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Paris: Die Sorgen der Bouquinisten

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Buchhändler am Pariser Seine-Ufer "Wir sind nur noch folkloristisches Dekor"

Sie gehören zu Paris wie der Eiffelturm: die Bouquinisten an der Seine. Rund 250 Exzentriker betreiben am Flussufer den wohl größten Open-Air-Büchermarkt der Welt. Fragt sich, wie lange noch.
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"Es ist eine Katastrophe", schimpft der weißhaarige Mann. "Wirtschaftskrise, Terror, Streiks bei Air France - und dann auch noch bei der Müllabfuhr." Jean-Pierre Mathias steht in der Herbstsonne vor seinem Bücherstand neben dem Pont des Arts und fährt sich durch die zerzauste Mähne. Er beklagt den dramatischen Rückgang im Tourismus, den auch er am Seine-Ufer zu spüren kriegt.

In der ersten Hälfte des Jahres sind laut dem französischen Tourismusverband fast zehn Prozent weniger Besucher nach Paris gekommen als im Vorjahr - insgesamt rund eine Million Menschen. "Für uns waren die letzten 18 Monate ein wahrer Albtraum", sagt Mathias. Seit einem Vierteljahrhundert ist er Buchhändler an der Seine, so schlecht wie in diesem Jahr sei der Umsatz noch nie gewesen.

Der 59-Jährige, weiße Windjacke und blaues Hemd, zeigt auf seine aufgeklappten Holzkästen mit Büchern, Drucken, Katalogen, Karten. Studiert hat er einst Philosophie, nun ist er einer der Pariser Bouquinisten, die am Flussufer alte Bücher feilbieten.

Die bibliophilen Händler gehören zu Frankreichs Hauptstadt wie Notre-Dame und Eiffelturm - und das seit mehr als 400 Jahren. Sommers wie winters, bei fast jedem Wetter, liegt ihr Sortiment auf den Mauerwehren zwischen Pont Marie und Louvre, entlang des Quai de Tournelle und Quai Voltaire. Im Angebot: Belletristik und Biografien, Romane, Krimis, aber auch historische Stiche, Karten, alte Kochbücher, Kataloge, Reklameillustrationen.

Geschätzte 300.000 Bücher sind ausgebreitet auf insgesamt drei Kilometern des Nord- und Südufers, ausgemusterter Ramsch wie antiquarische Kostbarkeiten. "Es ist die weltweit größte Buchhandlung unter freiem Himmel", sagt Monsieur Mathias. Seit 1991 zählt die Institution der Bouquinisten sogar zum Unesco-Weltkulturerbe.

Wie der Buchhandel an die Seine kam

Die Tradition geht auf das 16. Jahrhundert zurück, als der ambulante Verkauf von Büchern auf dem Pont Neuf begann, nur um bald verboten zu werden. "Die königlichen Zensoren fürchteten bald den blühenden Vertrieb von nicht zensierten Blättern, von politischen wie religiösen Pamphleten", sagt Monsieur Mathias.

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Auch während der französischen Revolution ging das Gewerbe nicht unter. Zwar wurde damals außer politischen Broschüren, Flugblättern oder patriotische Liedtexten wenig Literarisches gedruckt, aber das Geschäft der Bouquinisten florierte, weil den fliegenden Händlern durch Plünderungen und die Beschlagnahmung von Bibliotheken der Aristokratie viele Raritäten in die Hände fielen.

Erst unter Napoleon I. erhielten die Bouquinisten den Status der Gewerbetreibenden - forthin durften sie ihre Ware an den neu gebauten Brustwehren entlang der Seine auslegen. Ausgenommen blieben freilich, so ein Erlass von 1829, "Bücher, Stiche oder Kunstobjekte mit Gefahr für die guten Sitten".

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30 Jahre später wurde der Berufsstand endgültig reguliert. Die Stadt Paris erteilte Konzessionen und legte fest, wo und wie die Händler ihre Stände aufschlagen durften: Zehn Meter Brüstung pro Person, Öffnungszeit von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Es folgte die Boom-Zeit der französischen Klassik, und mit ihr wuchs nicht nur die Zahl der Verlage und Buchhandlungen: Um 1900 waren fast 2000 Bouquinisten registriert.

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Mehr Umsatz mit Kühlschrankmagneten als mit Büchern

Heute gibt es nur noch rund 250 lizensierte Händler, aber die Zukunft der Zunft ist in Gefahr. "Wer kauft denn heute noch Bücher", klagt Serge, der sich auf den Verkauf von Comics und Werbeillustrationen spezialisiert hat. "Internet und Smartphone machen die Nachfrage kaputt, und für das Rathaus sind wir bestenfalls folkloristisches Dekor."

Tatsächlich machen viele Bouquinisten heute mehr Umsatz mit Kühlschrankmagneten, Eiffeltürmchen und Postkarten als mit alten Büchern. Der wirtschaftliche Druck, verschärft durch den Tourismuseinbruch, sorgt für Neid und Aggressivität. Hinter dem Klischee vom Bouquiniste - einem bibliophilen Lebenskünstler fern von Profitdenken - verbergen sich oft Menschen am Rand des Prekariats.

"Die Solidarität hat gelitten", sagt Madame Marie, 64, die seit 40 Jahren gegenüber von Notre-Dame ihren Stand hat. "In unserem Beruf sind wir durchweg Individualisten, schrullige Außenseiter oder Misanthropen."

Eine Ausbildung für den Beruf gibt es nicht: Madame Marie fand zu dem Metier, weil Vater und Ehemann schon an der Seine Bücher verkauften. Serge war Programmierer, bevor er sich für "das freie Leben" entschied. Frei, aber nicht ohne Reglement, denn wer von der Stadt einen Stand mieten will, muss mittlerweile einen umfangreichen Antrag ausfüllen, polizeiliches Führungszeugnis inklusive.

"Ein cooler Job"

Dennoch gibt es Nachwuchs - wie Sandra aus Kolumbien, die seit März einen Stand in der Nähe des Rathauses hat. "Ein cooler Job, flexibel genug für ein Studium neben der Arbeit", sagt die 26-Jährige, die sich auf lateinamerikanische Literatur spezialisiert hat, aber vor allem kitschige Stadtansichten verkauft. "Hier bin ich mein eigener Boss."

Das gefällt auch Monsieur Mathias an seinem Beruf, genauso wie der Umgang mit Kunden aus aller Welt." Die 24-jährige Studentin Guilia will sich an diesem Nachmittag ein paar französische Klassiker zulegen. Zielsicher greift Mathias in die Tiefen seiner Holzkästen und legt der Brasilianerin ein paar Werke vor. Zola, Balzac, Flaubert. Zu jedem Titel gibt es eine Minivorlesung in Literaturgeschichte.

Guilia packt am Ende sechs Romane ein, das Exemplar zu drei Euro. "So macht Bücher kaufen Spaß", sagt sie und lacht. Auch Monsieur Mathias, der die Romane in einen Stoffbeutel packt, ist zufrieden. "Das sind die Momente, die zählen", sagt er. "Kontakt zu Menschen über Bücher - voilà, deswegen bin und bleibe ich Bouquiniste."