Fallas in Valencia Winterschluss mit Knalleffekt

Wenn der Winter nicht zu Ende gehen will und grauer Schneematsch die Straßen füllt, dann wünscht so mancher die graue Jahreszeit zum Teufel. Die Valencianos tun dies mit Inbrunst und Höllenspektakel: Während der Fallas avanciert Valencia für einige Tage zur lautesten Stadt Europas.

Valencia - Die Zeit vor dem Frühlingsbeginn ist in Valencia nur etwas für Menschen mit sehr geringem Schlafbedürfnis. Denn fünf Tage Mitte März kommt die spanische Hafenstadt Valencia nicht zur Ruhe. Schon morgens ziehen Blaskapellen durch die Straßen und wecken die nach extrem kurzen Nächten noch Müden mit lauter Musik. Kräftige Knallkörper bringen selbst die Alarmanlagen von Autos zum Heulen. Touristen bleiben da nicht verschont.

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Fallas in Valencia: Brandgefährliches Höllenspektake

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"Valencia feiert seine traditionellen Fallas vom 15. bis 19. März", sagt Carmen Frentiu vom Spanischen Fremdenverkehrsamt in Frankfurt. Der Name dieses schon im Mittelalter bekannten Volksfestes geht vermutlich auf den lateinischen Begriff "facula" - Fackel - zurück. "Die Fallas sind das Hauptfest der Stadt und eines der größten Feste in Spanien", stuft der Schriftsteller Rolf Neuhaus das Ereignis ein, Autor eines Buches über Feste in Spanien.

Menschen, die auf Lärm empfindlich reagieren und sich vor Menschenansammlungen fürchten, sollten in den Tagen des Winterabschieds die Stadt besser meiden. Auch Geschäftsleute können die Zeit aus ihrem Terminkalender streichen, denn kaum einer der Partner wird sich so richtig auf das Business konzentrieren. Shoppen gehen kann der Besucher aber wenigstens am Vormittag. "Die Läden haben geöffnet, die Feiern beginnen erst am Nachmittag", sagt Frentiu. Dann aber geht es richtig zur Sache.

Volksfest der Valencianos, kein Touristennepp

An Kreuzungen und auf Plätzen stehen die von den Vereinen gefertigten Fallas. Das sind bis zu 20 Meter hohe, aufwendig gestaltete Figuren aus Pappmaché, umringt von den kleineren Ninots. Etwa 400 solcher Darstellungen mit satirisch-ironischen Motiven säumen die Straßen. Sie erinnern an deutsche Karnevalsallegorien, finden jedoch ein anderes Ende: Zum Schluss des Festes gehen sie in Flammen auf. Vorher sorgen jedoch die Falla-Vereine in ihren Vierteln für Stimmung bis zum Morgengrauen. "Es ist ein Volksfest der Valencianos, der Bewohner der Stadt, für sich selbst und nicht ein auf den Tourismus ausgerichtetes Spektakel", sagt Neuhaus.

In einer Atempause sollte sich der Tourist auf die bunte Geschichte der Stadt besinnen: Griechen, Römer, Westgoten und schließlich die Mauren lebten in Valencia, ehe der legendäre Feldherr "El Cid" die Stadt für die Christen 1094 zurückeroberte. Es folgten weitere Machtwechsel zwischen Christen und Moslems. Die Lage am Mittelmeer machte Valencia schon im Mittelalter zu einem bedeutenden Hafen und einer wohlhabenden Stadt. Viele der Bauwerke erinnern an vergangene Epochen. Mit dem Bau der Kathedrale wurde 1262 begonnen. Vom 68 Meter hohen Glockenturm Miguelete bietet sich ein herrlicher Ausblick. Sehenswert ist auch die Ende des 13. Jahrhunderts errichtete Seidenbörse Lonja de la Seda, ein Unesco-Welterbe, sowie - als Hort der Ruhe - das Kunstmuseum.

Doch bald ist es mit der Ruhe vorbei: Den Auftakt zum kollektiven Nachmittagskrach gibt die "mascletà" auf dem Platz vor dem Rathaus. Pünktlich um zwei Uhr, also knapp vor dem traditionell spät eingenommenen Mittagessen, findet hier das nur wenige Minuten dauernde Höllenspektakel statt. Knallkörper detonieren in einer von Pyrokünstlern jeden Tag neu bestimmten Reihenfolge. Für die beste "mascletà" des Festes gibt es eine Auszeichnung.

Größte Falla wird vor dem Rathaus verbrannt

An zwei Nachmittagen und Abenden finden - als religiöser Höhepunkt der Feiern zu Ehren der Schutzheiligen der Stadt, der "Muttergottes der Schutzlosen" (Virgen de los Desamparados) - Prozessionen zur Kathedrale statt. Blumenopfer werden dargebracht, "gut 50 Tonnen", schätzt Neuhaus das Gewicht die Pflanzen.

"Mitte des 18. Jahrhunderts war das Fest ein einfacher Volksbrauch zu Ehren des Heiligen Joseph", erzählt der Lokalhistoriker Antonio Ariño. "Strohfiguren wurden über Straßen gehängt, darunter errichteten die Einwohner kleine Scheiterhaufen aus brennbarem Abfall." Heute ist die "crema" - die Verbrennung der Figuren - in der Nacht zum 20. März, dem Tag des Frühlingsbeginns, ein Spektakel, das die Brandschützer in Atem hält.

Auf den Straßen und Plätzen gehen alle Figuren in Flammen auf. Um die Hitzeentwicklung unter Kontrolle zu halten, besprüht die Feuerwehr die Umgebung mit Wasser. Die Verbrennung der größten Falla des Jahres findet auf dem Rathausplatz statt. Danach versinkt die Stadt in Stille. Die Straßenreiniger beginnen ihre Arbeit. Bis Valencia im nächsten Frühling wieder zur lautesten Stadt des Kontinents wird.

Von Horst Heinz Grimm, gms