Hotelmanagerin Wandinger: "So eine Krise steht man nur gemeinsam durch"
Hotelmanagerin Wandinger: "So eine Krise steht man nur gemeinsam durch"
Foto: AWA Hotel

Corona-Quarantäne im Hotelzimmer "Einsperren darf ich meine Gäste nicht"

In Privathaushalten können infizierte Menschen leicht andere anstecken. Ein Münchner Hotel nimmt Gäste auf, die sich isolieren wollen – mit oder ohne positiven Corona-Test.
Ein Interview von Julia Stanek

Quarantäne im Hotel statt zu Hause: Der Marburger Bund hält dieses Modell für eine gute Idee und fordert, der Staat müsse solche Übernachtungen bezahlen. Immerhin ließen sich dadurch Ansteckungen in Privathaushalten vermeiden, so die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft, Susanne Johna.

Die Branche zeigt sich in der Sache offen. "Wenn Unterstützung notwendig ist, sind grundsätzlich auch Hotels bereit, Corona-Infizierte beziehungsweise Quarantänepflichtige aufzunehmen", sagt Stefanie Heckel, Sprecherin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands.

Bereits während des ersten Shutdowns hat es in Deutschland Hoteliers gegeben, die Zimmer zu Quarantänezwecken bereitstellten. Darunter war auch Anita Wandinger, die auch jetzt wieder ihr Hotel für solche Gäste öffnet. Was hat sie dazu bewegt, Infizierte einchecken zu lassen? Was bedeutet es für den Hotelbetrieb? Ein Anruf im AWA Hotel in der Münchner Schillerstraße.

SPIEGEL: Frau Wandinger, Sie werben damit, in Ihrem Hotel in München Gäste aufzunehmen, die sich in Quarantäne befinden – auch solche, die positiv auf Corona getestet wurden. Ist das nicht ein etwas riskantes Unterfangen?

Wandinger: Nein. Unsere Hygienevorkehrungen sind so gut, dass wir die mit dem Coronavirus infizierten Gäste nicht mal anders behandeln müssen als Nichtinfizierte. Die einzige Ausnahme ist, dass sich die Corona-Fälle nicht in der Lobby aufhalten dürfen. Wir sind generell vorsichtig.

SPIEGEL: Wie viele Corona-Fälle waren bisher unter Ihren Gästen?

Wandinger: Zwei, von denen wir es wussten. Es waren Spanierinnen, die im Frühjahr zwei beziehungsweise drei Wochen bei uns in Quarantäne verbracht haben.

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SPIEGEL: Was schreiben Sie solchen Gästen vor?

Wandinger: Die Auflagen macht das Gesundheitsamt. Es erklärt der betroffenen Person ohnehin, wie sie sich zu verhalten hat – und das gilt dann natürlich auch für die Zeit bei uns.

SPIEGEL: Was darf der Gast, was nicht?

Wandinger: Das Gesundheitsamt schreibt vor, dass kein direkter Kontakt zum Gast aufgenommen werden darf. Wir dürfen nicht länger als 15 Minuten ohne Maske und Abstand mit ihm oder ihr sprechen. Theoretisch könnten Kunden dadurch einen ganz normalen Check-in machen. Doch um ganz sicherzugehen, hinterlegen wir den Zimmerschlüssel in einem Schlüsselsafe vor dem Hotel und erledigen alles andere telefonisch. Wir sorgen dafür, dass die Person die Lobby zu einem Zeitpunkt betritt, zu dem sich sonst keiner dort aufhält.

"Ein bisschen Husten ist in Ordnung."

Anita Wandinger, Hotelmanagerin

SPIEGEL: Dürfen Ihre Quarantänegäste das Zimmer verlassen?

Wandinger: Das Gesundheitsamt sagt Nein. Ich muss es allerdings nicht kontrollieren. Wenn mir auffiele, dass sich jemand nicht an die Regeln hält, würde ich ihn aber freundlich erinnern. Einsperren darf ich meine Gäste nicht.

SPIEGEL: Bekommen Ihre Kunden auch ärztliche Versorgung?

Wandinger: Wenn jemand ärztliche Behandlung braucht, können wir ihn hier nicht beherbergen. Wir nehmen nur Menschen auf, denen es trotz der Corona-Infektion gut geht, also diejenigen mit keinen bis leichten Symptomen. Ein bisschen Husten ist in Ordnung, aber wenn echte Lungenprobleme auftreten, dann sind wir nicht der richtige Ort. Sollte sich der Zustand während des Aufenthalts verschlechtern, kann natürlich jederzeit ein Notarzt zum Gast.

SPIEGEL: Wie stellen Sie sicher, dass infizierte Gäste niemanden anstecken?

Wandinger: Wir bringen sie in Zimmern unter, die sich in einem separaten Flügel des Hauses befinden. Das Frühstück – oder das bei einem Lieferservice bestellte Essen – stellen wir dem Gast nur vor die Tür und vermeiden so persönliche Begegnungen. Außerdem desinfizieren wir die Fahrstühle stündlich.

SPIEGEL: Verstoßen Sie nicht gegen das Beherbergungsverbot, wenn Sie Gäste zwecks Quarantäne aufnehmen?

Wandinger: Nein. Untersagt sind derzeit nur touristische Übernachtungen. Wir haben hier aber sehr wohl Geschäftsreisende und eben unsere derzeitigen Quarantänegäste. Das sind keine Touristen im engeren Sinn, sondern Menschen aus München, die sich aus verschiedenen Gründen isolieren möchten.

SPIEGEL: Warum?

Wandinger: Es sind vor allem gesunde Gäste, die mit jemandem einen Haushalt teilen, der infiziert ist und die Wohnräume blockiert. Um sich zu Hause nicht anzustecken, buchen sie lieber ein bis zwei Wochen ein Hotelzimmer, bis das Risiko daheim gebannt ist. Wir hatten aber auch schon einen Arzt hier, der sich einige Zeit isolieren wollte. Er hatte zwar keinen positiven Test, wollte aber wegen des hohen Ansteckungsrisikos in seinem Beruf bei uns schlafen und so seine Angehörigen schützen. Wer einen negativen Test hat, darf natürlich auch in die Lobby und sich normal bei uns bewegen.

SPIEGEL: Und warum sollte sich eine infizierte Person bei Ihnen einmieten?

Wandinger: Es könnten zum Beispiel Menschen sein, die sich mit dem Coronavirus angesteckt haben und auf keinen Fall zu Hause in Quarantäne gehen wollen, weil sie mit einer Risikoperson zusammenleben und diese nicht in Gefahr bringen wollen.

"Bei vielen ist eine große Angst da."

Anita Wandinger, Hotelmanagerin

SPIEGEL: Hilft Ihnen dieses Geschäftsmodell in der wirtschaftlichen Misere, die die Pandemie für die gesamte Tourismusbranche bedeutet?

Wandinger: Natürlich sind wir derzeit froh über jedes belegte Zimmer. Und vielleicht tragen unsere Corona-Longstays dazu bei, dass wir uns ein, zwei Monate länger die Pacht leisten können. Wir stellen unseren Quarantänegästen pro Übernachtung auch nicht die normalen Raten in Rechnung, sondern bieten günstigere Preise für längere Aufenthalte an. Es sind etwa 50 Euro pro Nacht.

SPIEGEL: Hauptsache ein bisschen Auslastung...

Wandinger: Ja. Aber ob uns das rettet? Wahrscheinlich würde es mehr Geld einbringen, die Zimmer als Homeoffices zu vermieten. Aber das Finanzielle ist ohnehin nicht meine Motivation. Mir geht es um die lokale Community, ich will den Münchnerinnen und Münchnern eine Alternative zur Quarantäne zu Hause bieten. So eine Krise steht man nur gemeinsam durch.

SPIEGEL: Haben Sie keine Angst vor einem Imageschaden – dass Sie durch Ihre Aktion als "Corona-Hotel" gelten könnten?

Wandinger: Ja, ehrlich gesagt schon. Man positioniert sich mit so einem Angebot natürlich schon so, dass man vielleicht einen anderen Gast verliert. Bei vielen ist eine große Angst da. Wer jetzt aber zu uns kommt, hat Vertrauen in unsere Sicherheitsvorkehrungen.

SPIEGEL: Warum nehmen Sie das Risiko in Kauf?

Wandinger: Ich möchte in guter Erinnerung bleiben. Wenn sich eine Münchnerin oder ein Münchner in 20 Jahren an die Pandemie zurückerinnert, vielleicht denkt sie oder er dann auch an so etwas wie einen schönen Quarantäneaufenthalt in einem Hotel am Hauptbahnhof.