Fischspezialität in Bangkok Kuchen mit Curry

Die Silom Road in Bangkok ist ein heißes Pflaster: tagsüber Banken-, nachts Vergnügungsviertel. Und mittendrin backt Soh Hung seit 25 Jahren ihren Snack aus Fisch, Curry, Eiern und Bohnen. Nur einmal wurde sie zur Pause gezwungen - als Aufständische Gewalt in ihre Straße brachten.

Michael Lenz

Von Michael Lenz


Auf der Silom-Straße herrscht niemals Stille: Tagsüber ist sie eines der wichtigen Geschäftszentren Bangkoks. Nachts, wenn die Bars von Patpong ihre roten Laternen anknippsen und die Bässe in den Diskotheken wummern, wandelt die Silom sich in einen Ort des Vergnügens und des Lasters.

Die Angestellten der Banken und Shoppingsmalls, die Mädels und Jungs, die in Patpong ihrem Gewerbe nachgehen, die Verkäufer, die an ihren Straßenständen kunsthandwerklichen Tinneff und raubkopierte Blockbusterfilme auf DVDs feilbieten, und die Touristen auf der Suche nach Lust und Schnäppchen - sie alle haben eines gemeinsam: Sie haben Hunger.

Auf der Silom aber braucht niemand zu hungern. Die Straße ist ein einziges Garküchenbuffet mit thailändischen Köstlichkeiten von Nudelsuppen mit gefüllten Teigtaschen, über scharfe Currys, quietschbunte Süßigkeiten bis zu frischem Obst wie Ananas oder Mangos. Nicht zu vergessen die kleinen Fishcakes, die Fischkuchen, die ein Snack für den kleinen Hunger zwischendurch sind.

Ein Geheimtipp unter den Ständen ist der von Soh Hung, gelegen in einer schummrige Toreinfahrt zwischen der Shopping Mall Silom Complex und der Convent Road. Der Bürgersteig ist so eng und die Menschenmengen so groß, dass an ein Schlendern und Schauen nicht zu denken ist. Da fällt einem der unscheinbare Fischkuchenstand nicht so ohne Weiteres ins Auge. Aber Kenner der kulinarischen Silom Road zieht es magisch zu der freundlichen, immer zu einem Scherz aufgelegten Soh Hung, deren modische Markenzeichen farbenfrohe Kleider und stets leuchtend rot geschminkte Lippen sind.

50 Cent für fünf Fischkuchen

Soh Hungs Hände stecken zum Schutz vor dem scharfen roten Curry im Fischkuchenteig in durchsichtigen Plastikhandschuhen. Mit einer Hand greift sich die zweifache Großmutter aus einem Topf die Masse, formt ihn mit ein paar wenigen flinken Bewegungen zu einem Küchlein, rund und dünn wie ein Hamburger, und lässt es dann in das siedende Öl gleiten. In der anderen Hand hält sie eine siebartige Kelle, mit der sie die Küchlein im heißen Öl hin und her wendet, damit sie schön gleichmäßig ausgebacken werden.

Die Antwort auf die Frage, warum sie sich auf Fischkuchen spezialisiert hat, ist überzeugend einfach: "Ich mag die." Das ist ein guter Grund, denn was man selber gerne isst, kocht man auch für andere gut. Aber die smarte Kleinunternehmerin hat auch einen Sinn für ein gutes Geschäft. "Auch Muslime dürfen Fisch essen, und ich wollte einen breiten Kundenstamm", sagt sie lachend.

Ihre Fröhlichkeit täuscht nicht darüber hinweg, dass sie auch sehr resolut sein kann. Ungerechtigkeiten können die Mutter von zwei Kindern auf die Palme bringen. Deshalb macht es sie auch ärgerlich, wenn so mancher Thai von Ausländern, den Farangs, für seine Waren einen höheren Preis verlangt als von seinen Landsleuten. "Bei mir zahlen alle den gleichen Preis." Nämlich 20 Baht (50 Cent) für fünf Fischkuchen und den süß-scharfen Gurkendip Ajard.

Seit 25 Jahren backt die heute 61-Jährige tagsaus tagein die kleinen Küchlein aus fein püriertem Fischfleisch, rotem Curry, Eiern und kleingehäckselten langen Bohnen in siedendem Öl aus. Die Teigmasse stellt sie selbst her, jeden Tag um die 25 Kilo. Ihren Stand, der aus einem Topf mit dem Fischkuchenteig und einem Wok besteht, öffnet sie gegen 15 Uhr und schließt ihn spätestens um 20.30 Uhr. Meistens aber kann sie viel früher nach Hause gehen. Ihre Tod Mon Pla finden reißenden Absatz, und der Topf ist schnell leer.

Tod eines Rothemden

Im vergangenen Frühjahr musste sie allerdings einige Wochen Zwangsurlaub nehmen, ein Umstand, der sie noch heute zornig macht. Die Rothemden hatten Bangkok besetzt, nur wenige Meter von ihrem Stand entfernt ragten die Barrikaden aus Bambusstäben und Autoreifen empor. Schwer bewaffnete Polizei und Soldaten bestimmten das Bild auf der Silom.

Ein paar Mal explodierten Granaten, dann wurden aus fahrenden Autos Polizisten beschossen. Kurz vor der blutigen Niederschlagung des Aufstands am 19. Mai wurde einer der Anführer in der Nähe von So Hungs Standplatz von Unbekannten erschossen. Da war an das Fischkuchengeschäft nicht mehr zu denken.

Die Silom war zu einem gefährlichen Pflaster geworden. "Das Geschäft war schlecht, und ich habe dann zugemacht. Es wurde einfach zu gefährlich", erinnert sie sich und findet es einfach nicht richtig, dass politische Gruppen wie die Rothemden oder ihre Gegner, die Gelbhemden, die 2008 den Flughafen von Bangkok acht Tage besetzt hatten, für ihre politischen Ziele die Stadt als Geisel nehmen. "Das trifft doch uns kleine Händler am stärksten", schimpft sie und erhält viel Zustimmung von ihren Kollegen, die neben ihr an Straßenständen Kosmetika und T-Shirts verkaufen.

Abgesichert durch mehrere Religionen

Sie wischt die Erinnerungen an den blutigen Mai mit einer energischen Handbewegung zu Seite. Vorbei ist vorbei. Aber sie weiß auch - wie jeder in Thailand - dass der innenpolitische Machtkampf jederzeit wieder aufflackern kann. Vor politischem Unbill schützen auch die vielen buddhistischen Mönchen geweihte Amulette für Glück und Wohlstand nicht, die sie an Halsketten trägt.

Manche der goldenen Talismane sind aber auch hinduistischen Ursprungs. Tochter Pui, die gleich neben an auf der Straße Kämme und Make-up verkauft, muss über die multireligiöse Sicherheitspolitik ihrer buddhistischen Mutter schmunzeln. "Sie geht jeden Morgen in den indischen Mahamariamma-Tempel am anderen Ende der Silom und betet für Glück und ein gutes Leben."

Thais leben gerne glücklich im Hier und Jetzt und verschwenden nicht gerne Gedanken an die Zukunft. So ist Soh Hung nach den Erinnerungen an die Rothemden auch sofort wieder gut gelaunt und singt ein Lied, während sie munter ihre Fishcakes brutzelt. Sanuk, also Spaß, heißt das Lebensprinzip der Thais. Dazu gehört auf jeden Fall ein gutes Essen.



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quinta007 12.01.2011
1. 20 bath = 1 Euro?
20 bath sind niemals 1 Euro, eher 50 cent!
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