Design in Brüssel Plüsch war gestern, Klarheit ist in

Hüte, Hüte und nochmals Hüte, dazwischen Masken und Tierplastiken - die Welt des Christophe Coppens im Brüsseler Dansaert-Viertel ist farbig und vielfältig. So bunt wie die Modeszene gleich nebenan. Europas Hauptstadt setzt auf Lifestyle.


Brüssel - Brüssel gibt sich im "Jahr von Mode und Design 2006" bunt, quirlig und aufgeschlossen. Geplant sind Modenschauen, Atelierrundgänge und Design-Ausstellungen. Die Schauplätze sind Modeateliers im Viertel um die unscheinbare Rue Dansaert, flippige Bistros, Bar-Lounges und exklusive Designer-Hotelsuiten - aber auch versteckte Orte in der belgischen Metropole.

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Brüsseler Lifestyle : Hüte, Hüte und nochmals Hüte

So wie das Geschäft von Christophe Coppens, 36, am Place du Nouveau Marché aux Grains: Hüte, Masken, ein paar Kleiderständer, Wachskerzen und Tierplastiken. Das Angebot ist so bunt wie die Modeszene, die sich nur einen Steinwurf weiter an der Rue Dansaert angesiedelt hat. Gerade 800 Meter misst die Rue Dansaert zwischen dem Place de la Bourse und dem Canal Bruxelles-Charleroi.

Auf den ersten Blick erscheint sie unspektakulär, nicht vergleichbar mit der Münchner Maximilianstraße oder der "Kö" in Düsseldorf. Bis in die achtziger Jahre war die Rue Dansaert eher der Durchgang durch ein heruntergekommenes Viertel, ehe Brüssels Stadtväter diese Ecke behutsam sanierten. Nach und nach siedelten sich die ersten Modeläden an.

Den ersten Designshop im Dansaert eröffnete Sonja Noël 1984 und nannte ihn "Stijl". Heute sind dort die Modeläden wie Perlen an einer Schnur aufgereiht. Mindestens 35 Geschäfte voller extravaganter Damenmode und Trend-Accessoires sind alleine im Dansaert-Viertel ansässig.

400 Studenten an fünf Akademien machen Design

"Alles hier ist für die Besucher zu Fuß machbar", kennzeichnet Projektleiterin Linda van Waesberge, 53, von "Modo Bruxellae" die Vorteile des Modequartiers. "In Brüssel ist es gerade für junge Designer leicht, kreativ zu sein. Wir sind eine Multikulti-Metropole, in der viele Einwohner mehrere Sprachen reden - Französisch, Flämisch und Englisch." Von ihrem kleinen Büro in der Lepagestraat am Rand des Dansaertviertels bereitet Linda van Waesberge den "Stylistenparcour" vor. Vom 27. bis 29. Oktober werden zum achten Mal Modedesigner an 60 Plätzen ihre neuesten Kreationen vorstellen.

Die Besucher können dabei auch abgelegene Orte im Zentrum der Metropole entdecken: Passagen, Hinterhöfe, Lagerhallen, Großwohnungen und ehemalige Kirchen. Modekreationen gesellen sich dort zu Tanz- und Musikvorführungen. Darüber hinaus planen die Macherinnen von "Modo Bruxellae" im Sommerhalbjahr vier aufwendige Modeschauen: am Justizpalast, auf dem Grand Place vor dem Rathaus, am Heizelstadion und sogar in einer historischen Straßenbahn.

Rund 400 Studenten zählen derzeit die fünf Akademien in Brüssel, von denen die Fachhochschule "La Cambre" an der Avenue Louise internationalen Ruf erlangt hat: die Ausbildung dreht sich vor allem um Textil-, Industrie- und Innenraumdesign. Bekleidung und Räume sind auch die Schwerpunkte der beiden Designer Laurent Uyttersprot, 28, und Pascal Di Pietro Martinelli, 30.

Mit ihrer Marke "Mademoiselle Lucien" konzentrieren sich die beiden seit 1998 auf exklusive Roben für die betuchtere Damenwelt und machten Furore, als sie vor zwei Jahren zum Nationalfeiertag für Belgiens Prinzessin Claire eine Aufsehen erregende Tagesgarderobe schneiderten. Der Showroom, unscheinbar in einer ruhigen Wohnstraße im Stadtviertel Ixelles gelegen, präsentiert Haute Couture-Abendkleider aus kostbarer Seide, Damast und Brokat.

Pomp und Plüsch waren gestern

"Made in Brussels gewinnt als Markenzeichen für kreative Mode immer mehr an Bedeutung", hat Designer Laurent Uyttersprot beobachtet. Dazu zählt heute nicht mehr allein Bekleidung, sondern ebenso Interieurdesign, die extravagante Gestaltung von Möbelstücken und sogar komplette Innenräume. "Fashion Rooms" werden die zehn Luxussuiten genannt, die Kreative aus halb Europa im Hotel "Royal Windsor" geschaffen haben. "In der Suite von 'Mademoiselle Lucien' unternehmen die Gäste eine Reise in den Orient und zu Art Dèco", erläutert Uyttersprot. Warme Rot- und Brauntöne der Stoffe und anheimelndes Licht schaffen eine behagliche Stimmung.

Auch verschiedene Ausstellungen bieten in den kommenden Monaten einen Überblick über die junge Szene von Möbel- und Raumgestaltern. Die Entwürfe preisgekrönter Nachwuchsdesigner werden vom 16. September bis 29. Oktober 2006 in der Galerie "ARTEspace" in der Rue Blaes 96 präsentiert. Schickes Design für jedermann gibt es darüber hinaus beim fünften "Brüsseler Design Markt" am 10. September 2006 auf dem Place St. Lambert zu bestaunen und auch zu kaufen.

Zeitgleich mit der Bedeutung der Designer hat sich in Brüssel auch eine Szene neuer Bistros, Bars, Lounges und Lunchrooms entwickelt. Pomp und Plüsch waren gestern - heute bestimmen klare Linien das Innere der angesagten Lokalitäten. Im Modequartier an der Rue Dansaert beispielsweise glänzen "Bonsoir Clara" mit französischer und das "Kasbah" mit orientalischer Küche. Ein paar Häuser weiter werden im "Comocomo" spanische Tapas über die Laufbänder geschickt.

Die Schönen der Nacht treffen sich in der Oberstadt bei einem Coup Champagner etwa im Szenelokal "Cospaia", das Bar, Lounge und Restaurant kombiniert. Nur ein paar hundert Meter weiter lockt die "Rosa Art Lounge" am Boulevard Waterloo, wo die Boutiquen von Armani, Bulgari, Chanel, Dior und Co. ihre Kreationen anbieten.

Von Bernd F. Meier, gms



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