Bostons feinstes Viertel Hinterhofidylle der Reichen

Wer möchte nicht einmal in die Hinterhöfe der Oberen Zehntausend spähen? Beacon Hill, Bostons feinstes Viertel, öffnet einmal im Jahr seine Pforten. Die Besucher interessiert jedoch weniger die bunte Vielfalt der Rabatten.


In Beacon Hill, Bostons feinstem Viertel, ist zweimal im Jahr etwas los. An Halloween sitzt Teresa Heinz, steinreiche Ketchup-Erbin und Frau des Senators John Kerry, im Treppenaufgang ihres Stadthauses und verteilt Süßigkeiten an Kinder aus der ganzen Stadt. Und am dritten Donnerstag im Mai ziehen Tausende Frauen, fast alle von weißer Hautfarbe und deutlich über 50 Jahre alt, schnatternd durch die schmalen Straßen. Denn an diesem Tag öffnen einige Anwohner die Türen und lassen Vertreter des gemeinen Volks in ihre privaten Gärten, die den Rest des Jahres hinter Mauern und Hecken verborgen sind.

Die Schlange auf dem gepflasterten Louisburg Square ist 200 Meter lang. Die Leute wollen in den Garten von Haus Nr. 20, einem Schmuckstück mit runden Erkern. "Das ist alles so exklusiv", sagt Beverlee aus Framingham, die ihr bestes Kostüm trägt. "Als Normalsterblicher kommt man da sonst nie rein." Das Ticket (Stückpreis: 25 Dollar) für die "Tour zu den versteckten Gärten von Beacon Hill" hat Beverlee sich rechtzeitig besorgt. Denn obwohl das Ereignis nicht groß angekündigt wird, sind die auf 3000 Stück begrenzten Karten so gut wie jedes Jahr ausverkauft. Die überwältigende Zahl der Tickets wird von Frauen fortgeschrittenen Alters erworben. In diesem Jahr dürfen sie insgesamt elf Gärten betreten, verstreut in ganz Beacon Hill.

Schleichender Verfall während der Weltwirtschaftskrise

Wie auf einer Schnitzeljagd laufen die Gartenfreundinnen mit Wegkarten durchs Beacon Hill, einen der malerischsten Orte der USA überhaupt. Wegen der Nähe zum Hafen und zum State House, von wo aus Massachusetts seit 1798 regiert wird, war das Viertel schon immer begehrt. Die Reihenhäuser sind vor 200 Jahren aus Ziegelsteinen gebaut worden, die aus den Lehmkuhlen des benachbarten Cambridge stammen. Dank der sauberen Atlantikluft Bostons leuchten die Steine wie am ersten Tag in einem warmen Rotbraun.

Ein typisches Stadthaus besteht aus fünf Stockwerken. Auf den unteren drei Etagen wohnten früher die Herrschaften; die zumeist aus Irland stammende Dienerschaft hauste unterm Dach. Wie es in den Häusern einst zuging, kann man im Nichols House erahnen, einem Museum, das noch so eingerichtet ist wie vor einem halben Jahrhundert.

Allerdings gab es auf dem Hügel auch schwere Zeiten zu meistern, berichtet Isabelle Storey, 74, die vor drei Jahrzehnten in die Mount Vernon Street gezogen ist. Anfang des vorigen Jahrhunderts, während der Weltwirtschaftskrise, "drohte das Viertel zu verkommen", erzählt die Dame. In den Hinterhöfen sah es aus wie in einem Slum. Die Wäsche flatterte neben dem Plumpsklo an der Leine. Die feuchten Orte waren nur über enge Wege oder Tunnels zu erreichen.

1928 hielten die Damen des Viertels die Zeit gekommen, dem schleichenden Verfall entgegenzuwirken – und gründeten den "Beacon Hill Garden Club". Spatenstich um Spatenstich verwandelten die Hausherrinnen die schmutzigen Höfe in Oasen voller Lilien, Ehrenpreis und japanischem Ahorn. Überdies suchten die tüchtigen Damen nach einer Geldquelle für ihren Club – und beschlossen, ihre Gärten gegen Geld zu zeigen.

Der Clou der Tour: Sie führt nur durch Gärten, die von der Straße aus nicht einzusehen sind. Der Erlös der ersten Veranstaltung 1929 betrug 1050 Dollar. Die Einnahmen, die seither zusammengekommen sind, stiftet der Verein für gute Zwecke: für die Begrünung von Flächen in ganz Boston.

Schatzmeister verschwand mit der Kasse

Gegenwärtig sind 60 Frauen in dem Club. Männer sind zwar erlaubt, allerdings haben die Damen mit dem bisher einzigen Kerl in ihren Reihen schlechte Erfahrungen gemacht. "Der war Schatzmeister und ist mit der Kasse durchgebrannt", berichtet Isabelle Storey.

In Vereinsschürze und roten Hut schildert die geborene Schweizerin, wie man in ihren Club aufgenommen werden kann: Wer ein Haus auf Beacon Hill besitzt, es seit mindestens zwei Jahren bewohnt und über einen begrünten Innenhof verfügt, der darf darauf hoffen, dass er von einem Mitglied zur Aufnahme vorgeschlagen wird.

Dass die Gartenarbeit mit den eigenen Händen vollbracht wird, versteht sich von selbst. Viele amerikanische Hausbesitzer engagieren Hilfskräfte mit Benzinmähern und Laubbläsern – diese "Mow-and-Blow"-Trupps sind auf dem Hill verpönt.

Und erst wenn das Aufnahmekomitee den Garten der Kandidatin nach sorgfältiger Prüfung abgenommen hat, kann die Mitgliedschaft ausgesprochen werden, zunächst befristet auf zwei Jahre. Zu den neuen Pflichten gehört es dann, alle drei, vier Jahre fremde Horden ins eigene Reich zu lassen.

Etliche Besucherinnen haben sich jetzt am Dienstboteneingang von Chestnut Street Nr. 64 eingefunden. Während Hausherr Coolidge – ein Nachfahre von Calvin Coolidge, dem 30sten Präsidenten der Vereinigten Staaten – die Tickets kontrolliert, zeigt Gattin Nancy den ehrfürchtigen Besuchern den Garten.

"Ein wunderbarer Tag mit sehr disziplinierten Leuten", sagt Nancy Coolidge "Das geht hier nicht zu wie bei einem Fußballspiel." In ihrem Hof plätschert Wasser in ein Steinbecken, in den Beeten weiße Azaleen, Stechpalmen, Buchsbäume und ziemlich viel Efeu – gewiss: ein hübscher Ort. In punkto Farbenpracht, Vielfalt und Akkuratesse würde er in einer Berliner Kleingartenkolonie allerdings nicht weiter auffallen.

Den meisten Besuchern ist das allerdings egal. Sie wollen in Wahrheit gar nicht an Blüten schnuppern – sondern am Dasein der Reichen. "Wir möchten sehen, wie die anderen leben", gesteht Diane Klaiber, die mit ihren Schwimmfreundinnen aus der Stadt Sandwich auf Cape Cod gekommen ist.

Delfter Kacheln in der Küche

Dem Verlangen der Mittelschichtdamen wird mit gebotener Dezenz Rechnung getragen. In der West Chedar Street Nr. 30 haben die Bewohner, ein gefeiertes Publizistenpaar, die Tür vom Salon zur Terrasse aufstehen lassen – auf dass sich die Leute an Tafelsilber und Kristallglas satt sehen. "So können die sich ausmalen, wie eine Dinnerparty auf Beacon Hill aussieht", sagt die schriftstellernde Hausherrin.

In der Schlange vor Louisburg Square Nr. 20 wird unterdes die Vorfreude immer größer – die Leute wissen, dass sie durchs Souterrain laufen dürfen, um in den Hof zu gelangen. Aber nur auf ausgerollten Plastikbahnen, damit sie das Kiefernparkett nicht zerkratzen.

Im Haus bleiben den Gaffern nur wenige Sekunden: Im Zimmer weiße Ledersofas und ein Vitrinenschrank voller Porzellan; in der Küche Delfter Kacheln. Die Obstbäume und Vögel sind von Hand an die Wände gemalt, nimmt Diane Klaiber mit Genugtuung zur Kenntnis: "Deshalb sind wir hier!" Inzwischen ist es kurz vor fünf am Abend, ein anstrengender Tag für die Bewohner von Beacon Hill neigt sich dem Ende zu. Ein versprengtes Ehepaar aus Heidelberg, das gar keine Tickets hat, wird noch schnell durchgeschleust, dann aber ist es auch gut. "Sie wissen ja, wie Sie nach draußen kommen", sagt eine Freundin des Hauses und zeigt zur Gartenpforte.



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