Empire State Building Zum Geburtstag gehen die Lichter aus

Das Empire State Building wird morgen 75 Jahre alt. Kein anderer Wolkenkratzer regt die romantische Phantasie der Menschen so an wie das höchste Gebäude Manhattans. Nur die New Yorker selbst scheren sich wenig drum.

Von , New York


New York - Zum 75. Geburtstag hüllt sich die Jubilarin ins Dunkel. Die 1556 Halogen-, Neon- und Natriumdampfleuchten, die die Spitze des Empire State Buildings allabendlich anstrahlen, bleiben an diesem Wochenende aus. Zur Erinnerung daran, so hat das Management beschlossen, "wie die Skyline aussah, bevor das Empire State Building eröffnet wurde".

Na gut. Auch ohne ihr 443,2 Meter hohes Art-Deco-Wahrzeichen ist Manhattans Skyline heute natürlich keineswegs mehr dieselbe wie damals, vor dem 1. Mai 1931. Oft scheint es einem hier ja sogar, als ändere sich die Silhouette der Stadt buchstäblich über Nacht.

Und doch, das Empire State Building sticht heraus. Nicht nur, weil es seit dem Fall des World Trade Centers am 11. September 2001 wieder Manhattans höchster Bau ist. Sondern auch, weil es bis heute keinen Wolkenkratzer gibt, der die romantische Phantasie so anregt - obwohl er, als Hollywood-Klischee und Touristenfalle verschrien, von den New Yorkern selbst möglichst gemieden wird.

Aberwitziges Wettrennen

Früher stand hier mal eine Farm. 1799 war das, da bezahlte John Thomson der Stadt 2600 Dollar für acht Hektar Acker, noch weit nördlich des besiedelten New York. 1827 schnappten sich die Söhne des Kaufmanns John Jacob Astor, des ersten Millionärs der USA und Patriarchen der Astor-Dynastie, das Land. 20.500 Dollar bezahlten sie inzwischen dafür. Erst bauten sie hier zwei Anwesen für ihre flotten Feste, dann zwei Hotels, die schließlich zum legendären Waldorf-Astoria verschmolzen.

Drei Jahrzehnte lang tobte im Waldorf-Astoria an der Ecke von Fifth Avenue und 34th Street die High Society. Dann wurde das Haus für gut 20 Millionen Dollar an eine Ingenieursfirma verkauft, die es 1929 abriss. (Das jetzige Waldorf-Astoria entstand an der Park Avenue.)

Hinter dieser Ingenieursfirma steckte John Jakob Raskob, der Gründer des Autokonzerns General Motors. Der hatte sich mit seinem Erzrivalen Walter Chrysler auf ein aberwitziges Wettrennen eingelassen: Wer errichtet den höchsten Wolkenkratzer in New York City?

Raskobs Pyrrhussieg

Chrysler hatte bereits 1928 an der Lexington Avenue mit dem Bau des Chrysler Buildings begonnen, seiner neuen Konzernzentrale. Das sicherte sich im Mai 1930 mit 318 Metern den Titel des welthöchsten Bauwerks - mittels einer 58 Meter hohen Turmspitze aus Nirosta-Stahl, die heimlich im Inneren konstruiert und dann unter großem Trara ausgefahren worden war.

Raskobs Konkurrenzbau begann im Januar 1930, mitten in der Depression. Ein Heer von bis zu 3000 Arbeitern trieb das Projekt voran; pro Woche zogen sie viereinhalb Stockwerke hoch. Schon im November 1930 stand das "achte Weltwunder": 103 Etagen, 73 Aufzüge, 1860 Treppenstufen, 6500 Fenster, Baukosten 24.718.000 Dollar - ein Spottpreis, der heute von vielen Apartmentpreisen hier übertroffen wird. Am 1. Mai 1931 drückte US-Präsident Herbert Hoover in Washington auf einen Knopf, und die Spitze des Skyscrapers erstrahlte im Licht. Das Empire State Building war eröffnet.

Samt Zierspitze und Blitzableiter war es 125 Meter höher als das Chrysler Building. Raskob triumphierte. Doch es war ein Pyrrhussieg.

Krone abgetreten

Wegen der Depression und der nicht gerade günstigen Lage fand man jahrelang kaum Mieter. Schnell hatte das Empire State einen Spitznamen: "Empty State Building." Auch die Idee, an der Spitze Zeppeline ankern zu lassen, fiel flach: Die Aufwinde waren zu stark.

Schließlich kamen die Mieter - und das Unglück. Am 28. Juli 1945 raste ein B-25-Bomber im Nebel zwischen dem 79. und 80 Stock in die Nordseite des Empire State und explodierte. Der Einschlag riss ein fünf mal sechs Meter großes Loch in die Fassade, das Haus erbebte, doch die Struktur hielt. Drei Flugzeuginsassen und elf Menschen in ihren Büros kamen ums Leben. Die Aufzugführerin Betty Lou Oliver stürzte in ihrem Aufzug 75 Etagen tief ab und überlebte. Dafür steht sie bis heute im "Guinness Buch der Rekorde".

1972 trat das Empire State die Krone des höchsten Gebäudes der Welt ans World Trade Center ab. Dabei wäre das fast vereitelt worden: Ein - schnell verworfener - Plan des ursprünglichen Architektenbüros sah vor, dem Bauwerk elf moderne Stockwerke aufzusetzen.

Magisches Manhattan

Weltbekannt wurde das Empire State durch über 90 Hollywood-Filme. "King Kong" - das Original von 1933 und das Remake von 2005 - erlebte auf der Spitze sein dramatisches Finale, in "Schlaflos in Seattle" fanden Meg Ryan und Tom Hanks hier zueinander, in "Independence Day" wurde es von Außerirdischen zerstört.

Die Farben, in denen das Empire State Building abends bis Mitternacht erstrahlt, wechseln nach einem peniblen Ablaufplan. Zum Beispiel Rosa (Valentinstag), Lila (Gay Pride), Grün-Blau (Earth Day), Geld-Weiß (Ostern), Rot-Grün (Weihnachten), Gold (Oscar-Verleihung), Blau-Weiß-Rot (Bastilletag) - und Schwarz-Rot-Gold, zur deutschen Einheit. In den Wochen nach 9/11 blieb das Empire State, auf Bitte der Bergungsarbeiter an Ground Zero, die ganze Nacht über bis zum Morgengrauen angestrahlt - in den Nationalfarben Blau-Weiß-Rot.

Rund 3,5 Millionen Besucher im Jahr drängeln sich heute auf den zwei Aussichtsplattformen. Neulich nahm eine deutsche Touristengruppe dazu noch spätabends gerne fast zwei Stunden Wartezeit in Kauf. Oben erwartete sie das magische Manhattan bei Nacht: schimmernde Lichter bis zum Horizont, eine kühle Brise, gedämpfter Verkehrslärm - eine Magie, die die New Yorker selbst viel zu selten erleben.



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