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09. Juli 2013, 06:37 Uhr

Flohmarkt-Fotos

Schatzsucher vom Mauerpark

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Sowjetmütze, Discokugel, eine Kuh mit roten Pumps: Der Berliner Mauerpark ist ein Paradies für Flohmarktfans, Träumer und Reisende aus aller Welt. Ein Fotograf lichtete sie mit ihren tollsten Einkäufen ab - und vermittelt so auch etwas von der Magie dieses Orts.

Ein Engel ist sein schönstes Souvenir vom Mauerpark-Flohmarkt. Ein weißer Engel aus Porzellan. Der Fotograf Thomas Henk Henkel bekam ihn von Norbert aus dem Berliner Wedding. Einem Schatzsucher, wie sie zuhauf auf dem Trödel herumlaufen. Henkel hat sie abgelichtet. Mehr als 50 Mauerpark-Besucher, die hier Kinderschaukeln, Kofferfernseher, Schallplatten und Jägermützen kauften.

In einem kleinformatigen Bildband erzählen seine Fotos die Geschichten der Flohmarktfans - und ihrer Errungenschaften. Zum Beispiel die Geschichte von einem bunt gestreiften Kleiderbügel, der jahrelang in einem Schrank in Weißensee hing und nun der Japanerin Mio gehört.

Oder die der 400-Watt-Gleislampe, die von der VEB Feinwerktechnik Markkleeberg in Leipzig gefertigt wurde. John, 47, aus New York, hat das aus DDR-Zeiten stammende Teil für seine Bar in Berlin-Mitte gekauft.

Luise ist erst 48 Stunden in Berlin, als Henkel sie auf dem Mauerpark-Flohmarkt ablichtet. Die 24-jährige Belgierin, die ein halbes Jahr in Deutschland bleiben will, hält ein Schwarzweißfoto mit Knick hoch. Das Motiv, eine Frau mit weißem Kleid, auf einem alten Sofa sitzend, wird bald ihr WG-Zimmer schmücken.

"Das komplette Berliner Welttheater"

Auf die Idee, diese Leute zu fotografieren, kam Henkel im Herbst 2011. Damals hatte er mit seinem Sohn zusammen einen kleinen Stand auf dem Mauerpark-Flohmarkt. "Wir versuchten, sein Kinderspielzeug zu verkaufen", sagt Henkel, der sofort fasziniert von den Leuten war, die an ihm vorbeizogen: "das komplette Berliner Welttheater". Er wollte am liebsten jeden zweiten Besucher festhalten, Fotos machen und nicht das Lego seines Sohnes anpreisen.

Die Idee ging ihm nicht mehr aus dem Sinn. Also baute er sich ein Zelt mit schwarzen Wänden - ein mobiles Atelier, das er in den folgenden zwölf Monaten auf dem Mauerpark aufstellte. Immer sonntags, wenn Hunderte Menschen zum Flohmarkt kamen, bat er sie, sich auf den kleinen Holzschemel zu setzen und ihre Einkäufe in die Kamera zu halten.

"Mein Wanderfotografenzelt schaffte eine besondere Atmosphäre", sagt Henkel. "Die Menschen sind für einen Moment losgelöst aus dem hektischen Treiben der Großstadt. Es gibt nur noch den Fotografen und den Flohmarktbesucher." In dieser Zweisamkeit präsentierten die Leute ihre wundersamen Dinge - und zeigten, wie sehr sie ihnen in kürzester Zeit bereits ans Herz gewachsen sind.

Doch die Porträts zeigen mehr als nur Menschen und ihre Einkäufe. Sie zeigen eine Stadt, in der die Welt zu Hause ist. Sie zeigen, wie man mit dem Gestrigen das Morgen gestaltet. Warum man nichts Neues braucht, um etwas Neues zu schaffen. Warum viele Menschen in Deutschlands Hauptstadt glücklich sind, auch wenn nicht immer alles glücklich läuft.

Das alles erzählt Henkel auf dem Hintergrund eines dunklen, scheckigen Lakens. Das Stück Stoff und eine kleine Blitzanlage, diese minimale Ausrüstung, machen aus seinem Atelier den perfekten Ort für die Fotoserie. Eine bescheidene Bühne, auf der Berlins Bürger einen großen Auftritt haben.

Die Magie des Mauerparks

"Der Mauerpark Flohmarkt ist ein ganz besonderer Ort", sagt Henkel, "allein schon durch seine Lage direkt am ehemaligen Todesstreifen zwischen Wedding und Prenzlauer Berg." Was dem 48-jährigen Berliner - und wohl auch vielen Touristen - besonders gefällt: Man findet hier gelebte deutsche Geschichte, Produkte aus einer Zeit, als Dinge noch für die Ewigkeit gemacht wurden.

Es sei die Mischung der Besucher, die den Ort und die Stimmung prägen: Ost-, West- und Neuberliner, Reisende aus aller Welt, Kreative und Träumer, Lebens- und Überlebenskünstler. "Vielleicht findet man ein Glück, das man gar nicht gesucht hat."

So wie Norbert, der Mann mit dem Rauschebart und dem rotem Fleecepulli. Der Rentner kommt jedes Wochenende zum Trödel, seit 2004, als alles mit ein paar Tapeziertischen begann. "Ihn habe ich als Erstes fotografiert", sagt Henkel. Dann führten sie ein langes Gespräch. "Über sein verkorkstes Leben, die Magie des Mauerparks und die Tricks der Verkäufer."

Manchmal kauft sich Norbert Sachen für seine Wohnung, manchmal verkauft er sie mit einem kleinen Gewinn weiter. "Er sitzt immer bei einem Kumpel mit am Stand", sagt Henkel, "passt gelegentlich darauf auf und bekommt dann einen Kaffee spendiert." Wenn ihn japanische Touristen fotografieren wollen, nimmt er dafür einen Euro.

Dann kann er sich wieder eine Überraschungseifigur leisten, die er sammelt. In seiner Ein-Zimmer-Wohnung stehen davon Hunderte als Deko herum. An dem Tag, als Henkel ihn auf dem Flohmarkt kennenlernte, präsentiert Norbert ihm eine kleine Porzellankuh mit roten Pumps. Es ist Norberts Lieblingsfund. "Dieser Mann hat mir Mut gemacht", sagt Henkel, "und mich bestärkt, das Projekt durchzuziehen."

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