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Berlin: Neue Mieter im Café Kranzler

Foto: Sebastian Gollnow/ dpa

Legendäres Berliner Café Es gibt wieder Kaffee bei Kranzler

Handgefilterte Hipster-Brühe, selbst geröstete Bohnen: Angesagte Coffeshops gibt es unzählige in Berlin. Doch nun eröffnet einer im legendären Café Kranzler am Ku'damm.

Ralf Rüller hat am Morgen einen Kaffee aus Kenia getrunken, natürlich ohne Milch, das wäre ein Frevel. Die Sorte heißt Kagumoini - 26 Euro das Pfund, marmeladige Note aus Brombeeren und Vanille. Rüller könnte über diesen Kaffee referieren wie andere Leute über Wein. Er ist Gründer der Berliner Rösterei The Barn und expandiert nun in einer der traditionsreichsten Kaffeehausimmobilien Berlins: das seit Ende 2015 leer stehende Kranzler.

Das Café gehörte früher zum alten West-Berlin wie Harald Juhnke. Es ist ein Ort der "Westalgie", der an alte Zeiten denken lässt, als könnte gleich die Schauspiellegende Hildegard Knef um die Ecke biegen. Gegründet wurde es vom preußischen Hofkonditor Johann Georg Kranzler (1795 bis 1866), doch die ersten beiden Standorte - Unter den Linden und am Ku'damm - wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Das in den Fünfzigerjahren wieder aufgebaute Kranzler hatte seine Hochzeiten, doch Kult war es schon lange nicht mehr. Am Sonntag soll das legendäre Café neu eröffnen - mit einem Konzept, das sich nicht gerade an die "Draußen nur Kännchen"-Kundschaft richtet, auch wenn Rüller damit kokettiert.

Künftig werden in dem denkmalgeschützten Rundbau am Kurfürstendamm "Single Origin Kaffees" an Handfilterstationen verkauft. Milch bekommt man dazu nicht. Wer Cappuccino will, wird an die Espressomaschine dirigiert. Die wurde extra in Seattle gefertigt. Und die Tassen werden gerade in Kopenhagen handgetöpfert.

Der Hipster-Faktor

Kaffee und Kuchen sollen je bis zu vier Euro kosten. Unter der rot-weißen Markise auf der Terrasse und der Rotunde hat man bestes Ku'damm-Panorama - man guckt auf die gelben Busse, Leuchtreklamen, Baustellen. Im Kranzler darf es künftig trubelig zugehen. Auch die von Rüller sonst etwas beargwöhnten Laptop-Kunden sind willkommen. "Ich erwarte die Angestellten aus den Bürohäusern, Touristen, Leute, die beim Shoppen pausieren, und Kreative, die mit ihren Laptops kommen, weil sie nicht allein daheim arbeiten wollen", sagte Rüller laut dem Blog "Im Westen Berlins".

Rüller, 49, war mal in Verruf, sich seine Klientel allzu genau selbst auszusuchen. Er hatte vor einigen Jahren Ärger wegen eines Pollers am Eingang seiner ersten Kaffeehausfiliale. Der galt als Signal, Kinderwagen sollten bitte draußen bleiben. Das Ganze ausgerechnet im Prenzlauer Berg, wo viele Familien leben. Die Aufregung war groß. Sogar das australische Radio rief nachts bei Rüller an. Er steht nach wie vor zur Idee eines ruhigen Cafés. "Die Leute haben gesagt, 'Ich will genau das haben'."

Das alte West-Berlin war bis vor fünf bis zehn Jahren noch verschlafen. Die Touristen waren nach dem Mauerfall lieber im Osten unterwegs, die Hipster in Neukölln oder Kreuzberg. Dann zog die C/O-Fotogalerie an den Bahnhof Zoo. Das Luxuskaufhaus KaDeWe wird gerade umgebaut, nach den Plänen des Stararchitekten Rem Koolhaas.

Im Bikini-Haus an der Gedächtniskirche öffnete 2014 ein Einkaufszentrum für Mode und Design. Das sei der Durchbruch für den alten Westen gewesen, sagt Christian Tänzler vom Tourismusverband Visit Berlin. Mittlerweile hätten dort Dutzende neue Hotels aufgemacht - vor einigen Jahren unter anderem das Waldorf Astoria.

Ob diese Entwicklungen ausreichen, um das richtige Publikum ins Kranzler zu locken, wird sich zeigen. In Berliner Medien wird der Einzug von Rüllers neuer Barn-Filiale jedenfalls zum Teil als "Kulturschock" bezeichnet. Schlecht fürs Geschäft muss das nicht zwingend sein.

jus/dpa
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