Bahnhof Zoo Berlins neuer Tränenpalast

Keine drei Monate ist der Berliner Hauptbahnhof eröffnet, und schon sind die schlimmsten Befürchtungen der Westberliner eingetreten. Der vom ICE-Netz abgekoppelte Bahnhof Zoo verödet, Händler und Hoteliers verzweifeln.

Berlin - Miren Griggs und Joanna Rebich aus Idaho, USA, sind müde, ihre Augenringe zeugen von einer langen Reise. Doch nicht ihr Trip von Boise über Paris nach Berlin war besonders stressig. "Nein, nervig war vor allem die Suche nach unserem Hotel", sagt die 25-jährige Miren. Im Internet hatte alles noch ganz einfach ausgesehen: Direkt gegenüber vom Bahnhof sollte das Hostel sein. Eigentlich nicht zu verfehlen.

Was die beiden Studentinnen nicht wussten: Auf der Website ist die Rede vom Bahnhof Zoo. Dort hält aber seit dem 28. Mai kein einziger ICE mehr. Stattdessen kamen die beiden am neuen Berliner Hauptbahnhof in der Stadtmitte an - und fanden weit und breit kein Hostel.

Geschichten wie diese sind für Oliver Winter trauriger Alltag. Der Geschäftsführer des A&O Hostels am Zoo klagt über herbe Einbußen seit der Abkopplung des Bahnhofs Zoo vom Fernverkehr. Im Sommer, der Hauptzeit der Rucksacktouristen, habe er sonst pro Tag zwischen 120 und 150 Walk-ins gehabt. So werden Gäste bezeichnet, die ohne Buchung ein Hotel aufsuchen. "Seit dem Ende der WM, die eine Sondersituation darstellte, waren es im Schnitt nur noch 25", bilanziert der 31-Jährige.

Weil die Touristen nicht mehr von selbst kommen, muss Winter nun zu ihnen gehen. Am Hauptbahnhof hat er junge Aushilfen postiert, die Reisende ansprechen und zu seinem Hotel lotsen sollen. "Dank der Aktion kommen wir auf knapp 80 Walk-ins", sagt der Hotelchef. "Das sind aber immer noch zu wenige. Außerdem kostet mich die Aktion einen Haufen Geld."

Kunden fehlen, Läden schließen

Was die Gäste sehen, wenn sie Winters Hotel suchen, ist der Hinterhof Berlins. Eine trostlose Gegend ist seit Mai noch trostloser geworden. Die Obdachlosen, die seit jeher vor dem Bahnhof Zoo kampieren, haben das Areal nun für sich, es stinkt nach Bier und Urin. Den Höhepunkt der Tristesse bildet eine Baugrube schräg gegenüber. Nur notdürftig werden Baugerüste und Schutt von Riesenpostern verdeckt. Seit vier Jahren liegt hier ein Gelände brach, auf dem einmal ein 16-stöckiges Hilton-Hotel entstehen sollte. Die Degradierung des Bahnhofs Zoo habe bei der Entscheidung gegen den Standort eine Rolle gespielt, sagt eine Sprecherin der Hotelgruppe.

Der frühere Dreh- und Angelpunkt Berlins, für Generationen der erste Kontakt mit der Hauptstadt, ist heute ein Regionalbahnhof. Die Bahnhofshalle, in der es noch vor zehn Wochen vor Reisenden wimmelte, ist in diesen Tagen wie leergefegt. Seit Mai ist die Zahl der Passanten von täglich 150.000 auf 100.000 zurückgegangen. Der Verkehr beschränkt sich auf die Gänge zwischen S-Bahn und U-Bahn.

Marina Wachsmuth kapituliert angesichts der für sie ausweglosen Situation. Die Inhaberin eines Pralinengeschäftes im Bahnhofsfoyer müht sich, ihre Tränen zurückzuhalten. "Meine Existenz ist zerstört", stößt die 39-Jährige hervor. Weil die Laufkundschaft fehlt, musste sie einer Mitarbeiterin bereits kündigen. Auch die anderen beiden werden Ende des Jahres ohne Job dastehen. Wachsmuth wird ihr Geschäft im Winter aufgeben - nach neun Jahren. "Seit dem 28. Mai zahle ich nur noch drauf", sagt sie.

Offizielle Zahlen des Berliner Einzelhandelsverbandes gibt es noch nicht. Doch alle Händler klagen. Horst Flatau, 58-jähriger Pächter eines Obst- und Getränkestandes, sagt, der Umsatz sei am 28. Mai von einem Tag auf den anderen eingebrochen. "Seitdem tut jeder Monat weh." Die Masse seiner Stammkunden waren ICE-Pendler, die morgens ihren Saft kauften, bevor sie in den Zug stiegen. Flatau klagt über Umsatzeinbußen zwischen 60 und 70 Prozent. Er hat bereits drei Mitarbeiter entlassen müssen.

Auch der Direktor des benachbarten Zoologischen Gartens, Jürgen Lange, rechnet mit zweistelligen Umsatzeinbußen. Bisher hat er von der WM profitiert, auch nach Ende des Großereignisses hielten sich wesentlich mehr ausländische Touristen in der Stadt auf als gewöhnlich. Für die nächsten Monate sieht er jedoch schwarz.

Rettung durch ein Riesenrad?

Berliner Politiker aller Parteien hatten sich gegen den Plan der Bahn ausgesprochen. Aber letztlich fehlte der politische Wille. Als Vorbild wird in Charlottenburg Kurt Beck genannt. Der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz hatte Bahnchef Hartmut Mehdorn vor Jahren einen ICE-Stopp in einer 13.000-Einwohner-Stadt abgerungen. Montabaur gilt seitdem als Inbegriff für den "politischen Bahnhof".

Um die Gegend um den Bahnhof Zoo wiederzubeleben, greifen die Kommunalpolitiker nun zu einem den Berlinern altbekannten Mittel: Sie setzen auf Rummel. Ein Riesenrad soll bis zu einer halben Million zusätzliche Besucher jährlich bringen. Charlottenburgs Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) glaubt, das Riesenrad werde weitere Investitionen nach sich ziehen. Wie bei vielen Berliner Lösungen scheint hier jedoch der Wunsch der Vater des Gedankens zu sein.

Helga Frisch kämpft dagegen weiter um den Fernbahnhof Zoo. Die ehemalige Pastorin ist Initiatorin eines Bürgerbegehrens. "Ab Mai 2007 werden wieder ICE im Bahnhof Zoo halten", behauptet sie. Dafür hat sie bereits 126.000 Unterschriften gesammelt. Allerdings hat sie so schon die Abkopplung nicht verhindern können. In der vergangenen Woche organisierte sie eine Menschenkette rund um den Bahnhof.

Bei der Bahn können die Verantwortlichen ob solcher Aktionen nur mit dem Kopf schütteln. "Wir stehen zum Bahnhof Zoo als starkem Regionalbahnhof. Aber dabei belassen wir es dann auch", sagt ein Sprecher. Auch Frisch weiß, dass Bahnchef Mehdorn kaum mit sich reden lässt. "Er ist Argumenten überhaupt nicht zugänglich", habe sie lernen müssen. Letzte Hoffnung der Anhänger des Fernbahnhofs Zoo dürfte ein neuer Bahnchef sein - eine allerdings reichlich vage Hoffnung.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.