und Rothschild, sondern in manch verträumten Seitenstraßen beleben Espressobars und Cafés die Erdgeschosszonen. Sie werden von jungen Israelis betrieben, die - gut gebildet und in der Welt herumgekommen - um die Wirkung des Design-Ambientes wissen. In der Bialikstraße 21, die von Milliardär Ron Lauder renoviert wurde, agiert seit Jahresbeginn mit städtischer Förderung das Bauhaus-Museum.

Nun hat die Reisebranche das Thema als Lockmittel entdeckt. Gezielt werben Kataloge mit "Bauhaus satt" für die Stadt, deren Name Frühlingshügel bedeutet. Führend ist der Bauhaus-Shop am Dizengoff-Platz. Hier finden sich nicht nur die üblichen Devotionalien wie bedruckte Tassen, Shirts und Schlüsselanhänger. Die zweistöckige Galerie bietet auch Führungen und Spezialkarten an.

Darauf sind alle sehenswerten Stadt-Quartiere farblich nach Stilrichtung, Architekten und Entstehungszeit geordnet. Klapppläne geben über frühere und heutige Nutzung Auskunft.

Der Laden grenzt genau ans Tel Aviver Stil-Highlight: den Dizengoff-Platz. Das Ende der dreißiger Jahre entstandene riesige Rondell wird von schier endlosen Balkonbändern in Weiß flankiert.

Einige der geschwungenen Bauten stehen leer, da und dort verfallen Etagen. Mehrere Gebäude wurden jedoch bereits zu neuem Leben erweckt, wie das vom Ehepaar Nathaniel errichtete "Cinema". Die Pariser Juden waren 1926 ausgewandert, um mit an einem Traum zu bauen: der weißen Stadt am Meer.

Von Torsten Hilscher, ddp



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