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Chinas neuer Schnellzug Störfall im Harmonie-Express

Erst bejubelt, jetzt umstritten - Chinas neuer Superschnellzug zwischen Peking und Shanghai kämpft mit technischen Problemen, das Image der Harmonie-Linie ist angekratzt. Für Ärger sorgt außerdem, dass billigere Verbindungen gestrichen wurden.

Die Putztruppe hat gerade die Zugspitze poliert und blicken zufrieden auf das glänzende Material. Die meisten Fahrgäste sind schon eingestiegen. Nur Familie Zhou steht noch am Gleis, um schnell ein Erinnerungsfoto zu machen. "Das gibt's nur in China", sagt Herr Zhou und winkt seine Familie vor die Lok, seine Tochter reckt Zeige- und Mittelfinger zum Victory-Zeichen in die Höhe. Ein schwüler Vormittag am Bahnhof Shanghai-Hongqiao, gleich wird der neue Hochgeschwindigkeitszug vom Typ CRH380A abfahren. Und Familie Zhou für einen Kurzurlaub nach Peking bringen.

China hat die längste Meeresbrücke, den schnellsten Computer und die größten Dollar-Reserven der Welt. Nun hat es mit der jüngst in Betrieb genommenen Verbindung zwischen Peking und Shanghai auch die längste Strecke für Hochgeschwindigkeitszüge - und damit einen Superlativ mehr, für den es sich feiert.

Dass auch das Servicepersonal eine besonders gute Figur macht, ist kein Zufall. Wie das Casting zu "China's Next Top-Schaffnerin" muss das Bewerbungsverfahren für die begehrten Stellen ausgesehen haben. Aus 5000 Zugbegleiterinnen hat die staatliche Eisenbahnbehörde die vorzeigbarsten Kandidatinnen ausgesucht. Die Kriterien: glatte Haut, Körpergröße zwischen 1,65 Meter und 1,70 Meter. Sie dürfen nicht mehr als 60 Kilogramm wiegen und nicht älter als 28 Jahre sein. Natürlich sind sie alle "sehr, sehr stolz" auf ihren neuen Job. Schließlich geht es hier um ein nationales Prestigeprojekt.

1300 Kilometer in weniger als fünf Stunden. Erwartungen von Verkehrsplanern zufolge werden bis zu 80 Millionen Passagiere pro Jahr die Strecke nutzen. Die neue Schnellverbindung zwischen Chinas Hauptstadt und der wichtigsten Wirtschaftsmetropole des Landes soll die Konjunktur weiter beleben. Zeitungen bejubelten die Eröffnung der "Linie der Harmonie", wie der Schnellzug auch genannt wird, als "geschichtsträchtiges Ereignis", im staatlichen Fernsehen stimmten aufgekratzte Passagiere Loblieder auf die Innovationskraft Chinas an.

Doch nur wenige Wochen später ist die Begeisterung verflogen: Bereits dreimal innerhalb weniger Tage wurde der Schnellzug von peinlichen Pannen heimgesucht. Stromausfälle brachten Dutzende Züge zum Erliegen, am letzten Mittwoch mussten Passagiere stundenlang ausharren und schließlich in einen Ersatzzug umsteigen.

Die Eisenbahnbehörde gibt "schlechtem Wetter" und "unerwarteten technischen Fehlfunktionen" die Schuld, doch inzwischen mehren sich die kritischen Stimmen. Wurde die Strecke überhastet in Betrieb genommen, damit die Partei pünktlich zu ihrem 90. Geburtstag etwas zu feiern hat? Und hatte nicht ein namhafter Eisenbahnexperte im Vorfeld vor Sicherheitsrisiken gewarnt? Nicht zuletzt hatte im Februar der Eisenbahnminister wegen Korruptionsverdacht seinen Posten verloren. Die Behörden bemühen sich verzweifelt, das PR-Desaster schönzureden, und die staatliche Nachrichtenagentur mahnt die Öffentlichkeit zu mehr "Geduld und Toleranz".

Landschaftskino und Plumpsklo

"Liebe Passagiere, halten Sie sich fest, während wir beschleunigen", sagt eine freundliche Stimme durch, als der Zug Shanghai verlässt. In weniger als zehn Minuten hat er 315 km/h erreicht. Man spürt sie nicht und hört sie kaum, der Zug schnurrt fast geräuschlos durch die Gegend. Nur der Blick aus dem Fenster macht die hohe Geschwindigkeit bemerkbar.

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Zugfahren in China: Mit Highspeed in die Zukunft

Foto: Andy Wong/ AP

Die Fahrt gleicht einer Zeitreise durch die vergangenen 30 Jahre chinesischer Geschichte, es ist Landschaftskino im Fast-Forward-Modus: Durch Hochhausdschungel aus Stahl, Glas und Beton, Baustellen des Größenwahns, vorbei an Fabriken, deren Schornsteine pechschwarzen Rauch ausspucken. Dann rauscht der Zug vorbei an Vorortslums, der Himmel klart auf, Blau lugt hinter den Wolken hervor. Bauern bestellen mit der Hand Reisfelder, wenige Meter neben der Bahntrasse grasen Schafherden. Manch ein Hirte bleibt stehen und starrt den CRH380A an wie ein Ufo.

Drinnen im Zug sitzt die neue Mittelklasse des Landes. Männer in modisch geschnittenen Anzügen erstellen Excel-Tabellen auf ihren Laptops, ein Junge spielt "Angry Birds" auf seinem iPad, während er getrocknete Fische knabbert. Seine Großmutter streicht neugierig über die blaugepolsterten Sessel. "So sauber hier", sagt die kleine Frau im geblümten Baumwollhemd. "Kein Vergleich zu den Provinzzügen, wo die Leute ihre Hühner mit ins Abteil nehmen."

Wer in China schon öfter mit der Bahn durchs Land gereist ist, wird den Komfort der Hochgeschwindigkeitszüge schätzen. Keine Schaffner, die versuchen, einem lauthals Zahnbürsten und Socken anzudrehen, niemand spuckt unbekümmert Sonnenblumenkerne und Knochenreste auf den Boden. Wer aufs Klo will, muss sich nach wie vor mit einer Hocktoilette arrangieren, aber immerhin - eine Seltenheit bei der chinesischen Bahn - ist sie in betretbarem Zustand.

Schweinefleisch aus der Mikrowelle

Die Innenausstattung des CRH380A entspricht dem deutschen ICE-Standard, nur bietet die chinesische Version mehr Beinfreiheit in der zweiten Klasse. An die chinesischen Rumpelzüge der alten Generation erinnern lediglich Durchsagen wie "Passen Sie auf, dass Sie sich und Ihre Mitreisenden nicht mit heißem Teewasser verbrühen!" und "Gehen Sie während der Zwischenstopps nicht auf den Bahnsteigen spazieren".

Gegen Mittag ist die Hälfte der Strecke zurückgelegt, das Bordbistro füllt sich. Noch hat die chinesische Bahn kein Alfons-Schuhbeck-Pendant verpflichtet, der für das Menü verantwortlich zeichnet. Nur ein in Plastik abgepacktes Mikrowellengericht ist im Angebot: Reis mit Kohl und einem winzigen Stück Fleisch, das im Mund eher an Gummi als an Schwein erinnert. "Wie Flugzeugessen, nur dass man dafür draufzahlen muss", seufzt einer, während er seine Stäbchen auspackt.

In der ersten Liga spielt die "Linie der Harmonie" kulinarisch noch nicht mit, preislich gesehen dagegen schon. Viermal so viel wie auf der Straße kostet hier eine kleine Flasche Wasser, und auch die Ticketpreise sind für chinesische Verhältnisse teuer: Für einen Platz in der zweiten Klasse zahlen Reisende umgerechnet knapp 60 Euro, in der teuersten Klasse kostet das Ticket 190 Euro. Dort sitzt der Passagier in drehbaren Ledersesseln mit eigenem Touchscreen-Fernseher, und, mit etwas Glück, direkt hinter dem Lokführer.

Wohlhabende Fahrgäste

Der Schnellzug sollte zur direkten Konkurrenz für das Flugzeug werden. Chinesische Inlandsflüge sind für Verspätungen berüchtigt, vor allem Berufspendler setzten darum Hoffnung in die neue Bahn als eine zuverlässigere Alternative. Airlines hatten bereits angekündigt, ihre Preise dauerhaft zu senken, um einem Passagierschwund auf der meistfrequentierten Strecke des Landes vorzubeugen.

Doch nach den Pannen der letzten Tage können sie erst mal beruhigt sein: Viele Passagiere sind verärgert über das dilettantische Fehlermanagement der Eisenbahnbehörde. Auf der Mikroblogging-Plattform Weibo schreiben viele Nutzer, das Flugzeug sei dem Zug doch vorzuziehen.

Ohnehin können sich nicht alle an der neuen Hochgeschwindigkeitsbahn erfreuen. Die Mehrheit der Bevölkerung - einfache Angestellte, Arbeiter und Bauern - kann sich die Tickets nicht leisten. Die günstigeren Nachtzüge auf der Strecke wurden ersatzlos gestrichen. Übrig geblieben sind nur Bummelzüge, sie brauchen 21 Stunden für die Route.

Und so stiftet die "Linie der Harmonie" unter den Bahnreisenden womöglich genau das Gegenteil: Die wohlhabende Mittelschicht rast mit modernster Technik davon, der Rest der Bevölkerung wird sich wohl oder übel in die alte Rostbahn quetschen müssen, die in Zukunft noch überfüllter sein wird.

Am Bahnhof von Peking sagt ein Taxifahrer: "Der Schnellzug ist für mich ein Rückschritt. Ich kann zwar jetzt mehr Kunden zum Bahnhof bringen. Nur selbst für ein paar Tage nach Shanghai fahren - das kann ich mir jetzt nicht mehr leisten."

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Komponenten des Zuges CRH380A seien von Siemens gebaut worden. Das ist nicht richtig. Vielmehr baut Siemens in China Hochgeschwindigkeitszüge mit der Bezeichnung CRH3.

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