Rigas dunkle Seiten Museen des Schreckens

Erst kamen die deutschen Besatzer, dann die Rote Armee: Die Geschichte der diesjährigen Kulturhauptstadt Riga ist reich an düsteren Kapiteln, Zehntausende Juden wurden hier ermordet. Mehrere Museen erinnern an die Gräueltaten.

TMN

Riga - Maris Gailis steht auf der Terrasse eines kleinen Hauses mit Glasfassade, das er hat bauen lassen. Viele Gebäude in Riga sind mit dem Namen des ehemaligen lettischen Ministerpräsidenten verbunden. Mitte der neunziger Jahre schied er aus der Politik aus und verdiente sein Geld als Bauunternehmer. Das Haus auf der kleinen Düna-Insel Kipsala bedeutet ihm viel: Es ist ein Museum, das an Zanis Lipke erinnert. Im Zweiten Weltkrieg rettete er Dutzenden Juden das Leben.

Als Gailis von Lipke erfuhr, dachte er: Das ist ein Mann, der es verdient, nicht vergessen zu werden. Rund eine halbe Million Euro brachte er zusammen. Im vergangenen Juli konnte die Zanis-Lipke-Gedenkstätte eröffnet werden - in Anwesenheit von Schimon Peres, dem israelischen Staatspräsidenten. "Den Letten ist immer wieder vorgeworfen worden, an den Judenerschießungen beteiligt gewesen zu sein", sagt Gailis. "Aber es gab auch viele, die Juden während der deutschen Besatzung geholfen haben." Mindestens 300 solcher Beispiele sind inzwischen dokumentiert.

Lipke besaß ein Holzhaus auf dem Nachbargrundstück. In einer Grube, drei mal drei Meter groß, verbarg er über die Zeit mehr als 50 Juden. Das Museum zeigt Texte und Fotos von ihm und seiner Familie, Film- und Audioaufnahmen. An einer Stelle ist Musik zu hören - im Rhythmus des Herzschlags von Lipke bei seiner letzten kardiologischen Untersuchung.

Maris Gailis' Engagement für die Gedenkstätte ist Menachem Barkan vertraut: Der Rabbiner engagiert sich seit Jahren im Ghetto-Museum. Auf dem Gelände steht ein grünes Holzhaus mit Erkerfenstern: "Ein typisches Haus, wie es damals im Ghetto stand", sagt Barkan. "Wir haben es originalgetreu rekonstruiert."

Einst Soldatenmuseum, heute Mahnmal

Im ersten Stock liegen die Dielen blank, ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett. Es sieht harmloser aus, als es war: "Jeder Bewohner hatte vier Quadratmeter Platz in so einem Haus", sagt Barkan. Die Wände sind mit Zeitungen verschiedener Jahrgänge tapeziert: 1925, 1928, 1940 - die Zeit, bevor die meisten lettischen Juden im Holocaust umgebracht wurden. In einem Zimmer stehen Modelle von Synagogen. 210 gab es in Lettland vor dem Zweiten Weltkrieg. Die meisten wurden von den deutschen Besatzern zerstört.

Fotos zeigen Häuser aus dem Ghetto, das 500 Meter weiter begann, jüdische Schulklassen und lettische Rabbiner. Barkan bleibt vor einem Bild stehen. "Das war mein Onkel", sagt er. Shaya Barkan, geboren 1914, Rabbiner in Gostini, wurde nur 27 Jahre alt. Im selben Zimmer hängen Puppen mit dem Gesicht nach unten von der Decke. Sie stehen für das Spielzeug der Kinder im Ghetto.

Das Ghetto-Museum gibt es seit 2010, es ist eines der jüngsten in Riga. Älter ist das Okkupationsmuseum unweit des Rathauses. Auf dem Platz davor steht ein Denkmal aus sowjetischer Zeit, den Roten Lettischen Schützen gewidmet, die im Ersten Weltkrieg gegen die deutsche Reichswehr kämpften. "Das Museum wurde 1970 gebaut und sollte an ihre Geschichte erinnern", erzählt Valters Nollendorfs. Der ehemalige Germanistikprofessor gehört zum Vorstand des Vereins, der das Museum trägt. "Ursprünglich war es kupferrot."

So wie die Fassade nachgedunkelt ist, hat sich auch die Ausstellung verändert. Sie preist nicht mehr die Kämpfer an der Seite der Bolschewiki, sondern erinnert an die schlimmsten Zeiten Lettlands: an den Terror durch die sowjetischen Besatzer zum Beginn des Zweiten Weltkriegs, die deutsche Besatzung ab 1941 und die erneute Okkupation durch die Rote Armee danach.

Zeichnungen, Instrumente, Koffer

Besucher betreten zunächst eine Baracke mit Holzpritschen. Tausende Letten, vor allem Wissenschaftler, Künstler, Politiker und Lehrer, wurden 1941 nach Russland deportiert. Im Gulag lebten sie unter grausamen Bedingungen, der Kälte im Winter so schutzlos ausgeliefert wie dem stalinistischen Terror. Viele andere wurden gleich erschossen. "Die Baracke ist für uns eine Metapher der Unterdrückung", sagt Nollendorfs.

Das Museum zeigt auch, wie die Sowjetunion Lettland 1940 besetzte. Inhaftierungen, politische Morde und eine erste Massendeportation waren die Folge. Die deutsche Wehrmacht besetzte das Land im Jahr darauf. Bald gab es erste Massenerschießungen, bei denen allein bis Ende 1941 rund 70.000 Juden ermordet wurden. Der Holocaust begann lange vor den Gaskammern, unter anderem in den Wäldern bei Riga.

Ein Foto zeigt die zerstörte Stadt am Ende des Krieges. Als die Rote Armee Lettland 1944 erreichte, war das Ende der deutschen Besatzung der Beginn einer weiteren. Mit ihr begann die Verfolgung jener, die die Sowjets als Feinde erachteten: "Bei der großen Deportation 1949 wurden fast 45.000 Letten nach Russland verschleppt."

Viele Ausstellungsstücke berühren auf seltsame Weise. Die Zeichnungen eines elfjährigen Mädchens, das deportiert wurde. Die Violine eines Gefangenen aus Workuta. Die Zahnprothese, von einem Häftling notdürftig konstruiert. Koffer von Überlebenden. Nollendorfs ist das Museum längst zu eng: Die Ausstellung soll überarbeitet und erweitert werden.

Barrikaden gegen die Sowjetarmee, Lagerfeuer auf den Straßen

Auch das Barrikadenmuseum in Rigas Innenstadt erinnert an einen Teil der lettischen Geschichte, der vielen Letten noch schmerzhaft bewusst ist: jene Tage im Januar 1991, als sich der Konflikt zwischen lettischer Unabhängigkeitsbewegung und sowjetischen Truppen zuspitzte.

Im ersten Stock betreten Besucher eine Wohnung aus der Vorwendezeit: Auf engstem Raum lebten zwei, drei Familien, man wusch sich an einem Waschbecken in der Küche. Poster zeigen die Forderungen der Demonstranten damals: "Schluss mit dem roten Faschismus", heißt es da - und "Der Kampf geht weiter". Das Museum will erklären, was 1991 passiert ist. Am 13. Januar forderten bei einer Kundgebung in Riga 700.000 Menschen Lettlands Unabhängigkeit und bauten Barrikaden gegen die Sowjetarmee. Auf den Straßen brannten Lagerfeuer. Ein Foto im Museum zeigt den ersten Demonstranten, der damals getötet wurde. Die Barrikaden blieben bis Ende Januar, im August wurde Lettland unabhängig.

In diesem Jahr ist Riga Kulturhauptstadt Europas. Viele Veranstaltungen erinnern an die Geschichte des Landes, an Kapitel, die viele Letten noch immer schmerzen. Wer Zeit für die Museen einplant, versteht gleich besser, warum.

Andreas Heimann/dpa/emt



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lupenreinerdemokrat 14.02.2014
1.
Zitat von sysopTMNErst kamen die deutschen Besatzer, dann die Rote Armee: Die Geschichte der diesjährigen Kulturhauptstadt Riga ist reich an düsteren Kapiteln, Zehntausende Juden wurden hier ermordet. Mehrere Museen erinnern an die Gräueltaten. http://www.spiegel.de/reise/staedte/besondere-museen-in-riga-ausstellungen-zur-geschichte-lettlands-a-953193.html
Das düstere Kapitel Lettlands begann bereits am 17. Juni 1940 mit der Besetzung durch die Sowjetarmee. Etwa 35.000 Letten wurden 1940 bis 1941 nach Sibirien deportiert. Die Reste der deutschen Minderheit, die jahrhundertelang die Bildungsschicht des Landes gestellt hatte, wurden umgesiedelt. Dann kamen die deutschen Besatzer und anschließend wieder die Besatzer der Sowjetarmee.
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