Londons kultige Imbisse Kate, die Cabbies und ihre grüne Hütte

Londons historische Cabmen's Shelters sind kleine Berühmtheiten. Die schönste der winzigen Kantinen für Taxifahrer steht am Russel Square. Auch Touristen sind bei Kate Simmonds willkommen, Uber-Fahrer nicht.

Dörte Nohrden

Von Dörte Nohrden


"Hello, my love, was hättest du gern?" Eine zierliche Frau mit roten Locken strahlt ihre Kunden an. Sie ist gerade groß genug, um durch die Luke der kleinen, grasgrünen Holzhütte am Russel Square im Londoner Stadtteil Bloomsbury zu schauen. "One cuppa, please!" Eine Tasse Tee gibt es hier für ein britisches Pfund, umgerechnet 1,15 Euro. "Sure, sweety, nur eine Minute, willst du dich solange setzen?"

Auf der Holzbank vor dem Büdchen ist noch Platz. Gegenüber sitzt Reade, wie er sich vorstellt. Der 48-Jährige ist ein Taxifahrer, ein Cabman, und bringt seit 22 Jahren Londoner wie Touristen von Heathrow ins East End, von Camden nach Brixton. Auch ohne GPS, sagt er, gelernt sei gelernt.

Die Little Green Hut wird vom Cabmen's Shelter Fund betrieben und ist für Reade das, was für Büromenschen die Kantine ist: Er trifft Kollegen, tauscht sich aus, kann außerdem problemlos sein schwarzes Taxi parken, genießt ein Schinkensandwich und vor allem: "eine gute Tasse Tee".

Die mit Blumen geschmückte Schutzhütte am Russel Square, gleich neben dem British Museum, ist die wohl schönste aller Cabmen's Shelters Londons, aber nicht die einzige. Im Zentrum verteilen sich heute noch 13 der ehemals 61 Buden, die zwischen 1875 und 1914 in der Stadt errichtet wurden, um Taxifahrern einen Unterschlupf zu bieten. Glücksspiele, Alkohol und Fluchen waren strikt verboten.

Weil ein "Taxi", die Hanson cabs, zu jener Zeit noch aus Pferd und Kutsche bestand, führt heute noch eine Eisenstange um die Hütte herum. Hier wurden die Pferde angebunden, während die Fahrer, geschützt vor dem Londoner Wetter, etwas Warmes essen oder Zeitung lesen konnten. Heute kann jeder an der Luke warme und kalte Sandwiches, Baguettes und vegane Falafel-Wraps kaufen, nur der Innenraum ist den Cabmen vorbehalten.

"Cabbies only", Uber-Fahrer nicht willkommen

Katie Simmonds, genannt Kate, bringt einen dampfenden Becher an den Tisch, dazu ein Stück süßen Bread Pudding, eine Süßspeise aus altbackenem Brot, die gar nicht bestellt war. Dafür bezahlt werden möchte sie nicht: "Oh nein, lass gut sein, sweety", sagt sie und flitzt zurück, die nächsten Kunden warten. Reade lacht. "Kate ist eine unglaublich herzliche Gastgeberin, aber eben nicht wirklich eine typische Geschäftsfrau", sagt er. Ihr Vater soll ihr den Spitznamen Ginger Jesus verpasst haben.

Reade fühlt sich mehr und mehr bedroht durch Unternehmen wie Uber, die ihre Kunden meist günstiger mit privaten Fahrern ans Ziel bringen: "Das Leben wird ja überall härter", sagt er dazu, seinen Job mag er trotzdem. "Als Taxifahrer lebt man schon in einer recht isolierten Welt, aber trifft dafür eine Menge interessanter Menschen."

Dann muss Reade zurück auf die verstopften Londoner Straßen, einen Tipp hat er noch: "Im Bell and Horns Cabby Shelter, nahe dem Victoria and Albert Museum, gibt es den besten Fisch." Auch dort stoppe er gern für eine Pause.

Immer wieder fliegt die Tür links von der Verkaufsluke der Little Green Hut auf, Männer kommen und gehen. Die eigentliche Party findet drinnen statt. Hier gilt wie in allen Shelters: "Cabbies only", Uber-Fahrer dürfen hier nicht einkehren. Eine schmale Sitzbank zieht sich in U-Form um ebenso schmale Tische. Es riecht nach Bacon und Würstchen, die im Ofen brutzeln - und nach Kaffee.

Ian verdrückt gerade eine große Mittagsportion, Mick reißt derbe Witze. Die Fahrer lachen, diskutieren über den Brexit und lästern über Uber. Unter der Decke flimmert ein kleiner Fernseher, der Ton geht im Stimmengewirr unter.

Neben historischen Schwarz-Weiß-Fotos von Taxikutschen hängt ein kleines Holzschild an der Wand: "Man Cave", Männerhöhle. Für Kate, Mutter zweier erwachsener Töchter, kein Problem: Die 51-Jährige wirbelt durch die enge Küche, reagiert schlagfertig auf zweideutige Sprüche - und gibt den Herren notfalls auch mal eines mit dem Pfannenwender auf die Finger.

Kate Winslet war schon da und Jamie Oliver auch

Kate hat die "Little Green Hut" vor fünfeinhalb Jahren übernommen, über sieben Jahre stand sie dafür auf einer Warteliste. "Um ein Shelter betreiben zu dürfen, muss man einen besonderen Bezug zum Taxi-Business vorweisen können", sagt Kate, "den habe ich, mein Vater fährt seit 55 Jahren Taxi." Er war es auch, der sie überhaupt auf die Idee für diesen Job brachte, nachdem sie einen anderen verlor.

Zusammen mit einer Mitarbeiterin schmeißt sie an sieben Tagen in der Woche den Laden. Gute Qualität ist ihr wichtig und dass am Ende des Tages nichts übrig bleibt: "Unser Fleisch für die Sandwiches bekommen wir vom Smithfield Meat Market geliefert." Übrig gebliebenes Brot nimmt sie mit nach Hause und backt zweimal in der Woche typisch britischen Bread Pudding daraus.

Kate engagiert sich auch bei Wohltätigkeitsverbänden, sie zeigt auf einen Zettel am Kühlschrank. "Schau, wir konnten mit 90 Taxifahrern an einem Tag ganze 3185 Pfund sammeln." Die Summe geht an die London Taxi Driver's Charity for Children, die benachteiligte Kinder unterstützt. "Man glaubt immer, im hektischen, anonymen London würde niemand mehr helfen, aber so ist es nicht", sagt sie, während sie Brot schneidet, Kaffee zubereitet, Kunden bedient und gleichzeitig mit den Fahrern scherzt.

Es ist Tea Time. Studenten, Bauarbeiter, Büromenschen und Touristen stehen Schlange. Manchmal stünden auch Promis vor der Tür, sagt Kate. "Hier in Bloomsbury werden häufig Filme gedreht." Brad Pitt war in der Gegend, jüngst kam Gary Oldman vorbei - und keine zwei Wochen ist es her, als Kate Winslet am Tresen stand und auch im Shelter Platz nahm. Sehr sympathisch sei sie gewesen, sagt Kate und zeigt ein Selfie mit ihrer Namensvetterin, ein weiteres mit Jamie Oliver.

Einmal im Jahr öffnet Kate Simmonds ihre Tür für Obdachlose. Im Dezember, wenn ihre "Little Green Hut" leuchtet wie ein Weihnachtsbaum, veranstaltet Kate ein Essen für sie. "Ginger Jesus" scheint mit ihrer kleinen Hütte ihre Berufung gefunden zu haben.

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insgesamt 4 Beiträge
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ctreber 04.06.2019
1. Ginger = Rohaarig
FYI
Grummelchen321 05.06.2019
2. Das Essen ist
meist günstig und gut.Gibt nicht nur die Morgenklassiker wie Würstchen baked beans und die Tomate.
Gerdd 05.06.2019
3. bzw. Ginger = Rothaarig ...
Soviel Zeit muss sein. Auf koelsch auch als "fussig" bekannt (nach der bevorzugten Fellfarbe der Fuechse.) Das vielleicht bekannteste Beispiel waere das Spice Girl Geri Halliwell, als "Ginger Spice" bekannt - ebenfalls ihrer Haarfarbe wegen. Sie ist heute auch als Geri Horner bekannt, da sie mit dem Formel-1-Teamchef von Red Bull, Christian Horner, verheiratet ist.
thelinguist 05.06.2019
4. Touristen, ja
Touristen sind willkommen, ja. Aber versuchen Sie 'mal folgendes, auch wenn Sie Tourist sind: Sagen Sie: "I come from ... and live and work here." Dann sehen Sie ganz schnell, wie die Taxifahrer Londons 'drauf sind, und wo man sie politisch einzuordnen hat. Vor allem, wenn Si statt "Germany" da "Poalnd" oder "Bulgaria" sagen. Dann erleben Sie ihr blaues Wunder. Versprochen!
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