Dresdner Frauenkirche Auferstanden aus Ruinen

Die steinerne Schönheit erstrahlt in neuem Glanz: 60 Jahre lang waren die Trümmer der Dresdner Frauenkirche ein Symbol für den Schrecken des Krieges. Am Sonntag wird das Gotteshaus neu geweiht. Besucher aus aller Welt fragen sich nun: Wie konnten die Dresdner all die Jahre ohne sie leben?
Von Judka Strittmatter

Es wird ihr Tag sein, alles sitzt: Schabracken, Rosetten und Pilaster. Und als hätte sie es geahnt, dass man selbst aus Yokohama und New York anreisen wird, um sich an ihr zu delektieren und ihr sacht über die neue Haut zu streichen, steht sie nun da - eine Schönheit in cremefarbener Robe. Sie darf das Haupt erhoben tragen: Beachtliche Herzensbildung ist ihr zu verdanken. Zwischen Ost- und Westdeutschen, Briten und Dresdnern, Ja- und Nein-Sagern. Am 30. Oktober 2005 wird sie zum zweiten Mal vermählt. Mit der Zukunft. Diesmal soll es für immer sein.

Je höher sie in den Himmel über Dresden wuchs, je öfter ihre Robe hinter dem eisernen Paravent hervorlugte und ihre Couturiers Schmuckstücke am Gewande applizierten - umso mehr machte sich Freude und Verzückung breit, aber auch Neid. Seitdem scheinen die schwarz-steinernen Granden links und rechts von ihr etwas düpiert. Lange Jahre waren sie die Stars am Elbufer, machten sie das Panorama aus, jetzt stiehlt die "Neue" ihnen eindeutig die Show. Hätte es sie nicht schon mal gegeben, flüstern Ergriffene aus aller Welt, man hätte sie erfinden müssen - eigens für diesen Platz. Wie konnte man in Dresden nur all die Jahre leben ohne sie?

Konnte man ja nicht, nicht gut auf jeden Fall. Die Alten vor allem. War ja immer ein Ziehen in der Herzgegend, wenn es am Trümmerberg vorbeiging oder mal wieder einer ihre Auferstehung beschwor. Selbst bei denen, die schon lange fort waren aus der Stadt, weg nach Amerika und weiter. War plötzlich alles wieder da - die Toten und die Bomben, das Inferno. 13. Februar 1945. Das Trauma dieser Kriegsnacht wirkte nach, in alle Winkel dieser Welt. Dresden vermisste ein Stück Seele.

Dem Dresdner ist die Heimat alles

Mitte der Neunziger, als sie dann doch emporwuchs, der Torso Form annahm, da stiegen immer wieder Tränen auf, in Umfragen und Interviews. Die Dresdner hatten lange selbst gezweifelt: Ein Kirchenbau aus Spenden? Klappt doch nie! So harsch war die Stimmung gegen das Bauvorhaben, dass selbst Frauenkirchen-Stiftungschef Eberhard Burger am Anfang noch befürchtete, "hier etwas Schlechtes anzugehen".

Dem war nicht so, der Sachse von der Elbe brauchte nur Zeit, sich zu gewöhnen. Eigentlich sind ihm Geschichte und Kultur ein Lebenselixier, und die Heimat alles. Wo bitte kriegt man 16.000 Menschen auf die Straße, nur weil sieben Kirchenglocken aus der Gießerei ankommen? Den Gewerkschaften vor Ort gelang das nicht, dem Kirchenbau am Neumarkt schon.

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Frauenkirche: Die Krone Dresdens

Foto: SLUB Dresden/Abt. Deutsche Fotothek/Richard Peter sen/ddp

Wann immer ein Highlight im Bauplan der Kirche anstand - die Dresdner waren da, zu Tausenden. Bewehrt mit Kamera und Taschentuch. Kein Preuße wird je weinen, sollte man das Stadtschloss wieder hochziehen in Berlin. Selbst die Leipziger - auch anders drauf. Schauen lieber nassforsch in die Zukunft als auf alte Zeiten. Hat den Dresdnern diese Liebe ihr starker August eingeimpft? Seine Residenzstadt, so gebot der Sachsenkönig, sollte Venedig an Liebreiz übertreffen. Er kam nah ran.

Eine Stadt hat ihren Mythos wieder. Verwundet in der Nacht vom 13. zum 14. Februar vor 60 Jahren, zusammengesackt zwei Tage später, wiederauferstanden 2005. Zu DDR-Zeiten ein Mahnmal. Denn eine Kirche wiederaufbauen im Arbeiter- und Bauernstaat? Wiederbeleben eine Insignie des überwundenen Bürgertums? Nicht mit den gottlosen Genossen. Zwinger und Semperoper - ja, Frauenkirche - nein. Ein Versuch, es doch zu tun, versickerte im Nachkriegschaos, Kirchensteine wurden am Elbufer verbaut oder von Engagierten, so genannten "Mumienräten", in Sicherheit gebracht. Egal: Das Leben hielt sich wacker dort im 13 Meter hohen Trümmerberg. Wären sonst die Birken am Nordwestturm so hoch geschossen? Und die Rosenhecken - in den Achtzigern als Bauzaun-Substitut gepflanzt - so wild gerankt? Die Sorte, rosa mit dunklem Laub, ist heute wieder lieferbar, der Stock für 25 Euro. Ihr Name: "Dresdner Frauenkirche".

Plätze in der Kirche werden ausgelost

Wenn das Gotteshaus nun ein zweites Mal dem Leben übergeben wird, werden auch die Briten da sein, deren Vorfahren damals die Bomben vom Himmel runterkippten. Einer von ihnen, Alan Smith, ist Schmied des neuen Kuppelkreuzes. Sein Credo: Wiedergutmachung. Smith' Vater bombte mit in jener Nacht, das plagte ihn noch Jahre später. Die Leittiere des Aufbaus, Ludwig Güttler und Eberhard Burger, sind grau geworden in 13 Jahren Schufterei. Der Tag der Weihe wird auch ihr Tag sein. Und Vorwürfe wie der zunehmender Eitelkeit proportional zum aufstrebenden Kirchenrumpf werden dann wegschwimmen wie Treibsand in der Elbe. Sie haben Großes hier geleistet. Stiftungschef Burger bestand auf Spender und Dresdner bei diesem Weihe-Fest, nicht abgehalten werden sollten die von den Sicherheitssperren für Staatsoberhäupter. Um der Gerechtigkeit willen wurden die Plätze in der Kirche ausgelost. Es sind 1800.

Wo sitzt der Bundespräsident, wer ist zuerst dran auf der Redeliste? Dann noch die Festakt-Durchgangsproben, mit Stoppuhr und Komparsen. Wie lange wird was dauern? Ansprachen, Orgelspiel, Applaus? 600 Journalisten sind akkreditiert, aus aller Welt, ganz dicht ran dürfen nur ZDF und MDR. Ob auch im Steigenberger - noch im Rohbau - TV-Stationen in Stellung gehen, ist topsecret. Strategisch günstig steht es ja.

Nie hat ein Bauwerk so die Massen umgetrieben, Manager und Kinder, Omas und Nobelpreisträger. 13.000 Unterstützer in 23 Ländern. Und Freundeskreise in der ganzen Welt. Sie gaben Geld, manche ihr Erbe, sie buken Brote mit Frauenkirchengrundriss. Und brachten fast zwei Drittel Aufbaukosten auf, mehr als 100 Millionen Euro.

Ernst Hirsch, Jahrgang 1936, Zeitzeuge und Dresdner Langzeit-Dokumentar der Aufbauarbeiten, klaubte als junger Mann ein Weintraubenrelief mit Goldresten vom Trümmerberg - zu Baubeginn brachte er es wieder. Jetzt schweift, wann immer er den Innenraum der Kirche betreten wird, sein Blick hoch an die rechte Ecke des Altars - da hängt das Stück mit einer neuen Haut aus Gold.

"Die Kürsche wor een Schmäckerschen"

Die Bauarbeiten - manchmal Märchen, meistens Krimi. Und Recycling-Großprojekt: 43 Prozent der alten Steine wurden dem Neubau transplantiert. Bei den Räumungsarbeiten förderten Enttrümmerer auch Unerwartetes zu Tage: Neben Begehrlichkeiten wie altem Kuppelkreuz, Christusfigur und Grabstatt des ersten Kirchenbaumeisters George Bähr auch Filmrollen des Reichsluftfahrtministeriums und - mit komplettem Inhalt - die Besenkammer der Kirchen-Zugehfrau. Teppichklopfer, Luntenhalter, Schrubber, Scheuerlappen - alles da und bestens konserviert. Selbst ihre Schuhe. Ein Einsatzort für deutsche, vor allem einheimische Firmen, war die Baustelle am Neumarkt, ein Einmaligkeitsprojekt für Tischler, Schweißer, Zimmermänner. Manch einer kann noch nicht glauben, dass nun Schluss ist.

"Die Kürsche wor een Schmäckerschen", resümiert man melancholisch. Väter und Söhne schreinerten und restaurierten hier gemeinsam und häuften so Erzählstoff fürs Familienalbum an. Neben sinnlichen Details (Gestühl aus Tannenholz, Innenraum-Farbe aus Firnis, Eidotter und Leinöl), sickerten auch kuriose ins neugierige Publikum: ein Klohäuschen am Kuppelrund für höhenmutige Bauarbeiter musste befestigt werden (temporär), und eine "Taubenvergrämungsanlage" (stationär) an Fensterbänken und Gesimse. Taubenkot und Wasser - in ihrer Allianz die Ätzkraft von Salzsäure besitzend - sollen der Schönen nicht die jungfräuliche Haut versauen.

Nicht immer flutschte es am Bau wie auf dem Spendenkonto: In 13 Jahren gab's auch Hin und Her. Kuppel- und Orgelstreit, Sandstein statt Beton, modifizierte Orgel statt Silbermann-Kopie. Dann klangen noch die ersten Glocken schief im Ton, zu opulent der Zierrat auf der Glockenhaut, sie mussten neu gegossen werden. Bei allem behielt die Oberhand: Baudirektor Burger. Auch der Altar, herausgeschält aus den Ruinen, generierte einen Meinungsstreit: Als Mahnmal belassen oder restaurieren? Er wurde wiederhergestellt.

Merchandising-Maschinerie rattert

Allezeit zum Mitreden bereit: der Bürger. Schließlich ist und war es seine Kirche, schon beim ersten Mal. Auch zwischen 1726 und 1743 brachte er das meiste Geld auf für das Gotteshaus. Also wenn schon Wiederaufbau, bitte richtig. Müssen Fahrstuhl, Toiletten und Garderobe sein? Wird das Ganze dadurch nicht zu museal? In den Lokalzeitungen kriegt über die Jahre jedes Frauenkirchen-Fitzelchen seinen Raum. Zeitzeugen werden vernommen, ihre Hochzeitsfotos mit Frauenkirche abgedruckt. "Steinpaten" finden ein Forum für ihre Euphorie genau wie Trümmerfrauen, die sauer sind: Nicht alle Bomben-Betroffenen und Aufbau-Involvierten werden einen Platz im Kirchenschiff zur Weihe finden. Wo Licht ist, ist auch Schatten.

Anfang des Jahres noch was: Der Aufstieg in die Kuppel schien bedroht. Zu viele Besucher traten ihn mit Schlappen an - Rutschgefahr beträchtlich. Weil trotz Ermahnung auf der Stiftungs-Website weiterhin Leute ohne festes Schuhwerk erscheinen, hat man jetzt "Riemchen" angeschafft, eine Sonderanfertigung extra fürs Frauenkirchen-Publikum. Patente Kirchenführer sind mit dem Fußhalfter behilflich. Der Blick dann von der Aussichtsplattform - eine Wucht. Und nicht mehr, wie zu DDR-Zeiten, getrübt von Nebelschwaden anrainender Chemie. Die Elbe sauber, die Luft klar - wann konnte man denn früher die Sächsische Schweiz erspähen?

In der Frauenkirchen-Galerie gleich nebenan liegen nicht Cents im Spendenkasten, sondern Scheine. Und Nippes sieht man kaum, alles edel, alles teuer. Seidentücher, kreiert von der Ex-First-Lady Biedenkopf, Zinnteller, Radierungen, feine Gesangbücher im Schuber. Die Merchandising-Maschinerie rattert bis heute. Größter Clou über die Jahre: Die Uhren mit einem 0,04-Gramm-Frauenkirchen-Sandsteinkrümel. 17 Editionen, alle gut verkauft. Und sichtbar an Handgelenken in der ganzen Welt und bei den Stiftungsvorderen.

"Endlich zu Hause!"

Gänzlich zu klären wird nach der Weihe noch die Frage sein: Wie sieht der Kirchen-Alltag aus? Wird sich eine Gemeinde etablieren? Kann man mitten im Touristenrummel andachtsvoll den Gottesdienst abhalten? Hochzeiten und Taufen sind nun wieder möglich, schon jetzt stehen die Telefone im Pfarramt nicht mehr still. Und weil Versöhnung das große Karma dieser Kirche ist, offerierte Ludwig Güttler kürzlich dies: Hier könnten sich doch Israelis und Palästinenser treffen, Zerstrittene, Kriegsgegner, Kombattanten. Dresden und seine Frauenkirche als Head Office der Friedensbewegung dieser Welt. Inklusive musischer Grundversorgung, die ist natürlich Pflichtprogramm: Orgelandachten, Sonntagsmusiken, Matineen.

"Da ist eine Stimmung, der man sich nur schwer entziehen kann. Eine Heiterkeit. Ein Leuchten", sinnierte vor einem Jahr die Sächsische Zeitung mit Blick auf Dresdens Neue. Der Sachse von der Elbe - so ist anzunehmen - würde es anders sagen, griffiger. So wie jene alte Dame, die 2000 dem MDR im unfertigen Kirchenschiff Rede und Antwort stand. Nach einem Konzert seufzte sie tief und innig: "Endlich zu Hause!" Ihr Blick ging dabei hoch ins Kuppelrund. Ganz ohne Tränen.

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