Paragrafendschungel Londoner Bürgermeister fordert mehr Straßenmusik

London ohne Straßenmusiker? Eine traurige Vorstellung. Doch auch der letzte Stadtteil hat strenge Regeln gegen die Künstler erlassen. Bürgermeister Boris Johnson befürchtet einen Verlust des Spontitums.

Getty Images

London - Verstärker, Blasinstrumente und Schlagzeuge sind verboten, und um neun Uhr abends muss Ruhe herrschen. Als letzter Londoner Bezirk hat im Winter auch der alternative Stadtteil Camden Town strenge Regeln für Straßenmusiker erlassen.

Seither müssen die Künstler auch in der bei Touristen so beliebten Gegend bezahlen, damit sie überhaupt auftreten dürfen. Die meisten Anwohner freuen sich über die eingekehrte Ruhe, doch einige befürchten, der Stadtteil habe mit der neuen Regelung einen Teil seiner Identität preisgegeben.

Nun hat sich auch der konservative Londoner Bürgermeister auf die Seite der Straßenmusiker geschlagen. "Ich fürchte, einige Teile der Hauptstadt könnten zu verbotenen Zonen für Straßenkünstler werden", sagte Boris Johnson, als er den diesjährigen Wettbewerb für Straßenmusiker eröffnete. Der Gewinner bekommt die begehrte Erlaubnis, in der Londoner U-Bahn spielen zu dürfen.

"Statt unsere Musiker mit unnötiger Bürokratie zu gängeln, sollten wir die Spontaneität schätzen, die sie in die Stadtzentren und Einkaufsstraßen bringen", forderte der Bürgermeister.

"Die beste Stadt, wenn man Musik machen will"

In jedem Londoner Bezirk gelten andere Regeln für Künstler, die auf Plätzen und Straßen auftreten wollen. Pantomimen und Zauberer, die nicht viel Lärm machen, kämen viel leichter an eine Lizenz, beklagen Straßenmusiker.

Eine der wichtigsten Bühnen für Straßenkünstler in London ist die Gegend um die Markthallen im Bezirk Covent Garden. Und tatsächlich, die Musiker sind hier in der Minderheit. Einer schrammelt sich mit seiner Gitarre durch Bob Marleys "Everything's Gonna Be Alright", während eine blonde Frau im roten Kleid schon darauf wartet, ihn abzulösen.

Genau 30 Minuten Zeit wird jedem Künstler auf diesem begehrten Platz bewilligt. Spontan ist keiner dieser Auftritte. Genauso wie die 280 zugelassenen Musiker der Londoner U-Bahn müssen auch die Straßenkünstler vor den Markthallen sich mit einem Vorspiel um die Lizenz bewerben.

"Straßenkünstler kommen immer noch gerne nach London. Aber es ist ziemlich schwer für sie, mit den sehr unterschiedlichen Regelungen zurechtzukommen", sagt Munira Mirza, in der Stadtverwaltung zuständig für Kultur. "Wir haben 32 Bezirke, und jeder hat ein unterschiedliches System. Wir versuchen nun, das für Straßenkünstler zu vereinfachen."

"Die Regelungen in London sind verwirrend", sagt Fabio Cascio. Vor fünf Jahren kam er mit seinem Elektrobass im Gepäck aus Turin in die britische Hauptstadt. Gerade spielt er mit seinem Trio Madame Madness auf dem Trafalgar Square.

Trotz aller Hürden tritt er gern in London auf: "London ist die beste Stadt, wenn man Musik machen will, denn hier kann man davon leben."

abl/AFP



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
felisconcolor 07.05.2014
1. schade das mit
Strassenmusik so restriktiv Umgegangen wird. Ja klar gibt wieder Schreihälse die sich gestört fühlen, wie immer. Hannover hatte mal eine tolle Strassenmusikkultur, es machte Spass durch die Strassen zu laufen und immer wieder etwas neues zu hören. Davon übrig geblieben... Pseudoinkamusik (die nervt wirklich) und ein einsamer Alleinunterhalter. Traurig traurig
dotter101 07.05.2014
2. Wäre es schön
die selben Anforderungen hier in Frankfurt zu haben, Zeil ist inzwischen eine einzige kakophonie mit wirklich sehr wenig klasse. Das ist die einzige Sache die Ich von meiner Zeit in London vermisse, da war immer gute Musik in der U-Bahn während man auf den zug zur Arbeit wartet.
louishareezan 07.05.2014
3. Retorten-Städte
Egal in welcher europäischen Großstadt man sich befindet, Dank der Nobel-Boutique-Ketten gleichen sich die Städte mittlerweile fast überall. Die Straßenmusikkultur vermochte in den 90' jahren noch, ein bißchen Abwechslung und Farbe rein zu bringen. Einzige Ausnahme ist da vielleicht Paris, wo Musiker und Künstler durch Wettbewerbe eine Lizenz bekommen können. Gleichzeitig wird dort darauf geachtet, daß eine gewisse Vielfalt geboten wird, damit es eben nicht nur Zieharmonika, Panflöte oder Sologitarre gibt. Ich würde mir wünschen, daß andere Städte diesem Beispiel folgten - klanglich bunt wie Europa sein sollte!!
fatherted98 07.05.2014
4. Den meisten....
....Straßenmusikern muss man einfach was geben...damit sie endlich aufhören zu spielen....90% des Gedudels ist einfach nicht zu ertragen. Arme Londoner falls sich da was ändert...
woodeye 07.05.2014
5. Hoffentlich nicht wie in Hamburg,
Unter den Arkaden, wo Gaeste in den offenen Restaurants direkt am Fleet 'ganze Breitseiten' dreister und aggressiver Strassenmusiker ueber sich ergehen lassen muessen, und zwischendurch zur Kasse gebeten werden. Und wie spendenfreudig die Leute sind, zwar gequaelt, aber immerhin: die rumaenischen und ungarischen Kuenstler sowie "kritische" Zeitgenossen koennten ja sonst denken ..... .
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.