Foto: Hannah Schultheiß

Chefchaouen in Marokko Die Blaumacher

Indigo und Kobalt, Aquamarin und Azur: Mit seinen blauen Mauern lockt das marokkanische Chefchaouen Touristen an - und es werden immer mehr. Die Geschichte eines unbeabsichtigten, aber genialen Marketingtricks.
Von Fabian Müller

"Here, take pictures. For Instagram", sagt der Stadtführer in Richtung der hinter ihm herlaufenden Touristen. Er deutet auf eine enge, blau getünchte Gasse. Eine Gruppe Reisende, zwei Chinesinnen, drei aus den USA, zwei Männer aus Spanien. Sie machen die gleichen Fotos wie bereits Hunderttausende vor ihnen. Im Glauben, die Vergangenheit festzuhalten.

Doch Chefchaouen gibt etwas vor, was es nicht ist. Die Urlauber fotografieren eine inszenierte Kulisse.

Marokko ist Reiseziel Nummer eins in Afrika. Reisebüros und Agenturen preisen Chefchaouen, die Stadt im Norden des Landes, als "blaue Perle" an. Die Häuser und Gassen der Medina, so heißen Altstädte im nordafrikanischen Raum, sind blau bemalt. Kobalt und Indigo, Aquamarin und Azurblau.

Die Stadt, rund 130 Kilometer nördlich der alten Königsstadt Fès, umgibt ein Mythos. Ihr Blau ist über die Landesgrenzen hinweg bekannt bis nach Europa, Asien, Amerika und zieht immer mehr Touristen in das Rif-Gebirge. Auf dem Foto-Netzwerk Instagram, in dem nur die schönsten Bilder viele Likes bringen, sind die Gassen Chefchaouens ein begehrtes Motiv.

Das Blau schütze gegen den bösen Blick, ist also ein religiöses Symbol, erzählen viele. Es sei vor 500 Jahren aus Andalusien mit den dort vertriebenen Muslimen und Juden in den Norden Marokkos gekommen. Eine weitere Theorie: Das Blau soll Nähe zum Himmel schaffen, Nähe zu Gott. Oder eine pragmatischere Version: Es kühlt die Stadt in den ächzend heißen Sommern und schützt vor Mücken.

"Ein Juwel der Welt"

"Die Farbe bezieht sich auf den Himmel und das Meer", sagt Ben Maymoun. Der 50-Jährige führt seit 30 Jahren die kleine Buchhandlung Librairie El Kadi Ben Maymoun. Zwischen Türmen aus alten Büchern und Magazinen sagt er: "Blau ist die Farbe Gottes." Maymoun zeigt alte Fotos. Erst später sagt er aufgeregt: "Die Stadt möchte, dass man sein Haus blau anmalt. Für die Touristen." Seines hat er selbst gestrichen. Eine Woche hat es gedauert.

"Wir können aus dieser Stadt ein Juwel der Welt machen", sagt Abdeslam Mouden in einem Café in der Neustadt, außerhalb der Stadtmauern, die das Blau einzäunen. Mouden, Dreitagebart, herzliches Lachen, wurde als eines von neun Geschwistern im östlichen Teil der Medina geboren. Er ist einer von vielen, die mit Tourismus ihr Geld verdienen. Mouden wünscht sich mehr Besucher für die Stadt, außerdem Festivals und Veranstaltungen. Er leitet ein Hotel und war fast 15 Jahre Vorsitzender der Stadtführer Chefchaouens. Doch Mouden ist auch zerrissen. Neben dem Wunsch nach Wohlstand sind da auch die Erinnerungen an die Medina seiner Kindheit. Wie viele andere lebt der 51-Jährige mit seiner Familie nicht mehr in der Altstadt, die Preise sind zu hoch, ein paar der Lehm- und Steinhäuser mussten schon großen Hotels weichen.

Seit einigen Jahren können Chinesen ohne Visum nach Marokko einreisen. Mouden beobachtet seither mehr Touristen aus Fernost in der Stadt, "mehr als wir erwartet haben".

Die Blaumacher

Marokko zieht inzwischen pro Jahr mehr als zwölf Millionen Besucher an - Tendenz stark steigend. In den Siebzigerjahren kamen noch ein paar Hippies zum Haschrauchen in die Berge, in den Achtzigern legten sich bereits Hunderttausende Badetouristen aus Europa an die Strände von Agadir. In den Neunzigern stagnierte der Tourismus im Land. Nach dem Anschlag auf ein Hotel in Marrakesch im August 1994 beschuldigte die Regierung algerische Extremisten. Das östliche Nachbarland riegelte die Grenze ab. Wegen der Unruhen mieden Urlauber die Region.

In Teilen der Altstädte bröckelte der Putz von den Fassaden - in Marrakesch wie auch in Chefchaouen. Mouden gründet 1996 gemeinsam mit elf Männern aus seinem Viertel die Organisation Rif El Andalous, sie wollen sich um den Erhalt des kulturellen Erbes der Stadt kümmern. "Wir fanden, dass die Medina ihren Charme verloren hatte", sagt Mouden.

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Tünchen für die Touristen

Foto: Hannah Schultheiß

Die Männer helfen den Bewohnern, wo sie können. Bei der Renovierung der Häuser, beim Tünchen, vor allem aber wollen sie die Altstadt sauber halten. Im Islam der Berber heißt es, dass die Außenwände offenbaren, wer hinter ihnen wohnt.

Mouden und seine Männer ziehen durch die Gassen und bemalen die Fassaden, zunächst häufig in Weiß, der traditionellen Wandfarbe in der Region. Doch dann - keine 25 Jahre ist das her - entscheidet sich einer aus der Organisation, sein Haus, ein kleines Hotel, in einem hellen Blau zu streichen. Das Hotel ist nun schön, von innen und von außen. Es kommen mehr Gäste. Die direkten Nachbarn werden auf den Erfolg aufmerksam - und greifen ebenfalls zur Farbe. Die erste Gasse Chefchaouens ist blau.

Früher malten die Frauen die Häuser an

Einige Jahre später, um die Jahrtausendwende, ist nahezu jedes Haus frisch gestrichen, fast alle in unterschiedlichen Blautönen. Gleichzeitig beginnt auch der Tourismus in der Region wieder zu wachsen. Mouden sagt, auch weil in Marokko ein neuer König, Mohammed VI., auf den Thron stieg. Der habe Chefchaouen besucht, Journalisten und Kameramänner hätten ihn begleitet und über die Stadt berichtet.

Mouad Makhchan, 28 Jahre alt, Pinsel in der Hand, steht vor einem Haus und streicht die Wand links neben der Eingangstür in dunklem Blau. Der blaue Schein wird durch Menschen wie ihn aufrechterhalten. Jeden Tag mischt er aus Pulvern die unterschiedlichen Farbtöne.

Dieses Haus malt er nur bis auf Kopfhöhe an, der Besitzer will es so, es ist Tradition. "Jahrhundertelang haben die Frauen die Häuser angemalt", sagt Makhchan. Sie hätten wegen ihrer Kleider nicht auf eine Leiter steigen dürfen - daher der Anstrich (damals noch in Weiß) entsprechend der Körpergröße. Seit vier Jahren arbeitet Makhchan als Maler, 150 marokkanische Dirham verdient er pro Tag, umgerechnet 14 Euro. Ob er etwas mit dem Blau verbindet? Er schüttelt den Kopf und lacht.

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