Berliner Mauer Jäger der verlorenen Grenze

Vor 43 Jahren begann in Berlin der Mauerbau, heute suchen viele Touristen vergeblich nach Überresten der Sperranlage. Am ehemaligen Checkpoint Charlie verkommt die Erinnerung an die geteilte Stadt zu einem kommerziellen Spektakel. Ein Spaziergang entlang einer unsichtbaren Grenze.

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 Grenzgänger: Touristen an der Mauer in der Bernauer Straße
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Grenzgänger: Touristen an der Mauer in der Bernauer Straße

Berlin - Im Mauerpark zwischen Prenzlauer Berg und Wedding ist im Boden ein kleines Viereck zu sehen. Eine Touristin beugt sich herunter, betrachtet die Unebenheit im Boden an der Bernauer Straße und meint: "Schade, dass die Pfosten hier nicht mehr stehen. Das wäre so plastisch."

An dieser Stelle im Berliner Grenzgebiet stand vor 15 Jahren kein Pfosten, sondern eine Laterne, die den Todesstreifen zwischen Ost- und West-Berliner ausleuchtete. Aber das kann man heute nicht mehr erkennen. Die Mauer und die Laterne wurden längst demontiert, übrig blieb ein kleines Loch im Boden, das heute Touristen Rätsel aufgibt.

Zu Hunderten ziehen täglich Berlin-Besucher durch die Stadt - auf der Suche nach einer verlorenen Zeit. Aber die Berliner Mauer, vor 15 Jahren noch mit bloßem Auge aus dem Weltraum erkennbar, ist aus dem Stadtbild fast völlig verschwunden. Nur noch in der Bernauer Straße steht ein 212 Meter langes Stück Grenzregime der DDR. Man hat es Mitte der Neunziger gegen den Widerstand einiger Anwohner renoviert, um Touristen in Berlin wenigstens noch ein kleines Kapitel aus dem Kalten Krieg vorführen zu können.

Ost oder West?

Trotzdem ist die Orientierung im ehemaligen Grenzgebiet schwierig. Eine junge Frau aus Washington dreht und wendet umständlich den Stadtplan von Berlin: "Was war mit dem Haus hier? War das vor oder hinter der Mauer?", fragt sie eine Stadtführerin, die interessierte Besucher wöchentlich an einer weitgehend unsichtbaren Trennlinie durch das neue Berlin führt.

Auf Spurensuche: Touristin entdeckt Mauerspuren im Mauerpark
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Auf Spurensuche: Touristin entdeckt Mauerspuren im Mauerpark

Die einst mit Mauer und Stacheldraht befestigte Sektorengrenze hat sich die Stadt längst zurückgeholt und unkenntlich gemacht. Fahrradfahrer radeln auf den ehemaligen Patrouillenstraßen der Grenzsoldaten. Hunde spielen im inzwischen mit Gras und Sträuchern zugewachsenen Mauerstreifen. Wenn überhaupt erkennt man die frühere Grenze nur noch am Nachtlicht der Laternen: im Osten gelb-orange, im Westen weiß. Aber auch das wissen nur Alt-Berliner.

Nur zwei Kilometer Überreste der ehemals 155 Kilometer langen Sperranlage aus Beton, die West-Berlin von Ost-Berlin und der DDR abriegelte, stehen heute noch. Seit 1994 sind nach und nach fast alle Überbleibsel der Mauer unter Denkmalschutz gestellt worden. Die größten zusammenhängenden Stücke sind die 212 noch erhaltenen Meter in der Bernauer Straße und die 1,3 Kilometer an der East-Side-Gallery, zwischen Kreuzberg und Friedrichshain.

Erinnerung an Blut und Tränen

Wie mit einer Wünschelrute sucht eine Besuchergruppe nach übrig gebliebenen Malen des Todesstreifens und entdeckt ein Haus, von dem "Tunnel 29" ausging, der 29 DDR-Flüchtige in den Westen geschleust hat. In vielen Grenzhäusern finden sich heute noch Überreste solcher Fluchtanlagen, zu besichtigen sind sie aber nicht, weil die Tunnel meist von privaten Kellern ausgingen und oft zugeschüttet oder eingebrochen sind.

 Übersicht: Wo die Mauer war
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Übersicht: Wo die Mauer war

Treffen die Touristen dann auf die Mauer in der Bernauer Straße, wundern sie sich oft darüber, "wie hoch die war". Mit ihrer Höhe von mindestens 3,50 Metern konnte man erst im zweiten Stock über den "Schutzwall" hinweg blicken. Diese Aussicht vermisst unter den Anwohnern niemand. "Für Touristen mag das ganz nett sein. Ich will mit der Mauer nichts mehr zu tun haben", sagt Peter Müller. Seit Jahrzehnten wohnt er in der Schwartzkopffstraße in Mitte.

Vor den Toren des Invalidenfriedhofs hat sich Peter Müller mit seinen Nachbarn getroffen, nur 20 Meter entfernt von der Stelle, wo die Mauer noch vor 15 Jahren den Friedhof zerschnitt. Müller gehört zu der Generation von Berlinern, die mit der Mauer leben musste - und sie nie für ein Museum halten kann. Die Bilder, nach denen die Touristen suchen, hat er im Kopf. Aber er will sie lieber für sich behalten, denn an manchen Erinnerungen kleben Tränen und Blut.

Einer von mindestens 152 Mauertoten

Auch Günter Malchow, ein freundlicher älterer Herr, kann sich an die manchmal blutigen Szenen vor seiner Haustür noch gut erinnern. 45 Jahre lang hat er im Lazaruskrankenhaus auf der Westseite der Bernauer Straße gearbeitet und auf dem Gelände des Hospitals gewohnt. Als Krankenpfleger hat Malchow Verletzungen verarztet, die sich Menschen beim Sprung aus dem "Ostfenster" auf den "West-Bürgersteig" geholt haben. Das war direkt nach dem 13. August. "Wir hatten damals alle Türen unserer Notfallstelle geöffnet", erinnert sich Malchow.

Doch manchmal konnte er nichts mehr tun. Als er und seine Kollegen am 4. September 1962 Schüsse hörten, eilten sie zur Mauer: "Wir dachten, wir könnten vielleicht noch jemanden retten", sagt Malchow, "aber dann haben wir nur eine Mütze gefunden. Der tote Körper des Mauerflüchtlings Ernst Mundt war auf die Ostseite zurückgefallen - Grenzsoldaten der DDR hatten ihn erschossen. Mundt war einer von mindestens 152 Menschen, die bei einem Fluchtversuch an der Mauer ums Leben gekommen sind.

Heute arbeitet Malchow ehrenamtlich in der Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Dort verwaltet man die Erinnerungen an die Zeit, in der Berlin eine geteilte Stadt war - eine Vorstellung, die den meisten Touristen heute absurd erscheint, manchen aber auch fasziniert.

Kommerz mit der Mauer am Checkpoint Charlie

In Massen strömen die Berlin-Besucher zum Checkpoint Charlie, den für Diplomaten vorbehaltenen ehemaligen Grenzübergang in der Friedrichsstraße. Dort wird ihnen ein Theater vorgeführt, was es seit 15 Jahren nicht mehr gibt: Schauspielstudenten winken die angereisten Touristengruppen in amerikanischer oder russischer Uniform mit ernster Mine über die ehemalige Grenze. Für einen Euro gibt es ein Erinnerungsfoto mit Grenzsoldat. Ein Junge im Neon-T-Shirt posiert stolz mit Vopo-Mütze vor dem Schild: "Achtung: Hier verlassen Sie den sowjetischen Sektor". Nebenan werden im Museum am Checkpoint Charlie besonders ausgefallene Fluchtfahrzeuge ausgestellt und in Souvenirshops Mauerbrocken verhökert - ein geschichtsvergessener Jahrmarkt von fliegenden Händlern, mehr nicht.

Ein Stück Mauer fehlt allerdings auf dem Rummelplatz des Kalten Krieges. Alexandra Hildebrandt, Witwe des Checkpoint-Charlie-Museumsgründers Rainer Hildebrandt, plant nun, am ehemaligen Grenzübergang den Betonwall wieder aufzubauen.

Markierung: An vielen Stellen ist dieser Kopfsteinstreifen alles, was noch an die Mauer erinnert
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Markierung: An vielen Stellen ist dieser Kopfsteinstreifen alles, was noch an die Mauer erinnert

"Ich will in einer vorübergehenden Aktion bis zu 70 Meter Mauer von Künstlern aus Nord- und Südkorea, aus Israel und Palästina bemalen lassen", erklärt sie. Auf eine Genehmigung der privaten Eigentümer wartet die Ukrainerin bisher aber vergeblich. Die Mauersegmente sind auf einem Grundstück Ecke Friedrichstraße/Zimmerstraße gelagert - und mit Stacheldraht gegen Touristen geschützt. "Die würden mir die Mauer sonst kaputt klopfen", befürchtet Hildebrandt. Die Brocken sind als Souvenir noch immer heiß begehrt, größere Segmente mit Gemälden von Mauermalern wie Thierry Noir kosten inzwischen ein Vermögen.

Zwei Kilometer weiter, am Potsdamer Platz, parkt ein Reisebus auf dem Mauerstreifen. Der Verlauf des "antifaschistischen Schutzwalls, wie die DDR das Monstrum nannte, ist hier mit einem zweireihigen Pflastersteinstreifen markiert. Eine Gruppe italienischer Touristen sucht nach Orientierungshilfen im ehemaligen Niemandsland. Ein Japaner stößt dazu und bietet seine Hilfe an: "Dort drüben ist der Westen." Er zeigt in die falsche Richtung.



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