Chioggia Venedigs kleine Schwester

Unweit der Touristenströme Venedigs wartet ein Kleinod mit Tradition und historischen Bauten auf. 50 Kilometer südlich der weltberühmten Lagunenstadt liegt Chioggia. Eine kleine Kopie Venedigs.


Leise schwappt das Wasser durch die Kanäle Chioggias, Marmorbrücken verbinden die engen Gassen, auf Pfählen sind die Häuser gebaut, deren Fassaden von großer Vergangenheit künden. Da flattert die Wäsche über den Gassen zwischen den Häuserwänden, ein paar Jungen kicken Fußball auf einem der kleinen Plätze, drei Frauen haben ihre Stühle vors Haus gestellt, um ein Schwätzchen zu halten. Ein Maler hat seine Staffelei aufgebaut, Händler verkaufen Gemüse unter den Arkaden der Paläste am Vena-Kanal.

Jeden Abend beginnt an der für Autos gesperrten Hauptstraße für zwei, drei Stunden ein ungewöhnliches Treiben: Es ist die Zeit des Flanierens zwischen den malerischen Häuserzeilen - des "Fare la Vasca". Wörtlich übersetzt heißt das "wie in einem Schwimmbecken". Die Jugend ist da, ihre Mopeds rattern, Radios dudeln lautstark und vielstimmig die neuesten Hits. Junge Paare turteln verliebt Hand in Hand. Auch die Alten sind gekommen. Sie bereden den Tag und schlürfen ihren Espresso in einem der vielen Straßencafés.

Chioggia ist nur über eine Brücke mit dem Festland verbunden
GMS

Chioggia ist nur über eine Brücke mit dem Festland verbunden

Für mehr als 10.000 "Chiogiotti" ist die winzige Insel, mit dem Festland verbunden nur durch eine einzige Brücke, traditionsreiche Heimat. Sie leben auch heute noch miteinander wie die Generationen vor ihnen. Die Männer fahren mit kleinen Booten hinaus zum Fischfang oder mit den Großfängern tagelang durch die Adria bis zur Inselwelt Griechenlands. An die 6000 Männer arbeiten als Fischer. Chioggia gilt seit langem als größter Fischereihafen Norditaliens.

Im Vergleich zum nur 50 Kilometer entfernten Venedig führt Chioggia auch heute noch das Leben einer verträumten italienischen Kleinstadt. An der Rialtobrücke in Venedig drängeln sich die Besucher und werden bei Touristenmenüs mit Pasta und pappigen Pizzen zu überteuerten Preisen abgespeist. Hier in Chioggia stehen hauptsächlich frischer Fisch und Gemüse auf den Speisenkarten der Restaurants. Wie die Einheimischen können die Urlauber gute regionale Küche zu reellen Preisen genießen.

Wer Ruhe statt Rummel im Urlaub schätzt, reist Ende September nach Chioggia. Die Luft ist noch angenehm mild, der Himmel glasklar und viele Strandhotels haben noch geöffnet. Zu dieser Jahreszeit wird der Streifzug durch die Gassen zu einem Erlebnis von Vergangenheit und lebendiger Gegenwart. Wie die Gräten eines Fischs scheinen Straßen und Gassen angelegt. Das Rückgrat bildet die breite Corso del Popolo.

Stolz merken die Chioggiotti immer wieder an, dass ihre Stadt viel älter ist als Venedig. Schon unter den alten Römern verlief hier der Kanal Fossa Clodia, nach dem die Stadt später benannt wurde. Zur Blüte gelangte Chioggia ab dem Jahr 1110, als der Bischof von Malamocco hier seine Residenz aufschlug. Der Reichtum war aber bald den Genuesern ein Dorn im Auge: Sie zogen in den Krieg gegen Chioggia und zerstörten schließlich die Stadt.

Der venezianische Löwe schmückt auch die Vigobrücke in Chioggia
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Der venezianische Löwe schmückt auch die Vigobrücke in Chioggia

Doch die Bewohner Chioggias hingen an ihrer Insel. Mit eisernem Willen bauten sie ihre Stadt wieder auf: Aus dem 16. Jahrhundert stammt die Kirche San Martino im gotisch-venezianischen Stil, aus dem 17. Jahrhundert die mächtige Kathedrale mit dem abseits stehenden, 60 Meter hohen Campanile. Viele Paläste mit ihren Säulengängen zu den Kanälen sind bis heute steinerne Zeugen einer wechselvollen Vergangenheit. Malerisch anzusehen sind die schmalen Brücken über den Vena-Kanal, neun Bauwerke hintereinander.

Chioggia ist ein idealer Ausgangspunkt für Ausflüge nach Venedig: Mit dem Linienschiff, dem Überlandbus und dem Vaporetto-Schiff über Pellestrina, Alberoni und die Lido-Insel dauert die Anreise bis zum Markusplatz etwa eineinhalb Stunden. Im Sommer gibt es darüber hinaus für Urlauber mehrfach in der Woche eine direkte Schiffsverbindung. Andere Ausflugsziele sind Padua, die romantischen venezianischen Villen am Brentakanal sowie die Reisfelder und Naturreservate des Po-Deltas.



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