EM-Stadtporträt Schräg, schräger, Zürich

Fußball gucken im "Letzi", Feiern im ehemaligen Arbeiterviertel, Chillen an der Uferstraße: Zürich empfängt zur EM seine Besucher mit einem quirligen Nachtleben. Der Westen der Stadt ist Heimat vieler Künstler, Techno-Fans und pfiffiger Existenzgründer.


Zürich - Zürich galt lange Zeit als gediegen - vorsichtig formuliert. Im Vergleich zu London oder Paris war die größte Stadt der Schweiz geradezu verschnarcht. "In den fünfziger Jahren gab es nur ein paar Bars, die überhaupt bis zwei Uhr nachts auf hatten, und nach Mitternacht durfte man nicht mehr sitzen", erzählt Stadtführerin Evelyne Marti.

Heute ist das anders. "Es gibt es 500 Restaurants, die bis zum frühen Morgen öffnen dürfen", sagt Marti. Und Zürich beansprucht, die höchste Dichte an Clubs der Schweiz zu haben. Zur Streetparade, dem Schweizer Raver-Spektakel, kommen fast eine Millionen Techno-Fans, und die Schwulen- und Lesbenszene hat ebenfalls den Ruf, langeweilefreie Zone zu sein.

Multikulti-Flair in Zürich-West

Eines der neuen In-Viertel ist Zürich-West. Hier lässt sich der Wandel an jeder Ecke sehen. In dem alten Arbeiterquartier prägten Schornsteine und Fabriken jahrzehntelang das Bild. Heute sind in viele alte Industriegebäude Clubs, Lounges und Restaurants wie das "Les Halles" eingezogen, die auch mal schräger sein dürfen als sonst üblich: Von den Stühlen um die Tische sieht hier keiner aus wie ein zweiter, und in der Mitte des Restaurants wird Billard gespielt. Einige Ecken von Zürich-West sind ausgesprochen schick geworden: Manche frühere Fabrik beherbergt heute Luxuswohnungen, die noch ein bisschen teurer sind, als sonst schon - Zürich setzt auch in dieser Hinsicht Maßstäbe. Eine alte Seifenfabrik beherbergt heute hippe Lofts - die 150 Wohnungen waren schon vor Beginn des Umbaus vermietet. Das Viertel ist ziemlich multikulti: "Fast die Hälfte der Bewohner kommt aus dem Ausland", sagt Marti. Und auch Künstler und junge Kreative fühlen sich in Zürich-West wohl.

Die ehemalige Löwenbräu-Brauerei lohnt einen Abstecher. Dort sind jetzt Galerien und ein Kunstmuseum zu Hause. Auch die Gebrüder Freitag produzieren in Zürich-West. Noch als Studenten kamen die beiden auf die Idee, aus alten Lastwagenplanen Taschen zu schneidern: die Schlaufen aus alten Sicherheitsgurten, die Nähte aus kaputten Fahrradschläuchen - Recycling auf die kreative Tour. Längst sind die Umhängetaschen Kult und in ganz Europa zu haben.

Leinwand mitten im See

Die Wege in Zürich sind kurz - dafür sorgt auch die Tram. Zürich rühmt sich, das dichteste Netz des öffentlichen Nahverkehrs der Welt zu haben - mindestens. Die Tram fährt im Fünfminutentakt und bringt Fußballfans auch zum Stadion Letzigrund. Die Zürcher haben sich nicht lumpen lassen: Es ist so gut wie neu und selbstverständlich schick. Zürich ist in der komfortablen Lage, gleich zwei respektable Fußballclubs zu haben: den FCZ und die Grasshoppers. "Beide Mannschaften haben ihre Heimspiele im neuen Stadion", sagt Oliver Guggisberg von Zürich Tourismus. Beim Tag der offenen Tür im vergangenen September stürmten 25.000 Besucher die Tribünen und Spielergarderoben - noch 5000 mehr haben hier bei Fußballspielen Platz. Köbi Kuhn, Schweizer "Nati"-Trainer, verteilte Autogramme, und alle waren zufrieden.

Das neue Stadion gehört aber nicht nur dem Fußball: Auch Leichtathletik-Veranstaltungen gibt es hier. "Bei Open-Air-Konzerten haben sogar 50.000 Gäste Platz", sagt Guggisberg. Gekickt wird während der Fußball-EM im "Letzi"-Stadion, gefeiert in der Innenstadt, die zu Fuß in gut einer halben Stunde zu erreichen ist. Dort sind die offiziellen Public-Viewing-Plätze. Zürich hat in dieser Hinsicht gute Voraussetzungen. Eine Public-Viewing-Zone gibt es auf der Sechseläutenwiese beim Opernhaus. Die Fanzone folgt dem Zürichsee entlang dem Utoquai der Bellevuestraße, wo ebenfalls eine Großleinwand installiert wird. Die dritte Leinwand steht direkt im See. Viel schöner kann man nicht Fußball gucken.

Schwäne und Metallgiganten

"Hier war auch zur WM 2006 richtig was los", sagt Oliver Guggisberg. "Und jetzt, wo wir Gastgeber sind, können wir das noch toppen." Die Uferstraße ist ein bevorzugtes Ziel für Spaziergänger. Viele Jüngere kommen zum Chillen in der Nachmittagssonne. Weiße Schwäne schwimmen hier gemächlich über das Wasser und gucken interessiert einem betagteren Mann zu, der sich langsam bis auf die Badehose entkleidet und in den See hechtet - Baden gehört zum Alltag. Zürich beansprucht sogar, die höchste Bäderdichte der Welt zu haben, allein 18 See-, Fluss- und Freibäder gibt es in der Stadt.

Die Fanzone entlang zu bummeln, würde sich schon lohnen, wenn es keinen Fußball gäbe: Der Blick auf den Zürichsee ist kaum irgendwo besser. Und es gibt noch einiges mehr zu sehen: Henry Moores überdimensionale Skulptur "Sheep Piece" steht am Ufer, ein Stück weiter in Richtung Zürichhorn auch Jean Tinguelys Maschine "Heureka", ein Metallgigant wie aus einem Science-Fiction-Film. Auf der Wiese vor dem Chinesischen Garten, den Zürich von seiner Partnerstadt Kunming geschenkt bekommen hat, treffen sich nachmittags die Frisbeespieler.

Auch der Chinesische Garten selbst lohnt einen Besuch: Kleine Inseln, Brücken und mehrere Pavillons bilden dort eine chinesische Landschaft nach - ideal zum Entspannen. Wer nicht zurücklaufen will, der sollte am Zürichhorn in eines der Schiffe steigen, die regelmäßig in die Innenstadt zum Limmatquai fahren. Das ist zum einen nicht teuer, zum anderen ein Erlebnis - und man sieht die Stadt noch einmal aus einer anderen Perspektive.

Kunst, Kirchen, Konsumtempel

Der Limmatquai ist der ideale Ausgangspunkt für einen Abstecher in die Altstadt. Wer viel Zeit mitbringt, kann allein dort Tage verbummeln - zwischen dem Fraumünster mit seinem prägnanten Turm samt spitzem Helm und den beeindruckenden Glasmalereien von Marc Chagall, den Zunfthäusern an der Limmat, St. Peter, dem Wahrzeichen der Stadt mit riesigen Zifferblättern an der Turmuhr, der Sternwarte, den vielen Brunnen und dem ehemaligen römischen Kastell. Von den 50 Museen der Stadt - Schweizer Rekord - mal ganz zu schweigen.

EM-Touristen sollten nach dem Spiel jedenfalls nicht übereilt ins Hotel fahren - das wäre schade. Keine Stadt der Schweiz bietet so viele Möglichkeiten, den Sieg des favorisierten Teams zu feiern - oder tragische Niederlagen zu vergessen. Viele Adressen, die dafür in Frage kommen, gibt es gleich in Bahnhofsnähe, wo eine der bevorzugten Kneipen von Oliver Guggisberg zu finden ist.

Englisch ist Alltagssprache

Guggisberg lehnt am Tresen des "Nelson Pub" in der Beatengasse und grüßt gleich in mehrere Richtungen. Mit dem Kellner, der gerade Bier zapft, spricht er Englisch. Das ist hier nichts Ungewöhnliches: Das Personal ist so international wie die Gäste. Und vor allem für Fußballfans ist der "Pub" ein idealer Anlaufpunkt - schon wegen der ansehnlich großen Leinwände. Es gibt wenige Spiele, die hier nicht zu sehen sind, vorausgesetzt sie werden überhaupt übertragen. Und das gilt nicht nur für Fußball, sondern auch für Cricket oder Rugby.

Eins ist so gut wie sicher: Wer sich für die EM interessiert, findet hier Gesprächspartner. Und falls die Lust auf Diskussionen über Schiedsrichterentscheidungen irgendwann vorbei ist: Der DJ im "Nelson" kennt noch ein paar Alternativen. Eine Tür weiter ist das "Lady Hamiltons", wo Fußballfans sich etwas gediegener vergnügen können - 22 Biersorten und etliche Malt Whiskys inklusive. Falls Bedarf besteht, die Nacht durchzufeiern - einfach am Tresen fragen, Gelegenheiten gibt es mehr als genug. Und Tipps gibt es gratis.

Andreas Heimann, dpa



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