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Bollywood-Kino in Mumbai: Schnulz mit Masala-Chips

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Bollywood-Kino in Mumbai Herzschmerz in der Endlosschleife

Drei Stunden träumen für 20 Cent: Seit mehr als 16 Jahren läuft der Bollywood-Klassiker "Wer zuerst kommt, kriegt die Braut" im Maratha-Mandir-Kino in Mumbai. Die Fans der Liebesschmonzette fiebern jeder Pointe entgegen - auf dem Sitz hält es hier niemanden.

"Dilwale Dulhania Le Jayenge" - der Originaltitel des Films auf Hindi ist für deutsche Zungen eine Herausforderung. Aber das spielt beim Kartenkauf an der Kasse keine Rolle. Es gibt im Maratha-Mandir-Kino in Mumbai sowieso nur eine Vorstellung um 11.15 Uhr, jeden Vormittag. "Wer zuerst kommt, kriegt die Braut", heißt der Bollywood-Klassiker auf Deutsch. Wer zuerst kommt, kriegt den besten Platz, direkt unter einem der großen Ventilatoren, heißt es im Maratha Mandir an einem sonnigen Freitag, Außentemperatur 41 Grad.

Seit Oktober 1995, im 17. Jahr, läuft "DDLJ", wie die indischen Fans ihren Lieblingsfilm kurz nennen, in diesem Kino. Das Gebäude, ein großer Betonklotz mit pinkfarbenem Schriftzug, ist eine Institution im ehemaligen Bombay, Wiege der milliardenschweren Herzschmerz-Industrie namens Bollywood. Wer die Begeisterung der Inder für die bunten Kitschfilme voller Freud und Leid und wilder Tanzszenen verstehen will, sollte bei einer "DDLJ"-Vorstellung im Maratha-Mandir-Kino damit anfangen.

Noch bevor gegen 10.30 Uhr die schwere Eisenkette am Außentor des Kinos entfernt wird, tummeln sich hier die ersten Fans. Manche waren über eine Stunde mit einem der stets überfüllten Busse unterwegs. Viele wissen gar nicht mehr, wie oft sie ihren Lieblingsfilm schon gesehen haben. Aber alle sind sie gekommen, um wieder einmal mit Shah Rukh Khan und Kajol, den beiden Hauptdarstellern und dem wohl berühmtesten indischen Filmpaar aller Zeiten, zu lachen und zu weinen und zu träumen. Und für drei Stunden ihren Alltag zu vergessen.

Masala-Chips und Kalakand-Kuchen

15 Rupien, umgerechnet rund 20 Cent, kostet das günstigste Ticket im Parkett - es herrscht freie Platzwahl. Für Sabeer, 18 Jahre alt, von Beruf "Bettler", wie er selbst sagt, ist das trotzdem eine Menge Geld. Zur Feier des Tages hat er heute ein frisches Hemd angezogen, stolz posiert er für ein Foto mit seinem Ticket.

Um sein rechtes Handgelenk trägt der schmale Sabeer wie viele Hindus ein rot-gelbes Band. Ein Priester aus einem der zahlreichen Tempel in Mumbai hat es ihm umgebunden, ein Zeichen des Segens und ein Glücksbringer. "Ich liebe Kajol", erklärt Sabeer und grinst, als er auf das Plakat mit der Hauptdarstellerin deutet, "ich bin ein großer Fan von all ihren Filmen."

Kritische Zungen behaupten, die Bollywood-Stars selbst würden heimlich dafür bezahlen, dass ihre Filme in Endlosschleife laufen. Doch aller Unkenrufe, der langen Spieldauer und der frühen Stunde zum Trotz ist die "DDLJ"-Vorstellung im Maratha-Mandir-Kino meist gut besucht.

Fast 200 Zuschauer verteilen sich an diesem Freitag auf die etwa tausend Plätzen in dem großen Saal, der mit seinem dicken Vorhang vor der Leinwand und den verschnörkelten Verzierungen eher an ein heruntergekommenes Theater als an ein Kino erinnert. Im Foyer versorgt sich das Publikum mit Proviant: Chips mit Masala-Geschmack, Schokoriegel, indischer Knabberkram, der auf der Zunge brennt. Am Wochenende und an Feiertagen - oder wenn der Film wieder einmal ein Jubiläum feiert - sind die Vorstellungen hier immer wieder ausverkauft.

Die Klappsitze aus rotem Leder sind abgewetzt und quietschen, an der Decke brummen rund 20 Ventilatoren auf höchster Geschwindigkeitsstufe. Die Atmosphäre ist locker, sie erinnert eher an ein großes Fantreffen. Die Zuschauergespräche und das Geraschel der Chipstüten verstummen erst, als die indische Nationalhymne ertönt. In ohrenbetäubender Lautstärke. Jetzt stehen alle im Saal, singend, Hand auf dem Herzen.

Tanz im englischen Regen

Dann wackelt das erste Bild über die Leinwand. Knisternd, mit schwarzen Staubflecken und nicht immer ganz scharf flackert der Film seinem Höhepunkt entgegen. Zwischendurch ist er so ausgeleiert, dass die Tonspur ein paar Sekunden hinterherhinkt - dann fordert das Publikum lautstark eine Korrektur.

Der Plot ist auch ohne Hindi-Kenntnisse leicht zu verstehen: Raj, gespielt von Bollywoods internationalem Gesicht, Shah Rukh Khan, ist ein indischer College-Student, der in England lebt. Der Sohn aus reichem Hause hat gerade seinen Abschluss vermasselt, darf aber trotzdem mit seinen Freunden zu einer Zugtour durch Europa aufbrechen. Für Simran, eine fleißige Studentin indischer Auswanderer, ist die Reise eine Art Abschiedsgeschenk. Sie soll bald nach Indien zurückkehren, um den ihr unbekannten Kuljeet, den Sohn eines Jugendfreundes ihres Vaters zu heiraten.

Das Schicksal - was sonst! - lässt die beiden Helden schon bei der Abreise am Hauptbahnhof aufeinandertreffen. Spätestens als sie in Zürich beide ihren Zug verpasst haben, nimmt die Liebesschmonzette ihren tragisch-komischen Lauf. Wilde Tanzszenen im englischen Regen, vor Postkartenkulissen in den Schweizer Bergen und auf indischen Rapsfeldern inklusive. Nur Europäer finden es unrealistisch, dass man sich im bunten Sari glücklich im tiefen Schnee wälzt. Inder finden das einfach nur romantisch!

Niemand muss still sitzen

Danish Ali, 22, hat seinen Stammplatz, ganz hinten rechts im Saal, eingenommen. Zum elften Mal sieht er heute den Film, der schon in den Neunzigern ein Kassenschlager war und mit insgesamt zehn "Filmfare Awards" - dem Bollywood-Oskar - noch immer der am häufigsten ausgezeichnete indische Film aller Zeiten ist. Der junge Mann im lilafarbenen T-Shirt und Jeans mag vor allem die Witze des tolpatschig-frechen jungen Shah Rukh Khans - "und die tolle Musik". Die hüpfende Titelmelodie ist ein Ohrwurm, der sich durch den ganzen Film zieht.

Danish Ali ist heute mit ein paar Freunden gekommen, in der Pause gönnen sie sich ein Stück Kalakand: ein beliebter gelblicher Kuchen aus Milch und Zucker mit Pistazienkernen.

Dass die Jungs wahre Fans sind, erkennt man schnell. Sie lachen schon, bevor der nächste Witz überhaupt seine Pointe erreicht hat. Und zwischendurch, nach ihren Lieblingsszenen, klatschen sie Beifall und sind damit kein Einzelfall. Manche Besucher können ganze Szenen mitsprechen und stellen das auch stolz unter Beweis. Einige stehen dann vor Begeisterung fast auf ihren Sitzen, während die Clique die Einlage mit einem Schulterklopfen belohnt. Weil alle den Film kennen und lieben, muss hier niemand still sitzen.

Wer im Sommer als Tourist im aufgeheizten Mumbai unterwegs ist, und ein wenig Erholung von dem wilden, lauten Gewusel der Metropole sucht, der kann hier mit ein paar neuen indischen Freunden in eine klimatisierte Welt der Träume eintauchen. Happy End und scharfes Masala-Popcorn inklusive.

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