SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

23. Februar 2017, 12:57 Uhr

Hype um deutsche Küche

Brotzeit in Bangkok

Zwillingsbrüder aus Berlin haben sich mit raffinierter deutscher Hausmannskost die Gunst thailändischer Gourmets erkocht. Ihr Lokal Sühring hat es unter die besten Restaurants Asiens geschafft.

Deutsche Touristen lieben Thailand für die Garküchen auf der Straße - für Tom Kha Gai, Pad Thai und Sticky Rice mit Mango. Doch wenn man die Einheimischen in Bangkok fragt, dann sind ganz andere Gerichte hier schwer angesagt: Bismarckhering, Spätzle oder Frankfurter Grüne Soße.

Deftige deutsche Gerichte wie diese stehen in dem Lokal Sühring auf der Karte, das vor gerade mal zwölf Monaten in einer alten Diplomatenvilla in Thailands Hauptstadt eröffnete. Kochen tun dort zwei Brüder aus Berlin: Mathias und Thomas Sühring. Die Zwillinge, die seit 2008 in Bangkok zu Hause sind, haben es soeben unter die 50 besten Restaurants ganz Asiens geschafft - als erste Deutsche überhaupt, mit ihrem ersten eigenen Restaurant.

Das Lokal, das auf Anhieb auf Platz 13 der Bestenliste landete, liegt nicht einmal sehr zentral, dafür aber inmitten eines tropischen Gartens. 70 Plätze, 35 Mitarbeiter, ein Menü mit acht oder zwölf Gängen. Der Preis: 2200 oder 2800 Baht (60 oder 75 Euro), Service und Getränke extra.

Das ist viel Geld für eine Stadt, in der man auch für umgerechnet 1,50 Euro ausgezeichnet essen kann. Trotzdem ist das "German Restaurant" inzwischen fast jeden Abend ausgebucht. "Fürs Essen geben die Leute hier mehr Geld aus als für Kultur", sagt Mathias Sühring. Und es gibt auch genügend Einheimische, die sich das Sühring leisten können.

Brotzeit mit Speck und Aal

Der Erfolg ist wohl auch darin begründet, dass es etwas Vergleichbares hier nicht gibt. Die Sührings verstehen ihr Restaurant als Außenposten der neuen deutschen Küche. Ihre Hausmannsklassiker sind natürlich modern verfeinert. Höhepunkt für viele ist die "Brotzeit" - ein Zwischengang, bei dem Bauernbrot mit Butter, Speck, Schinken und Aal serviert wird.

Manche Thais geraten dabei regelrecht in Verzückung. Für Deutsche ist das Abendbrot in tropischer Hitze doch etwas merkwürdig - zumal wenn sich die einheimische Kellnerin dann auch noch in der Erklärung versucht, was ein bayerischer Obazda ist und wie genau man das auszusprechen hat.

Dabei war deutsche Küche gar nicht mal die erste Idee der Zwillingsbrüder. Anfangs sei ihnen der Plan ein wenig zu verrückt vorgekommen, sagt Thomas Sühring, der wie sein Bruder in verschiedenen europäischen Sterne-Restaurants gearbeitet hat. "Aber dann wurde uns klar, dass wir uns abheben müssen." Unter deutscher Küche könnten sich im Ausland viele nur Schweinsbraten und Sauerkraut vorstellen, sagt Mathias Sühring. "Wir wollten zeigen, dass es noch was anderes gibt. Und das funktioniert."

Eierlikör zum Nachtisch

Den Sührings kommt zugute, dass Deutschland gerade hoch im Kurs steht. "Die Asiaten sind Deutschland-Fans", sagt Thomas Sühring, der fünf Minuten älter ist als sein Bruder. Inzwischen kommen aber auch Deutsche ins Sühring, wenn sie das Heimweh plagt. Für die beiden selbst, so erzählen sie, ist Bangkok längst zur Heimat geworden. Beide sind mit Thailänderinnen zusammen, Thomas Sühring heiratet demnächst.

Für ihre Küche ist einiger Aufwand erforderlich. Viele Dinge bekommen die Sührings in Thailand nicht. Weißer Spargel, Quitten, Kerbel oder Estragon werden importiert. Der Qualität wegen wird auch das meiste Fleisch aus Deutschland oder Holland eingeflogen.

Es ist gewissermaßen das Gegenmodell zur in Berlin angesagten Küche, wo unter dem Slogan "brutal lokal" regionale Produkte gerade sehr angesagt sind. In Bangkok gilt eher: brutal global. Mit der Ökobilanz hat man es hier nicht so.

Zum Abschluss gibt es bei den Sührings immer einen selbst gemachten Eierlikör - wie so vieles ein Rezept der Großmutter aus der Lausitz. Oma Christa ist sehr stolz auf die beiden Enkel. Nach Bangkok hat sie es allerdings noch nie geschafft. Auch zur demnächst anstehenden Familienfeier - Hochzeit, 40. Geburtstag der Zwillingsbrüder - wird sie wohl nicht kommen: Oma Christa hat Flugangst.

Christoph Sator, dpa

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung