Essensparadies Shanghai Im Palast von Meister Fu

Wer in Shanghai gut essen will, geht in die Zhapu Lu. Denn nirgends ist man in der "Stadt überm Meer" dem Ozean näher als in der Straße der Fischlokale. Ein guter Koch verdient hier so viel wie ein Fabrikchef - zumindest, wenn er solche Köstlichkeiten zaubern kann wie Herr Fu im "Dynasty".

Corbis

Von "Mare"-Autor Robert Zsolnay


Frühmorgens trägt die Rushhour in der Zhapu Lu die Farbe Weiß. Dann, wenn Schwärme bemützter Köche zur Arbeit schreiten und das Rot der Hafenmädchen ablösen, die nach einer langen Nacht in den Massage- und Friseursalons der umliegenden Straßen auf Highheels durch die Morgenfrische klackern.

Meister Fu Cheng betritt das "Dynasty" durch ein palastartiges Portal: Ionische Säulen aus Granit zieren die Fassade des Restaurants, golden leuchten die Kapitelle. Das Schaufensteraquarium wartet um diese Zeit noch auf Bewunderer, lediglich ein Müllwagen steht davor und vertilgt mit seiner Presse schmatzend die Speisereste des Vorabends.

Die Zhapu Lu ist dem Essen gewidmet, der Lieblingsbeschäftigung der Shanghaier. Sie ist sechs Kilometer lang und reicht bis fast an den Bund, die koloniale Prachtmeile der Hafenstadt. Bereits in den zwanziger Jahren vergnügten sich hier, wo 1907 das erste Kino im Reich der Mitte öffnete, auch viele Ausländer: Portugiesen, Japaner, Amerikaner, Russen und Inder. Zu einer maritimen Meile wurde die Zhapu Lu aber später. Erst in den dreißiger Jahren kamen mit der japanischen Invasion die Fischlokale.

Kein Fisch für Kommunisten

Damals zählte der Stadtteil Hongkou rund 30.000 Japaner. Sie errichteten in der Zhapu Lu einen taoistischen Tempel und bestückten die Märkte und Läden mit Fischen und Meeresfrüchten. Allerdings hielt das Schwelgen nicht lange an. Mit den Kommunisten zog der Mangel ein; die meisten Lokale mussten schließen, Maos Volk hatte damals kein Geld für den teuren Ozeanfang.

Das ist heute anders. Es blubbert und rauscht in Fus Reich. Wenn der Chefkoch die Stätte seines Wirkens betritt, sind die rund 50 Becken im Parterre bereits gefüllt. Skorpion- und Falterfische kreisen um Korallen, Riffhaie schrubben am Schaufenster. Der Ozean ist nah in der Zhapu Lu und doch so fern. Gut eine Stunde fährt man auf dem Huangpu, vorbei an einem Gebirge aus Wolkenkratzern, ehe sich Jangtse und Meer vereinen.

Allerdings ist in den Fanggründen kaum noch was zu holen: Alljährlich gelangen ein paar Dutzend Milliarden Tonnen Abfälle in Chinas Lebensader. Viele Fischarten sind verschwunden. Die meisten Tiere in Fus Bassins stammen daher aus dem Ausland. Der Steinbutt aber nicht - "Fisch der vielen Kostbarkeiten" genannt, weil seine Form einer traditionellen Schmuckschatulle gleicht.

Verdienst wie ein Fabrikchef

Seit fünf Jahren arbeitet Fu als Chefkoch im "Dynasty". Ein Meister seines Faches wie er kann so viel verdienen wie ein Fabrikdirektor. Am Kaiserhof zählte das Kochen zu den fünf Künsten, gleichrangig neben dem Dichten, der Tuschemalerei, der Kalligrafie und der Intrige.

Fu ist ein Kind Shanghais, er hat seine Kunst in den Fischlokalen dieser Stadt erlernt. Er ist ein freundlicher Mann und macht keine Geheimnisse aus seinen Rezepten. Nur wenn die bissige Restaurantleiterin naht, wünscht er sich bisweilen, er hätte es auch in einer anderen der kaiserlichen Künste zur Meisterschaft gebracht.

Das "Dynasty" ist beliebt bei Angestellten und Managern, die mittags und abends aus dem nahen Geschäftsviertel am Bund herbeiströmen. "Haben Sie schon gegessen?", lautet eine der gängigen Begrüßungen in China. Beim Speisen werden Geschäfte besiegelt. Fisch bringt Reichtum, glauben die Chinesen, und zu jedem Festmahl gehört mindestens ein Gericht aus dem Meer. Im "Dynasty" läuft das so: Man wählt aus den Bassins im Parterre, bestimmt die Art der Zubereitung, nimmt dann den Aufzug in eine der oberen Etagen und wartet, bis serviert wird.

Buffet im Neonlicht

Jede Mahlzeit in China - ob geschäftlich oder privat - funktioniert nach dem Buffetprinzip. Alle georderten Gerichte, Vorspeise, Hauptgang, Nachspeise, kommen auf einmal auf den Tisch, und jeder greift zu nach Lust und Laune.

Und wenn dann alle bedient sind und die Gäste satt aus den Fenstern des "Dynasty" nach draußen schauen, sehen sie die Zhapu Lu im Neonbunt der Leuchtreklame illuminiert.

Gegenüber, bei Fus Konkurrenz, steigt der Aufzug in einem Glaszylinder die Fassade hinauf wie die Luftblase eines Tauchers. Später, wenn auch die Köche nach Hause gegangen sind, kommt das Schauspiel zum Stillstand. Dann ruhen auch Fus Falterfische. Für kurze Dauer zeugt allein die Bewegung ihrer Kiemen vom Leben in dieser Straße.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
mavoe 28.09.2009
1. Aber ehrlich mal:
Zitat von sysopWer in Shanghai gut essen will, geht in die Zhapu Lu. Denn nirgends ist man in der "Stadt überm Meer" dem Ozean näher als in der Straße der Fischlokale. Ein guter Koch verdient hier so viel wie ein Fabrikchef - zumindest, wenn er solche Köstlichkeiten zaubern kann wie Herr Fu im "Dynasty". http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,647434,00.html
Dieser Laden mag ja ganz schick sein aber es geht doch nichts über die Nachtmärkte in Südostasien. Da kann man sich ohne Reservierung an die Tische setzen und bekommt, neben wunderbarem Essen, auch wunderbare Gesprächspartner. Englisch können die alle irgendwie, und wozu hat man denn auch noch Hände und Füße? Jetzt krieg ich sehnsüchtige Erinnerungen an Orte wie z.B. Chiang Mai (Thailand) bis Ubud (Bali). Oder an das "romantisch"-neonbeleuchtete Chinarestaurant in KL (Malaysia), auch da war das Essen wunderbar. lol Grüße aus der kulinarischen Wüste BERLIN.
dengxiao, 28.09.2009
2. Der Spiegel muss erst einmal richtig Chinesisch lernen
Hai shang wuerde uebersetzt auf dem Meer bedeutet - da die Stadt allerdings Shanghai heisst, bedeutet dies soviel wie auf das Meer hinaus... Ihr lernt das schon, immer weiter dran bleiben, dann klappt es irgendwann!
mavoe 28.09.2009
3. lol
Zitat von dengxiaoHai shang wuerde uebersetzt auf dem Meer bedeutet - da die Stadt allerdings Shanghai heisst, bedeutet dies soviel wie auf das Meer hinaus... Ihr lernt das schon, immer weiter dran bleiben, dann klappt es irgendwann!
海尚 so ungefähr? Google Sei Dank...
Plurali 28.09.2009
4. -
Shanghai hat noch weit mehr auf dem kulinarischen Sektor zu bieten, als die typischen Spezialitäten einer Hafenstadt. Hervorragende indische und japanische Küche, beispielsweise. Allerdings sollte man sich auf den doch sehr gewöhnungsbedürftigen Geruch diverser Sojaprodukte einstellen, der noch aus größerer Entfernung deutlich hervorsticht.
mavoe 28.09.2009
5. hehe
Zitat von PluraliShanghai hat noch weit mehr auf dem kulinarischen Sektor zu bieten, als die typischen Spezialitäten einer Hafenstadt. Hervorragende indische und japanische Küche, beispielsweise. Allerdings sollte man sich auf den doch sehr gewöhnungsbedürftigen Geruch diverser Sojaprodukte einstellen, der noch aus größerer Entfernung deutlich hervorsticht.
...japanische Küche... Kennen Sie auch Nattō? http://de.wikipedia.org/wiki/Natto bin immer wieder begeistert von der Asiatischen Küche. Indische Küche ist da doch, für mich, im Vergleich, eher "Westasiatisch". Europa meine ich.
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