Berlin Der lässig-ironische Schick von Prenzlauer Berg

Vor rund 100 Jahren war der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg der Inbegriff für menschenunwürdige Lebensverhältnisse. In den achtziger Jahren entwickelte sich das Viertel zum Zentrum der Künstler und Unangepassten. Die sind nach der Wende von zugezogenen Szene-Wessis und erlebnishungrigen Touristen verdrängt worden.


Treffpunkt Prenzlauer Berg: Vom alten Arbeiterviertel hat heute die junge Szene Besitz ergriffen
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Treffpunkt Prenzlauer Berg: Vom alten Arbeiterviertel hat heute die junge Szene Besitz ergriffen

Berlin - Mit der Eleganz von Paris oder Rom kann es Berlin nicht aufnehmen. Das scheitert schon an der Topographie: Es gibt keine Berge, die Ausblicke gestatten und die Fläche strukturieren. Auch der Prenzlauer Berg ist kein solcher, sondern allenfalls die Karikatur einer Hochebene. Wer mit dem Fahrrad vom Hackeschen Markt zur Kastanienallee fährt, muss auf 200 Metern ein bisschen in die Pedale treten, und damit hat es sich. Doch trotz dieses Namensschwindels gehört der Stadtteil im Nordosten seit der Wende zu den Höhepunkten einer jeden Berlin-Rundfahrt.

Immer wieder quälen sich schwere Reisebusse durch die schmalen Straßen zwischen Schönhauser und Prenzlauer Allee und machen Halt am Kollwitzplatz. An den Häusern kann das Interesse kaum liegen: wilhelminische Massenware, eher bescheiden schon zur Erbauungszeit, in der DDR oft ihres bisschen Stucks beraubt. Immerhin vermittelt der Stadtteil den in Berlin seltenen Eindruck urbaner Geschlossenheit. Da Bomben im Zweiten Weltkrieg den westlichen Prenzlauer Berg aussparten, ist die Altbausubstanz fast komplett erhalten.

Doch was die Besucher anlockt, ist das Leben, das sich in diesen Mauern abspielt, der "Mythos Prenzlberg". Eine junge Szene, bestimmt von Zugezogenen aus Westdeutschland, hat von dem alten Arbeiterviertel Besitz ergriffen. Passanten mit Mitte 30 gehören schon zu den Gesichtsältesten. Es dominiert jener lässig-ironische Schick, der Berlin den Ruf als Trendsetter eingetragen hat und die Mühe, die dafür vor dem Spiegel aufzuwenden ist, geflissentlich verleugnet.

Zentrum der Bewegung ist die Kastanienallee, wo sich Lokale und Lounges, schräge Kleiderläden und Friseursalons aneinander reihen. Einen Rest von Insider-Status versucht sich das "103" an der Ecke zur Zionskirchstraße zu bewahren, indem es weder Namen noch Gattung nach außen zu erkennen gibt. Die Gattung wäre auch schwer zu bestimmen. Wie viele neue Lokale vereint das "103" in sich Restaurant, Lounge und Bar. Gefunden wird es trotz seines Inkognitos - massenhaft.

Symbol des Widerstands: In der Gethsemanekirche hielten Oppositionelle 1989 Mahnwachen ab
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Symbol des Widerstands: In der Gethsemanekirche hielten Oppositionelle 1989 Mahnwachen ab

Ähnlich groß wie in der Kastanienallee ist die Vergnügungsdichte in der Stargarder Straße hinter der Gethsemanekirche und im so genannten LSD-Viertel rund um den Helmholtzplatz. LSD steht allerdings heute nicht mehr für Drogenmissbrauch, sondern nur noch für die Anfangsbuchstaben von Lychener-, Schliemann- und Dunckerstraße. Erst nachts erwacht das Leben in den Tanzsälen der Kulturbrauerei, wo Lärmentfaltung keinen Protest aus der Nachbarschaft fürchten muss.

Eine Spur etablierter geht es am Kollwitzplatz zu. Die eher hohen Wohnkosten dort kann sich nur leisten, wer gelernt hat, die Ernte der eigenen Kreativität einzufahren. Die elsässische Küche im Restaurant "Guglhof" ließ sich schon Bill Clinton bei einem Berlinbesuch schmecken. Wenige Häuser weiter wohnt als einer der letzten Ureinwohner des Viertels der Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Seine Koalitionskollegen Joschka Fischer und Jürgen Trittin lassen sich von Zeit zu Zeit auf dem Wochenmarkt am Kollwitzplatz blicken.

Diese Karriere war dem Stadtteil nicht an der Wiege gesungen. Um 1875 stand dort außer einer Mühle und einer Ziegelei kaum ein Haus. In wenigen Jahren wurde dann Wohnraum für jene Massen geschaffen, die der brummenden Reichshauptstadt aus der Provinz zustrebten. Fein war die Gegend nicht: Prenzlauer Berg wurde zum Inbegriff für menschenunwürdige Lebensverhältnisse, für den Wildwuchs der Mietskasernen. In den zwanziger Jahren lebten dort 30.000 Einwohner pro Quadratkilometer - Weltrekord. Heute freuen sich die Bewohner über feudale Platzverhältnisse, die anderswo unbezahlbar wären.

Profit durch die Ostalgie-Welle: Rund um das Kino "International" in Friedrichshain gibt es heute Cafés, Lounges und Clubs im Retro-Stil
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Profit durch die Ostalgie-Welle: Rund um das Kino "International" in Friedrichshain gibt es heute Cafés, Lounges und Clubs im Retro-Stil

Die DDR hätte das Symbol eines entfesselten Kapitalismus am liebsten abgerissen, ließ es aus Geldmangel ersatzweise verfallen und investierte in die Plattenbau-Siedlungen am Stadtrand. Prenzlauer Berg wurde zum Zentrum der Künstler und Unangepassten. In der Wohnung Bärbel Bohleys in der Fehrbelliner Straße 91 gründete sich 1989 das Neue Forum. Ein anderer Hort des Widerstands war die Gethsemanekirche, wo Oppositionelle Mahnwachen abhielten.

Dass diese Szene nach der Wende verdrängt wurde, ist Ursache von Missvergnügen auf ostdeutscher Seite. Die westdeutschen Pioniere der Nach-Wende-Zeit stoßen sich ihrerseits daran, dass die Zeit der illegalen Clubs und Bars vorbei und ihr Kiez zum kommerziellen Aushängeschild des hippen Berlin geworden ist. Viele wanderten deshalb in Richtung Süden nach Friedrichshain ab, wo sie allerdings inzwischen das gleiche Schicksal einzuholen droht.

Auch die dortige Simon-Dach-Straße bietet jene Mischung aus Lokalen und Cocktailbars, Low-Budget-Galerien und Kleiderläden im indischen Goa-Stil, die abenteuerlustige Touristen anzieht. Etwas rauer als in Prenzlauer Berg geht es aber schon noch zu. Der Sanierungsgrad der Häuser bleibt hinter dem Kollwitzplatz-Standard zurück, beim Verschmutzungsgrad der Bürgersteige verhält es sich umgekehrt. Durch die Straße gellt bisweilen die Stimme eines Punks, der seinem Hund preußische Disziplin beizubringen versucht.

Während die Simon-Dach-Straße den Status eines Geheimtipps längst hinter sich gelassen hat, rüstet sich ein benachbarter Boulevard gerade erst für sein nächstes Leben: die Karl-Marx-Allee. Von der Baustelle der damaligen Stalinallee ging im Juni 1953 der DDR-weite Volksaufstand aus. Danach wurde die Straße mit ihren mächtigen neoklassizistischen Blocks zur Wohnstätte für Auserwählte und zur Sackgasse der DDR-Architektur. Während die Wohnungen begehrt blieben, griff in den Ladenlokalen Leerstand um sich.

Inzwischen schickt sich die 2,3 Kilometer lange Allee an, zur längsten Theke Berlins zu werden. Der Leerstand ist von 40 auf zehn Prozent gesunken. Fast alle Gewerberäume wurden an Gastronomen vermietet. Vor allem rund um die Kinos "Kosmos" und "International", 1962 und 1964 eröffnet, scharen sich Cafés, Lounges und Clubs im Retro-Stil. Es wäre ja auch gelacht, wenn die einstige Vorzeigestraße der DDR nicht irgendwann von der Ostalgie-Welle profitieren könnte.

Von Tobias Wiethoff, gms



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