Fotostrecke

Kanada: Ein Bummel durch das kreative Edmonton

Foto: Bettina Hensel

Crowdsourcing-Projekt in Kanada "Ein Liebesbrief an Edmonton"

Ein kurzer Verriss in einem Reiseführer löste in Edmonton Empörung aus. Daraus wurde ein kreatives Crowdsourcing-Projekt, das die liebenswert-verrückten Seiten von Albertas Hauptstadt aufdeckt.

Steile Zickzackwege führen durchs Dickicht zum "End of the World". So heißt die graffitibemalte Stützmauer, die einer der beliebtesten Aussichtspunkte von Edmonton und das Überbleibsel einer ehemaligen Straße ist. Jetzt am Abend lassen viele junge Leute ihre Beine über dem Abgrund baumeln, sie genießen bei Sonnenuntergang den Blick auf das Flusstal. Noch ist der Aufenthalt illegal, das marode Gemäuer gilt als unsicher.

Das "Ende der Welt" ist einer der Insider-Tipps auf der Karte von Vikki Wiercinski . "Edmonton! Es ist gut hier" steht in Versalien auf dem Plan, den die 34-jährige Grafikdesignerin entworfen hat. Er ist mehr als eine Art Reiseführer für die Hauptstadt der kanadischen Provinz Alberta - er ist ein Protest gegen den Verlag Lonely Planet. 2017 erschien dort ein Kurzverriss , der bei vielen Einwohnern Verstörung und Wut auslöste.

Fotostrecke

Kanada: Ein Bummel durch das kreative Edmonton

Foto: Bettina Hensel

Bis auf ein paar Museen, das Trendviertel Strathcona mit seiner Herzmeile Whyte Avenue und das Fringe Festival, das zweitgrößte Kulturfestival der Welt, fand der Autor im einleitenden Kurzessay wenig Entdeckenswertes an der "frigidly cold" Hauptstadt Albertas, über die man wohl mehr auf der Wirtschafts- als der Reiseseite der Zeitungen lesen könne. Sogar der Bürgermeister Edmontons beschwerte sich über diese Rezension auf dem News-Kanal CBC  und bot eine persönliche Stadtführung an.

Auf den ersten Blick ist Edmonton tatsächlich kein Schmuckstück. Die Millionenmetropole, in deren Mitte ein breites Flusstal liegt, wirkt mit ihrer weit verzweigten Infrastruktur wie ein Mini-Los-Angeles mitten in der kanadischen Prärie. Und in der Tat: Touristen reisen oft schnell weiter zu den ein paar Autostunden entfernten berühmten Nationalparks wie Jasper oder Banff.

"Wer als Reisender unter der Oberfläche buddelt, entdeckt hier sehr viele wunderbare Orte. Wir sind kein Provinznest," sagt die Künstlerin mit dem modischen Pilzkopf, "die Kritik war sehr vereinfacht." Sie schlendert durch den Borden Park und zeigt zwei weitere der Karten-Insider-Tipps: den verspiegelten Pavillon GH3 und die begehbare Skulptur des US-Künstlers Marc Fornes. Auf sozialen Netzwerken bot sie an, einen "besseren Job als Lonely Planet zu machen". Einen "Liebesbrief an Edmonton" zu schreiben.

Vikki Wiercinski im Borden Park

Vikki Wiercinski im Borden Park

Foto: Bettina Hensel

Auf einer Crowdsourcing-Seite lud die Designerin dazu ein, an einer Karte mit den schönsten Orten Edmontons mitzuwirken. Die Resonanz war riesig: "Ich bekam Hunderte Antworten, sodass ich gar nicht mehr mit dem Lesen hinterherkam." Darunter: skurrile Kunsttipps wie die übereinandergestapelten Luxuslimousinen auf einem Schrottplatz.

Straßenschlittschuh beim Deep Freeze Festival

An diesem Sommerabend im August radeln Mountainbiker durchs Gebüsch am breiten North Saskatchewan River, der die Stadt teilt. Auf einem Gummitier am "Accidental Beach" schippern Teenager durchs flache Wasser. Der Strand heißt so, weil er "aus Versehen" entstanden ist - durch den angespülten Sand einer Baustelle.

Das Zufällige, Improvisierte macht den Charme dieser Stadt aus. Und der unbedingte Wille der Bewohner, auch bei widrigen Witterungsverhältnissen Spaß zu haben. Fast sieben Monate im Jahr ist es in Edmonton kalt, mit Temperaturen von bis zu minus 30 Grad Celsius. "Im Winter sind wir kreativ", sagt Wiercinski, "und den kurzen Sommer nutzen wir, um draußen zu sein. Oder um auf Festivals zu gehen." Etwa 40 davon gibt es in der "Festival City", wie Edmonton auch genannt wird. Zu den bekanntesten zählen das Folk und das Fringe Festival.

Künstlerin Christy Morin

Künstlerin Christy Morin

Foto: Bettina Hensel

Christy Morin ist die Gründerin des Deep Freeze Festivals . Die 48-jährige Künstlerin und Theaterwissenschaftlerin sitzt in ihrem bunt bemalten Künstlercafé und Vierteltreff The Carrot . "Wir sind verrückt genug, auch bei minus 20 Grad ein Festival zu veranstalten", sagt die Frau mit den rotblonden Haaren. Ihr Handy klingelt alle paar Minuten, während sie Videos von den Festivals auf ihrem Laptop zeigt: Im Januar flitzen Edmontonions mit Schlittschuhen über die breite 118 Avenue NW im Nordwesten der Stadt, Künstler bauen Eisskulpturen und geben Konzerte.

Morins Festivals - neben dem Deep Freeze auch das Kaleido Family Arts Festival  - haben das Viertel an der Alberta Avenue verändert. "Wir wollten das Viertel mit Kunst heilen", sagt Morin, die mit ihrem Mann vor 25 Jahren in die 118th Avenue gezogen ist. Nur hier konnte sich das junge Paar zu jener Zeit ein Haus leisten. "Damals standen drei Sexarbeiterinnen an jedem Block, es wurde viel mit Drogen gehandelt", sagt Morin.

Aus dem Ramschladen um die Ecke ist inzwischen ein Laden für Tanzzubehör geworden, die Spirituosenläden sind Restaurants gewichen, und Instagramer pilgern zu den vielen versteckten Wandgemälden. "Rund um die Avenue leben mittlerweile die meisten Kunstschaffenden von Edmonton," sagt Morin. Darauf ist sie stolz.

Community finanziert Graffiti

So wie das Viertel um die Alberta Avenue wird auch Downtown gerade wiederbelebt. Rund um die Art Gallery und das Eishockey-Stadion "Rogers Place" , das aussieht wie ein zwischen Hochhäusern gelandetes Ufo, eröffnen Restaurants wie die asiatische Fusion-Küche Baijiu oder die mexikanische Tres Carnales Taqueria. Während in den Achtzigerjahren viele junge Menschen noch so schnell wie möglich raus aus der Stadt wollten, bleiben sie heute hier oder kommen zurück.

Barista Luke Collie

Barista Luke Collie

Foto: Bettina Hensel

"Edmonton ist ein verstecktes Juwel für Gründer. In Städten wie Calgary oder Vancouver ist der Markt schon zu gesättigt", sagt Luke Collie. Der 35-Jährige ist Barista im Holy Roller , das letztes Jahr im Strathcona im Süden der Stadt eröffnet hat. Gegen zwölf Uhr sind beide Räume noch leer gefegt. Er selbst sei aus Vancouver in die Stadt gezogen, weil hier Experimente im kulinarischen Sektor boomen. "Ich fühle mich hier wie Bogart in Casablanca", sagt der Mann mit dem Dreitagebart und den schwarzen Ohrringen und serviert Zimt-Schokolade-Tonkabohnen-Kaffee mit einem Schuss Espresso.

Das Holy Roller ist ein Mix aus Café und Cocktailbar mit dem Flair von Miami Vice, Kuba und Marokko: Kaugummiautomaten, Retrosofas und altertümliche Kronleuchter, an der Wand das Bild eines Arbeiters aus Detroit, der aus einer Colaflasche mit dem Etikett "Capitalism" trinkt. Die Kreativität, mit der sich hier Künstler ausgetobt haben, hat sich der Besitzer in den Laden geholt: der kanadische Filmregisseur Michael Maxxis.

Gleich nebenan liegt sein zweites Restaurant: das mexikanische El Cortez. Die Gäste können dort auf der Terrasse das größte Wandgemälde Edmontons bestaunen, das der spanische Künstler Okuda San Miguel geschaffen hat. Rund 120.000 Dollar wurden für die Finanzierung des sechs Stockwerke hohen Bildes, einer geometrisch-bunten Kreuzung aus Tier und Mensch, in der Community gesammelt.

Edmonton ist eine Millionenstadt mit der Mentalität einer Kleinstadt. "Hier unterstützen sich alle gegenseitig", sagt Designerin Vikki Wiercinski, "es gibt eine Underdog-Mentalität. Viele wünschen sich, dass dieser Ort leuchtet."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.