Bergfotografie vor 100 Jahren Aber immer mit Hut

Sepiabraun war die Bergwelt um 1900 herum – oder schwarzweiß, je nach Foto: Herren in Anzug und Krawatte und Damen mit Hut kraxelten vor schroffer Felskulisse und triumphierten auf Gipfeln. Das Alpine Museum des DAVs zeigt Fotos von 1870 bis 1914.

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Seine Finger krallen sich in den dunklen Fels, der Blick ist starr nach oben gerichtet, die Füße suchen Halt auf winzigen Steinvorsprüngen: Ohne Seil und Klettergeschirr ist der Freeclimber in den Alpen unterwegs. Doch statt mit Gore-Tex und Gummischuhen ausgerüstet, ist der Kletterer in Anzug samt Schlips und weißen Kragen, in Lederschuhe und sorgsam geschnürte Gamaschen gekleidet – gekrönt von einem feschen Hut. "Lucio beim Klettern" heißt das Bild, fotografiert von Carl Schnell um 1900, und ist bis März 2007 in der Ausstellung "Berge im Kasten" im Alpinen Museum des Deutschen Alpenvereins (DAV) in München zu sehen.

Überhaupt - so ein Hut, verziert mit Gamsbart und Edelweiß-Plakette, scheint unverzichtbarer Bestandteil einer Hochgebirgstour um die vorletzte Jahrhundertwende gewesen zu sein: Festgehalten auf den sepiabraunen und schwarzweißen Abzügen, präsentieren sich die Männer selbst nach schweißtreibendem Aufstieg auf einen Gipfel bedeckten Hauptes, die Frauen in langem Wollrock und Rüschenbluse klettern nur mit einem aufwendig gestalteten Kopfschmuck. Dagegen mussten die Bergsteiger nicht nur auf Soft-Shells und Coolmax-Kletterhosen verzichten, auch das Fotografieren war noch körperliche Schwerstarbeit.

So schleppte 1870 der Fotograf Bernhard Johannes aus Partenkirchen unterstützt von Trägern seine Großbildkamera, das Dunkelkammerzelt, unzählige Glasplatten und chemische Hilfsmittel auf die Zugspitze – und erstellte in den nächsten drei Jahren die erste Fotoserie von Deutschlands höchstem Berg. Selbst aus diesen frühen Anfängen der Bergfotografie kann das Archiv des Vereins mit Fotos aufwarten und präsentiert aus seinem riesigen Bestand von rund 150.000 Fotos – von Glasplatten über Negative bis Farbdias – aus 130 Jahren Vereingeschichte erstmals eine Ausstellung in größerem Umfang.

Touristischer Boom in den Ostalpen

"1870 setzte ein touristischer Boom in den Ostalpen ein", sagt Friederike Kaiser, Leiterin des Alpinen Museums in ihrer Eröffnungsrede, "der auch eine Vielzahl von Hochgebirgsfotografen und –fotografien nach sich zog." Technische Neuerungen wie das Trockenverfahren ermöglichten es nach den Profis wie Bernhard Johannes, Vittorio Sella und Friedrich Würthle, deren großteils originale Fotoabzüge in "Berg im Kasten" zu sehen sind, auch Hobbyfotografen, ihre Gipfelsiege festzuhalten – von dem Münchner Ausstellungsteam liebevoll als "unbekannte Knipser" bezeichnet.

Die Ausstellung endet mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1914. Die Welt änderte sich, und auch der Alpenverein. Bergtouren wurden lange Jahre zur Nebensache, und das Bergsteigen wandelte sich von "einer exklusiven Beschäftigung des wohlhabenden Bürgertums zum Massensport für breite Bevölkerungsschichten", sagte Kaiser.

"Das Alpine Museum in München wurde erst 1996 wiedereröffnet", sagt Sebastian Lindmeyer, Mitarbeiter im Archiv, "nachdem es im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war und die Bestände ausgelagert wurden." Die systematische Erfassung der Fotografien machte erst ein dreijähriges, unter anderem von der EU gefördertes Projekt ab 2005 möglich.

Viele Schätze schlummern noch im Archiv, wie Farbdias der Indien-Expedition von Heinrich Harrer zur Erkundung des Nanga Parbats. Der nur schwer zu besteigende Himalaja-Gipfel war von Nationalsozialisten zum "Schicksalsberg der Deutschen" erklärt worden. Eine Vorführung der Expeditionsfilme von 1937/38, die erstmals digitalisiert und vollständig restauriert wurden, ist für den Herbst geplant, kündigt Lindmeyer an.

Alpines Museum des Deutschen Alpenvereins: "Berge im Kasten". Die Ausstellung läuft noch bis 18. März 2007. Geöffnet dienstags bis freitags 13 bis 18 Uhr, samstags und sonntags 11 bis 18 Uhr.
Praterinsel 5, 80538 München



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