Banksy-Graffiti in Bristol und London Prophet mit Spraydose

Er besprüht Fassaden auf der ganzen Welt und schmuggelte seine Bilder ins Museum: Banksy ist der bekannteste Street-Art-Künstler der Gegenwart. Seine Identität ist ein Geheimnis - in London und Bristol heften sich die Fans an seine Spuren.

Steve Przybilla

Von Steve Przybilla


Eines Morgens tauchte der nackte Mann auf, einfach so. An der Fassade einer Klinik für Geschlechtskrankheiten. Banksy, der König der Guerilla-Graffiti, hatte seine Heimatstadt mit einem neuen Werk beglückt. Halb Bristol lachte sich schlapp über das Motiv, die andere Hälfte war empört. "Kunst oder Schandfleck?", fragte selbst die linksliberale Zeitung "The Independent".

Mehr als zehn Jahre später baumelt der Nackte noch immer. Die Farbe ist verblasst, rivalisierende Sprayer haben blaue Farbbeutel geworfen. Doch eine Gruppe französischer Schülerinnen lässt sich den Spaß nicht verderben. Die Mädchen kichern, fotografieren, posten. Banksy ist en vogue, das hat auch Bristol erkannt. Vor allem der Tourismusindustrie gefällt der Hype um den anonymen Künstler.

Wer Banksys Werke sehen will, muss nur eine Adressliste abarbeiten, die das Fremdenverkehrsamt zusammengestellt hat. Oder zu Rob Dean gehen, einem Musiker, der sich sein Gehalt mit Street-Art-Touren aufbessert. "Es gibt in Bristol 150 bis 200 Künstler, die richtig gute Arbeit leisten", sagt er. "Aber die kennt keiner." Tatsächlich ist im Studentenviertel Stokes Croft fast jede Wand besprüht - mal legal, mal illegal. "Viele Hausbesitzer geben Graffiti inzwischen in Auftrag", sagt Dean, "weil sie die Welt schöner machen."

"Die Leute standen vier Stunden Schlange"

Natürlich ist auch in Stokes Croft ein Banksy-Klassiker zu sehen: ein Teddybär, der Polizisten mit einem Molotow-Cocktail bedroht. "The Mild Mild West", steht in Versalien über dem Bild. Es stammt aus dem Jahr 1999 und kann heute als Vorahnung verstanden werden: "2011 brachen hier Unruhen aus", erzählt Dean. "Die Leute demonstrierten gegen die Gentrifizierung ihres Viertels. Ein neuer Tesco-Supermarkt brachte das Fass zum Überlaufen."

Banksy, der Rebell. Banksy, der Prophet. Das ist die eine Seite des Künstlers.

Die andere ist im Bristol Museum & Art Gallery zu sehen. 2009 inszenierte der Graffiti-Meister dort die Ausstellung Banksy vs. Bristol Museum. "Die Leute standen vier Stunden Schlage", sagt Kurator Ray Barnett. "In zwei Monaten kamen 300.000 Besucher aus aller Welt."

Nur heimlich an Wände sprühen, das war einmal. Inzwischen nimmt Banksy auch Auftragsarbeiten an. "Trotzdem kultiviert er seinen Mythos", sagt Barnett. Selbst aus der Chefetage des Museums habe niemand den Künstler persönlich zu Gesicht bekommen. Außerdem durfte die Ausstellung auf seinen Wunsch keinen Eintritt kosten. "Kunst soll für alle zugänglich sein", zitiert der Kurator Banksy.

Die meisten Objekte, die Banksy damals ausstellte, sind inzwischen wieder verschwunden - auch der berühmte Koffer mit gefälschten Pfundnoten, auf denen nicht die Queen, sondern Prinzessin Diana abgebildet war. Geblieben ist eine Engelsstatue, die einen Farbeimer über den Kopf gestülpt hat. "Ein Protest gegen das Establishment", sagt Kurator Barnett. "So etwas mögen die Leute."

Dank des Banksy-Faktors habe sich die Einstellung zum Thema Street-Art in den vergangenen Jahren massiv verändert, sagt Kathryn Davis, Chefin des Fremdenverkehrsamtes. "Früher hat der Stadtrat eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Sprayern durchgesetzt. Heute bewerben wir ihre schönsten Werke in einer App."

Davon profitieren auch weniger bekannte Künstler. Als am Radisson-Blu-Hotel ein neues Graffito auftauchte, reagierte das Management anders als erwartet. "Die haben es nicht entfernen lassen, sondern den Sprayer gebeten, noch eins daneben zu setzen", sagt Tour-Guide Dean.

Banksy hinter Gittern

Für viele Street-Art-Künstler gehört es zum guten Ton, das Kapital zu verschmähen. Auch Banksy sind die Exzesse des Kunstmarktes fremd. 2013 verkaufte er Originale für 60 Dollar im New Yorker Central Park. Banksy in einer Galerie? Schwer vorstellbar. Aber in London Realität.

Acoris Andipa heißt der Mann, der behauptet, eine der größten Banksy-Sammlungen weltweit zu besitzen. Im Kellergeschoss seiner Galerie sind, hinter Stahlgittern gesichert, einige Exponate zu sehen. Die meisten befinden sich jedoch in einem Lagerhaus. "Banksy ist heute unglaublich gefragt", sagt Andipa. "Er ist eine Robin-Hood-Figur - anonym, humorvoll und zugleich sehr politisch."

Mit einem solchen Mythos lässt sich viel Geld verdienen. "Viele Sammler interessieren sich nur deshalb für Banksy", sagt Andipa. Er selbst zählt sich nicht dazu, beteuert, der Kunstmarkt solle "den Willen der Künstler respektieren". Doch wie lässt sich der fassen? "Einerseits ist Banksy ein Underground-Typ, den niemand kennt", sagt Andipa, "andererseits hat er Ausstellungen und verkauft Bilder. Er ist ein Mann der Widersprüche."

Auch Galeristen müsse es daher erlaubt sein, mit einem echten Banksy etwas zu verdienen - Street-Art hin oder her. Andipa verkauft die Werke in seinem Keller, wenn sich ein geeigneter Käufer meldet. Für 275.000 Pfund (etwa 347.000 Euro) pro Bild.

London-Rundgang zu echten Banksys

Originale gibt es in London aber auch gratis zu sehen. Im Internet listen Fanseiten Orte, an denen der Künstler aktiv war. Ob die Werke wirklich am versprochenen Ort zu sehen sind, ist eine andere Frage - Graffiti sind ein kurzlebiges Geschäft. Oft lassen Hausbesitzer die Bilder übermalen - oder Lokalpolitiker, denen subversive Botschaften nicht in den Kram passen. Das renommierte "Tate Britain"-Museum, in dem Banksy vor einigen Jahren seine Bilder heimlich aufhängte, will sich zu dem Künstler erst gar nicht äußern. "Wir kommentieren nur Werke, die wir selbst ausstellen", sagt eine Sprecherin.

Wo findet man sie also, die echten Banksys? Erster Versuch: Clipstone Street, nahe der U-Bahn-Station Regent's Park. Eine Ratte, die eine Botschaft verkündet. "Ist zwar hinter Plexiglas, aber die Farbe blättert schon ein bisschen ab", warnt die Banksy-Fanpage. Doch das Tier sieht aus wie frisch gesprüht, die rote Schrift ist lesbar: "Wenn Graffiti etwas ändern würden, wären sie illegal."

Passanten fotografieren die sprechende Ratte - oder das, was andere neben sie und auf das schützende Plexiglas gekritzelt haben. "Ich wünschte, sie würden Glas über mein Zeug packen", hat jemand mit Edding geschrieben. Und ein anderer: "Street-Art ist ein Spiel für Kinder."

Nächster Versuch: Das Nobelviertel Mayfair. Anzugträger drängen sich vor den Pubs, vorm Rolls-Royce-Autohaus führen zwei Damen ihre Pudel an der Leine. In der Bruton Lane, einer Nebenstraße hinter der Shoppingmeile, hat sich Banksy an einem leer stehenden Gebäude verewigt: ein Mensch, der im freien Fall nach unten stürzt - in die Tiefe gezogen von einem Einkaufswagen.

Doch die Superreichen kommen hier selten vorbei. Eher die Angestellten, die hier zwischen Müllcontainern in der Pause Zigaretten rauchen. Ein echter Banksy also? "Ja", sagt eine Kellnerin, die noch die Schürze umgebunden hat. "Hier kommen ständig Touristen vorbei, um Fotos zu machen." Und die Botschaft des Künstlers? Die Kellnerin lächelt. "Ist doch ein schönes Bild."

Steve Przybilla ist als freier Autor für SPIEGEL ONLINE tätig. Teile der Reise erfolgten mit Unterstützung von VisitBritain.



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
Miere 22.04.2015
1. Ist doch beachtlich.
Übrigens, ich hab hier im Ort auch zwei Graffiti, die nach seinem Stil aussehen. Jedenfalls finde ich sie ziemlich witzig. Irgendein Barbar hat trotzdem irgendwas Nichtssagendes drüber gesprüht.
Pedder 22.04.2015
2. Ganz gewöhnliche Sachbeschädigung
In meinen Augen ist nicht die Frage interessant, ob es Kunst ist, sondern, wessen Eigentum beschädigt wird. Es ist anstrengend, diesen Mist regelmässig zu entfernen, egal ob von Firmen-PKW oder Hausfassaden. Hoffentlich wird er bald mal enttarnt und muss für seine Kunstwerke bezahlen. Eine andere Option wäre, ihn seine Kunstwerke selbst entfernen zu lassen. Ich jedenfalls bin mit ertappten Sprayern gnadenlos.
uzsjgb 22.04.2015
3.
Zitat von PedderIn meinen Augen ist nicht die Frage interessant, ob es Kunst ist, sondern, wessen Eigentum beschädigt wird. Es ist anstrengend, diesen Mist regelmässig zu entfernen, egal ob von Firmen-PKW oder Hausfassaden. Hoffentlich wird er bald mal enttarnt und muss für seine Kunstwerke bezahlen. Eine andere Option wäre, ihn seine Kunstwerke selbst entfernen zu lassen. Ich jedenfalls bin mit ertappten Sprayern gnadenlos.
Es wurde mal ein Banksy-Graffiti verkauft. Das Haus, auf dem es gesprüht war, gab es umsonst dazu.
tlatz 22.04.2015
4.
Zitat von PedderIn meinen Augen ist nicht die Frage interessant, ob es Kunst ist, sondern, wessen Eigentum beschädigt wird. Es ist anstrengend, diesen Mist regelmässig zu entfernen, egal ob von Firmen-PKW oder Hausfassaden. Hoffentlich wird er bald mal enttarnt und muss für seine Kunstwerke bezahlen. Eine andere Option wäre, ihn seine Kunstwerke selbst entfernen zu lassen. Ich jedenfalls bin mit ertappten Sprayern gnadenlos.
Sollte der Mann enttarnt werden, dann werden die Leute nicht kommen und sagen "Du Sau, mach meine Wand wieder sauber", die Leute werden kommen und sagen "Bitte, mal meine Wand auch an". Und die, die ein Bild von ihm an seiner Wand haben, sind im Normalfall extrem froh. Denn tatsächlich lautet die Überlegung nicht: "Wie krieg ich das wieder weg" sondern "Juhu, ich zieh in ein größeres Haus." Wenn Sie ein Graffito von dem Mann an ihrer Wand finden, dann ist der Wert ihres Hauses gerade verdoppelt worden ohne dass sie was dafür tun mussten. Sie können das Haus verkaufen, in ein gleichwertiges Haus ziehen und sich mal ganz schnell einen sechsstelligen Betrag wegstecken oder sie verkaufen nur die Wand, lassen sie von einem Fachunternehmen aus dme Haus nehmen und durch eine neue ersetzen. und genau darum ist die Frage ob Kunst oder nicht Kunst eben doch wichtig. Ein dämlicher Sprayer, der nur seine häßlichen Tags an fremder Leute Wände schmiert, der begeht eine Sachbeschädigung. Ein anerkannter Streetart-Künstler beschädigt Eigentum nicht, er wertet es auf.
F.X.Fischer 22.04.2015
5. Widerspruch!!!
Zitat von tlatzSollte der Mann enttarnt werden, dann werden die Leute nicht kommen und sagen "Du Sau, mach meine Wand wieder sauber", die Leute werden kommen und sagen "Bitte, mal meine Wand auch an". Und die, die ein Bild von ihm an seiner Wand haben, sind im Normalfall extrem froh. Denn tatsächlich lautet die Überlegung nicht: "Wie krieg ich das wieder weg" sondern "Juhu, ich zieh in ein größeres Haus." Wenn Sie ein Graffito von dem Mann an ihrer Wand finden, dann ist der Wert ihres Hauses gerade verdoppelt worden ohne dass sie was dafür tun mussten. Sie können das Haus verkaufen, in ein gleichwertiges Haus ziehen und sich mal ganz schnell einen sechsstelligen Betrag wegstecken oder sie verkaufen nur die Wand, lassen sie von einem Fachunternehmen aus dme Haus nehmen und durch eine neue ersetzen. und genau darum ist die Frage ob Kunst oder nicht Kunst eben doch wichtig. Ein dämlicher Sprayer, der nur seine häßlichen Tags an fremder Leute Wände schmiert, der begeht eine Sachbeschädigung. Ein anerkannter Streetart-Künstler beschädigt Eigentum nicht, er wertet es auf.
... und wenn der alte Vincent van Gogh sich aus seinem Grab erheben würde um an meinem Haus ein Kunstwerk zu vollbringen, so müßte er vorher mich um Erlaubnis Fragen und wenn ich es, - aus Gründen die ihn nichts angehen, nicht will, so muß er es bleiben lassen! Aus dem einfachen Grund, weil es MEIN Haus wäre und ich darüber zu bestimmen hätte! Wenn ich ein "anerkannter Autokratz-Künstler" wäre, könnte ich auch nicht ungefragt Ihr Auto verkratzen!
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