Fotostrecke

Frau Gerolds Garten in Zürich: Kunstwerk aus Schiffscontainern

Foto: SPIEGEL ONLINE

Containerprojekt in Zürich-West Grünzeug für Hipster

Eine grüne Insel in der Stadt, gebaut aus Containern: Klingt widersprüchlich, ist in Zürich aber ein großer Erfolg. Dort hat eine Deutsche ein Restaurant, Designer-Shops und ein Gemüse-Idyll in einer mobilen Location vereint - willkommen in "Frau Gerolds Garten".

"Unkenteich" steht auf einem Schild und: "Hier hat Frau Gerolds Garten ein Bett für Gelbbauchunken gebaut". Eine Bierflasche liegt darunter, hinter einem Drahtzaun reihen sich Gleise, Bahnsteige und Hochspannungsmasten auf. "Der Bahnverkehr ist gestört, Ersatzbusse werden eingesetzt", scheppert es vom Zürcher Bahnhof Hardbrücke herüber. Die Sonne spiegelt sich im Prime Tower, dem höchsten Gebäude der Schweiz. Ein Zitronenfalter taumelt durch Lavendelblüten, aus einem Einkaufswagen ragen Sonnenblumen empor.

Frau Gerolds Garten  im Trendviertel Zürich-West ist eine Gartenbeiz - wie man Biergärten in der Schweiz nennt. Und noch einiges mehr. Die Designerin Katja Weber hat versucht, auf der 2500 Quadratmeter großen, ehemaligen Brache vieles miteinander zu verweben, was zurzeit als hip gilt: Bunte Schiffscontainer beherbergen Bars und Küche, ein pastellfarbenes Zirkuszelt Tische und Bänke. Designershops, die Mode und Kleinkram abseits des Mainstreams anbieten, sind in schwarzen Baucontainern einquartiert. Und in der hinteren Ecke quetschen sich bepflanzte Weinfässer und Holzkisten: Lollo Rosso neben Rhabarber, Wicke neben Mangold.

Provisorisch aufgestellte Container, originelles Design und so etwas wie Urban Gardening - dies sind Zutaten, die Projekte in Metropolen weltweit erfolgreich machen. Sie nutzen unbebaute Grundstücke, die wenig Miete kosten oder sogar gratis zur Verfügung gestellt werden. Bis die nächsten Luxuswohnungen, Bürogebäude oder - wie in Zürich bis vor kurzem geplant - ein Kongresszentrum die Baulücke füllen. Ihr Kennzeichen: Sie sind mobil, schnell auf- und wieder abzubauen. Ihren Charme erhalten sie durch das Unperfekte, das Vergängliche, das Improvisierte.

Shops im Container

In Londoner Westend etwa hat im vergangenen Jahr die erste Pop-up-Mall der Welt eröffnet, der Boxpark  ist auf fünf Jahre limitiert. In 61 schwarz angestrichenen Containern bieten etablierte Marken, aber auch junge Labels ihre Mode an. Bars, Cafés, Galerien wollen den Strom der Bummler abfangen. Im neuseeländischen Christchurch schaffen es temporäre Läden in Schiffscontainern, die vom Erdbeben zerstörte Innenstadt wiederzubeleben. In Berlin ist es der "Kater Holzig"  in Kreuzberg, der eine ehemalige Seifenfabrik mit Club, Theater und Restaurant kreativ zwischennutzen darf.

Und Urban Gardening ist ein Trend, der rund um die Welt die Betonwüsten der Großstädte überwuchern lässt. Kräuter, Gemüse und Obst wird in alles gepflanzt, was Erde halten kann: in Einkaufswagen, Fässer, Holzkästen. Meist initiiert durch die Anwohner, oft unterstützt durch die Stadt, gedacht als multikultureller Begegnungsort und als Oase im Mietshausalltag. Pioniere in Europa sind die Berliner Prinzessinnengärten , die 2009 auf einer 6000-Quadratmeter-Brache auf dem Moritzplatz entstanden.

Die 33-jährige Katja Weber brachte solche Gastronomie-, Shop- und Gartenkonzepte in der Schweizer Stadt zu einem kommerziellen Gesamtkunstwerk zusammen. Die Saarländerin hat es vor sieben Jahren der Liebe wegen in die Alpen verschlagen. Ihren Job als Investmentbankerin und ihre früheres Leben gab sie auf, sagt Weber, um Design an der Zürcher Hochschule der Künste zu studieren. Die Masterarbeit der wirtschaftlich denkenden Kreativen: "Entwicklung einer urbanen Erlebnislandschaft" - heraus kam Frau Gerolds Garten, der seinen Namen durch seine Lage an der Geroldstraße 23 erhielt.

Kohlrabi aus dem Weinfass

Caroline Weiden braucht zur Gartenbeiz 15 Minuten. Ihre zwei Gemüsekisten sind gefüllt mit Kohlrabi und Sellerie, Tomaten, Salat und Kräutern. Wie die 42-jährige Marketing-Frau haben nur eine Handvoll Freiwilliger ein eigenes Beet in Frau Gerolds Garten, der Rest wird von zwei Gärtnern bestellt: Rund fünf Prozent des im Restaurant verwendeten Gemüses werden aus den Weinfässern und Balkonkästen geerntet.

"Mir gefällt es, dass man den Leuten zeigt, wie man Frisches in eigenen Beeten anpflanzen kann", sagt Weiden. Ihre Mitstreiter kennt sie allerdings nicht. Darin unterscheidet sich der kommerzielle Gerolds-Garten wesentlich von den gemeinnützigen Urban-Gardening-Projekten, die auch in Zürich aktiv sind: etwa im winzigen Brauergarten  hinter der Langstrasse oder im Stadiongarten  beim Hardturm.

Frau Gerolds Garten haben Katja Weber und ihre Partner aus der Zürcher Gastronomieszene im September 2012 eröffnet, ihr Mietvertrag galt vorerst für fünf Jahre. Damals noch ein Geheimtipp, sei der Garten in diesem Jahr "the place to be", wie eine Zürcher Besucherin sagt. "Ich mag das Urbane", sagt ein anderer und: "Dies ist einzigartig in der Stadt." Eine grüne Ecke umgeben von Beton, Wolkenkratzern und Verkehr.

Hipster, Banker und Studenten, Touristen und Zürcher rühren an sonnigen Tagen in ihren Kaffeetassen, trinken ihr Bier und lauschen an manchen Samstagabenden den Musikbands, die sich auf einer hölzernen Treppe aufbauen. Seit das Schweizer Fernsehen von hier aus eine zehnstündige Live-Sendung über Zürich-West ausstrahlte, strömen am Wochenende Familien und Jugendliche aus dem ganzen Land in den Garten.

Boom des Industriequartiers

Das Quartier hat sich innerhalb eines Jahrzehnts vom Schmuddelkind zum angesagtesten Viertel der Stadt gemausert. In der Geroldstraße ist der Wandel seit zwei Jahren verstärkt zu spüren, sagt Alex Zwalen. Der 55-jährige Künstler im weißen Hemd räumt gerade sein kleines Atelier  auf, das er vor 17 Jahren eröffnet hat.

Ende der Neunziger hatte die Bebauung des ehemaligen Industrieareals im Kreis 5 begonnen, viele der dann abgerissenen Lager- und Fabrikhallen stammten noch aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. "Viele kleine Handwerksbetriebe wie Steinmetze gab es hier, auch einen Biergarten mittendrin", erzählt Zwalen. "Ich bin nicht wehmütig, aber mein Herz schmerzt für alle, die für die Neubauten gehen mussten."

Vor 15 Jahren zog mit dem Abaton das erste Kino hierher, illegale Underground-Clubs folgten, dann die Luxuslofts für zahlungskräftige Städter und Büroneubauten. In den Bögen des Bahnviadukts richteten sich eher hochpreisige Design-, Einrichtungsläden und Restaurants ein. "Der Gerolds-Garten bringt einen Hippie-Touch in die Straße", sagt Zwalen. Mit seinem bunten Design und den vielen Pflanzen "ist er eine Antwort auf die Hochhausbauten, mehr aber auch nicht". Nur wenige seiner Nachbarn würden dort hingehen - das Restaurant sei ihnen zu teuer.

Katja Webers "urbane Erlebnislandschaft" könnte den Zürchern länger als ursprünglich gedacht erhalten bleiben, der Plan eines Kongresszentrums an dieser Stelle ist vom Tisch. Was nach 2017 mit Frau Gerolds Garten geschieht, ist jetzt offen. Frau Weber wird dann schon weitergezogen sein. Die deutsche Designerin siedelt nach Berlin über, auf der Suche nach weiteren mobilen Projekten.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.