Cockatoo Island Picknick in Australiens Alcatraz

Wo einst Gefangene schufteten, zelten heute Touristen. Auf Cockatoo Island im Hafen von Sydney hat ein Campingplatz eröffnet - inmitten von stillgelegten Werfthallen und verrotteten Bürogebäuden. Ein geschichtsträchtiger Ort in absoluter Traumlage.


Früher wurden auf Cockatoo Island Schlachtschiffe des Commonwealth auf Kiel gelegt, die auf den Weltmeeren den Ruhm der britischen Krone und ihrer Verbündeten mehren sollten. Heute liegt hier Sydneys einziger Campingplatz in der City. Frischer grüner Rasen sprießt auf der größten Insel des Hafens, und in modernen, gerade errichteten Gebäuden stehen Duschen, Waschräume und Küchenzeilen bereit.

Wer hier sein Zelt aufschlägt, wohnt zu Spottpreisen in Traumlage: Einmal pro Stunde fährt tagsüber eine Fähre in nur 18 Minuten zum Circular Quay im Stadtzentrum. Links ist das Olympiagelände nicht weit, rechts ragt am Horizont der "Kleiderbügel" in den Himmel, die weltberühmte Harbour Bridge, - das ist auch für das abendliche Picknick vor dem Zelt ein Traumambiente.

Doch nur wenige Schritte von diesem gerade eröffneten Idyll zeigen sich die Kontraste: Stillgelegte Werfthallen und hässliche Versorgungsgebäude stehen dicht an dicht auf der 500 Meter langen und 360 Meter breiten Insel. Cockatoo Island ist ein Eiland mit Vergangenheit: "Diese Insel ist so etwas wie das Alcatraz Australiens und hier in Sydney immer noch ein großes Geheimnis selbst für viele Einheimische", sagt Tony Harrison. Der Mitarbeiter des staatlichen Sydney Harbour Trust führt seit kurzem Interessierte über die aus einem Unter- und einem Oberland bestehende Insel, die voller spannender Geschichte und Geschichten steckt.

Gefängnisinsel und Kriegswerft

Erst seit Mitte 2007 ist Cockatoo überhaupt für Publikum geöffnet, nachdem die Insel seit der Schließung der letzten Schiffswerft vor 16 Jahren in den Dornröschenschlaf gefallen war. Nur einmal hat sie seitdem mit einem wilden Musikfestival in Sydney für Aufsehen sorgte. Bereits vor der Ankunft der ersten Europäer 1788 wurde die Insel, benannt nach den hier früher neben vielen Schlangen reichlich vorhandenen Kakadus, von den Aborigines zum Fischen genutzt. Erst 1839 griffen die Kolonialherren in die Geschicke Cockatoos ein, als Gouverneur George Gipps hier ein Gefängnis einrichtete.

"Kein anderer Platz im Staat New South Wales ist dafür so geeignet wie Cockatoo Island, umgeben von tiefem Wasser und doch genau vor den Augen der Behörden", pries Gipps die natürlichen Vorzüge. Zeitweise waren bis zu 500 Gefangene in enge dunkle Zellen auf dem Oberland gepfercht. Die bis heute stehengebliebenen Gebäude mussten sie aus dem Sandstein der Insel selbst errichten und später weiter in Steinbrüchen schuften, die Material für wichtige Bauten der aufstrebenden Metropole Sydney lieferten.

Gleichzeitig schien der Standort ideal zur Errichtung von Schiffswerften, die Gefangenen mussten in elfjähriger Arbeit ein erstes von zwei Trockendocks ausheben. Damit war die künftige Rolle von Cockatoo vorbestimmt, als bereits 1869 das Gefängnis wegen seiner unzumutbaren Bedingungen wieder geschlossen und verlegt wurde. Zwischendurch wurden noch Straßenkinder aus Sydney hier auf den rechten Weg gebracht und zwischen 1888 und 1908 wegen Überfüllung anderer Strafanstalten auch wieder Gefangene untergebracht.

"Aber ganz klar war Cockatoo nun die wichtigste Kriegswerft Australiens", erklärt Harrison seinen Besuchern, die etwas ungläubig durch die mächtigen Industrierelikte laufen. "Schon 1913 wurde das hier zur Werft des Commonwealth und im Zweiten Weltkrieg nach dem Fall von Singapur zur zentralen Reparaturbasis der Alliierten im Südwestpazifik." Bis zu 4000 Männer und Frauen schufteten hier in jener Zeit. Bei Bombenalarm zogen sie sich in den 300 Meter langen Dogleg-Tunnel zurück, der die halbe Insel unterquert. "Hier war bei dem Musikfestival vor ein paar Jahren ein Nachtclub untergebracht, eine bizarre Location", sagt Tony Harrison.

Backpacker in die Unterkünfte der U-Boot-Besatzungen

Wie in einem Bergwerk fühlen sich Besucher heute, der poröse Sandstein rieselt von den Wänden, dazu ertönen vom Band Aufnahmen aus den Kriegstagen von 1942. Die gigantische Turbinenhalle, in der Anfang der dreißiger Jahre auch Teile für die Sydney Harbour Bridge gefertigt wurden, steht heute leer.Sie hat ihre Feuerprobe als Konzerthalle bereits bestanden, doch wie für ganz Cockatoo ist ihr weiteres Schicksal noch nicht genau absehbar.

"Aus dem Haus, in dem früher die U-Boot-Besatzungen wohnten, deren Boote hier eingedockt waren, wollen wir eine Backpacker-Unterkunft machen", sagt Harrison, "in den alten Planungsbüros auf dem Oberland können jetzt Künstler jeweils für drei Monate leben und arbeiten." Für sie, aber auch für Sydney-Neulinge, hat das unfertige, morbide und auf jeden Schritt geschichtsträchtige Gelände seinen ganz eigenen Reiz, stets in Sichtweit die Ikonen der Traumstadt wie eben jene Harbour Bridge.

60 Millionen australische Dollar (circa 36 Millionen Euro) hat der Harbour Trust bereits in die Aufwertung von Cockatoo für Besucher investiert, weitere Mittel stehen bereit. "In zwei Jahren wollen wir fertig sein, dann wird es einen Aussichtsturm geben, einen Boardwalk, der einmal um die Insel führt, und auch einen Tea Room", verspricht Harrison. Aber jetzt besiedeln ja erst mal die Camper als Vorboten der neuen Zeit die Insel, Platz ist für 2000 Zelte. "Die werden schnell auf den Geschmack kommen und diesen einzigartigen Zeltplatz so schnell nicht wieder räumen", sagt Harrison.



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