Fotostrecke

Gidsy-Aktivitäten in Berlin: Erlebnisse abseits vom Mainstream-Tourismus

Foto: Luise Müller-Hofstede

Online-Portal Gidsy "Lonely Planet ist so old school!"

Bloß kein 08/15-Stadtrundgang: Viele junge Reisende möchten lieber Einheimische treffen, als ausgetretenen Reiseführer-Pfaden zu folgen. Dabei hilft ihnen die Berliner Online-Plattform Gidsy - mit Angeboten vom Buchbindekurs bis zur Underground-Tour. Ein Praxistest.
Von Karolin Langfeldt

Die Brüder Edial und Floris Dekker wohnen noch nicht so lange in Berlin. Deshalb sind die beiden Holländer vertraut mit den Problemen von Reisenden und Neuankömmlingen. Sie kennen die Enttäuschung, die mancher Hauptstadt-Tourist verspürt, der eine Reise in die angeblich spannendste Metropole Europas gebucht hat - und dann trotzdem das Gefühl hat, nichts zu erleben.

"Wenn du neu in eine Stadt kommst, ist es schwierig, etwas Interessantes zu finden. Man kann ins Kino gehen, auf Partys, sich die Sehenswürdigkeiten angucken", sagt der 27-jährige Edial. "Und man holt sich den Lonely Planet, aber das ist so old school!" Erstens treffe man dann nur Leute, die auch reisen, und zweitens veralte so ein Reiseführer wahnsinnig schnell.

Das passt inzwischen vielen nicht mehr ins Reisekonzept: "Als junger Mensch möchte man wissen, was hier und jetzt passiert. Man möchte mit den Locals und wie die Locals die Stadt erleben."

Schon vor mehr als zehn Jahren halfen dabei Gratis-Übernachtungs-Plattformen wie Hospitalityclub und Couchsurfing, inzwischen verfolgen kostenpflichtige Privatunterkünfte-Vermittler wie airbnb und 9flats ein ähnliches Konzept. "Stop being a tourist", lautet das Motto. Und die Dekker-Brüder starteten Ende 2011 die Plattform "Gidsy" in Berlin und konnten mit ihrem Konzept sogar Hollywood-Star Ashton Kutcher als Geldgeber gewinnen.

Das Prinzip ist einfach: Jeder kann auf Gidsy  eine Aktivität anbieten, von der Stadtführung bis zum Strickkurs, von Gitarrenunterricht bis Aktzeichnen. Wer mitmachen will, muss einen Betrag zahlen, zehn Prozent davon geht an Gidsy. Die Idee kommt an, inzwischen gibt es Gidsy-Netzwerke in Amsterdam, New York, Los Angeles, San Francisco und London. Wir haben in Berlin drei Angebote getestet.

Taco Tuesday - Animation in der Küche

Berlin, Pankow. In einer kleinen Erdgeschosswohnung drängen sich neun Leute um einen Holztisch. Tomaten, Avocado, Knoblauch, Koriander, Ananas und Mango liegen bereit. Alle schnippeln eifrig, doch die Gespräche fließen noch zäh.

Natalie, eine energische Endzwanzigerin aus Kalifornien, hat eingeladen zum Taco-Tuesday. "Ich lerne gerne neue Leute kennen und mag es, mein Wissen zu teilen", antwortet sie auf die Frage, warum sie einen Haufen Fremder zu sich nach Hause einlädt. Umstände scheinen ihr solche Einladungen nicht zu bereiten. Sie empfängt die Gäste ungeschminkt, in Hausschuhen, einer gemütlichen Stoffhose und einem schwarzen T-Shirt, auf dessen Vorderseite in weißen Buchstaben "Soundcloud" steht.

Natalie hat viele Sommer als Animateurin, als "Director of Fun", in amerikanischen Jugendcamps gearbeitet. Dort hat sie offenbar einiges gelernt: "Jeder stellt sich jetzt vor, sagt zwei, drei Sätze zu seiner Person und zu seiner Erfahrung mit Tacos", bestimmt sie. "Du fängst an." Er heiße Giacomo und komme aus Italien, sagt der Auserkorene. Seit November sei er in Berlin und kenne noch nicht so viele Leute. Mit der Hilfe von Gidsy möchte er das ändern. Mit ihm um den Tisch herum sitzen noch zwei Kanadierinnen, fünf Deutsche und natürlich die amerikanische Gastgeberin, alle sind zwischen 25 und 35 Jahren.

Nach der Vorstellung ist das Eis gebrochen. Hungrig schichtet die Gruppe Tomaten, Avocado und Mango in die Maismehl-Tortillas. Und versucht, hinter das Rätsel zukommen, welchen Fisch Natalie ihnen auftischt. Die Deutschen glauben, es ist Stör. Natalie weiß nur, dass es ein weißer Fisch ist. Eine der Kanadierinnen bringt den Ausdruck "Hagfish" ins Spiel, mit dem keiner der nicht-englischen Muttersprachler etwas anfangen kann. Egal, er schmeckt jedenfalls. Sämtliche Bemühungen, die Tacos manierlich zu essen, scheitern anschließend.

Während Jörg sich genüsslich mit den Fingern Fischbrocken in den Mund schiebt, erzählt seine kanadische Freundin Ann, wie sie "the German" während seines Auslandssemesters in Montreal kennengelernt hat. Am anderen Ende des Tisches wird mittlerweile Italienisch gesprochen. Hanna, eine 27-jährige Berlinerin, die lange in Italien gelebt hat, und Giacomo sind sich einig - Tacos sind zwar lecker, doch es geht nichts über die italienische Küche.

Drei Stunden und zahlreiche Anekdoten später stehen alle neun Teilnehmer auf der Straße weit oben im Norden Berlins. Anstelle von Telefonnummern tauschen sie Twitter- und Facebooknamen und die Webadressen zu ihren jeweiligen Blogs aus. Hanna guckt sich nachdenklich um, sie war noch nie in Pankow. Normalerweise verlässt sie ihren Bezirk nur selten. "Es fühlt sich ein bisschen an wie Urlaub. Oder wie während meines Studienaufenthalts im Ausland", sagt sie: "Neue Leute, neue Eindrücke und eine Gegend, in der ich mich nicht auskenne."

Berlin Twilight Underground Tour - Einmal Alien sein

Berlin, Alexanderplatz. Isas Arbeitsuniform besteht aus Springerstiefeln, Netzstrumpfhose und Piercings. Mit einer Kippe in der Hand wartet sie auf die Touristen, denen sie heute etwas von der Berliner Untergrundszene zeigen möchte. Die junge Französin wohnt seit ein paar Jahren in Berlin. Zu Hause in der Hausbesetzerszene, kennt sie viele Plätze, die normale Berlin-Besucher niemals zu sehen bekommen.

Sieben Leute zwischen 25 und 30 sind heute zusammengekommen, ein Brite, zwei deutsche Touristen und vier Berlinerinnen. Isa wirft einen prüfenden Blick auf Letztere. Ob sie denen für ihre 20 Euro was Neues zeigen kann?

Zumindest in der ersten Stunde, die sie in der Umgebung des Hackeschen Markts verbringen, scheint ihr das nicht zu gelingen. Erst als sie die Gruppe auf das Gelände eines alten halbverfallenen Bahndepots in Friedrichshain führt, ist zumindest der Brite John begeistert: "So etwas gibt es in London einfach nicht! Guckt euch doch mal den Platz an! Das ist unglaublich", sagt er. Zwischen den Ruinen befinden sich Künstlerateliers, ein Klettergarten, Clubs und ein veganer Imbiss.

Noch unglaublicher wird es kurze Zeit später. Nachdem die Gruppe mit Bier und selbstgedrehten Zigaretten auf dem Dach einer alten Fabrik den Sonnenuntergang genossen hat und den leisen elektronischen Beats vom Nachbarclub gelauscht hat, findet Isa, dass es wieder Zeit für Action ist. "Jetzt wird es richtig abgefahren", verspricht sie. "Aber bitte keine abfälligen Bemerkungen. Manche der Leute, die wir jetzt treffen werden, mögen keine Aliens."

Aliens? Die Berlinerinnen tauschen verwirrte Blicke aus. Beim Betreten der C-Base stellen sie dann fest, dass sie selber die "Außerirdischen" sind, von denen Isa geredet hat. Der eingetragene Verein, der sich unter anderem mit außerirdischem Leben beschäftigt und Dreh- und Angelpunkt der Berliner Hackerszene ist, unterscheidet strikt nach Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern. Letztere werden als Aliens bezeichnet.

Außerirdische Pflanze auf dem Klo

Dank Isas guter Beziehungen erhält die Gruppe eine Führung durch die Arbeitsräume des Vereins, einen Bereich, der normalerweise nur für Mitglieder zugänglich ist. Als sich die Tür zu dem geheimen Räumen öffnet, geht ein Alarm los: "Attention! Aliens entering the zone!"

Regale, vollgestopft mit alten Computerzubehör, Werkzeugen und Kabeln, unterteilen den großen Kellerraum in enge Arbeitsnischen. Neonröhren ersetzen das Tageslicht, die Luft ist dick vom Zigarettenqualm.

Der Alarm hat viele Mitglieder aufgeschreckt. Mit ihrem Laptop unterm Arm huschen sie außer Sichtweite. "Die Werkstatt ist tabu", raunzt ein verärgert wirkendes Mitglied dem Alien-Führer Christian zu. Der ist selber Mitglied und Besuchern gegenüber aufgeschlossen. Die Tour durch das Allerheiligste der C-Base  scheint ihm Spaß zu machen. Aufgeregt zeigt er der Gruppe einen Gegenstand, der für Unwissende aussieht wie ein Bar-Kühlschrank, für Eingeweihte jedoch eine Art "Beam-Kabine" darstellt. Danach geht es zu den Toiletten, von denen angeblich eine außerirdische Ranke Besitz ergriffen hat. Die Kommunikation mit ihr sei schwierig, erklärt Christian, denn sie brauche an die 80 Jahre für einen einzigen Satz.

Abschließend wirft die Gruppe einen kurzen Blick in den Konferenzraum. 20 blasse junge Männer haben ihre Köpfe zusammengesteckt und tüfteln offenbar an einem Großprojekt. Sie verstummen schlagartig, als sie die Besucher erblicken.

Isa erwartet ihre Gruppe draußen an der frischen Luft. Zufrieden registriert sie die verwirrten und ungläubigen Gesichtsausdrücke. "Ich bin ein Alien in der eigenen Stadt", murmelt eine der Berlinerinnen fassungslos.

Book Making - Bastelstunde mit Klatsch und Tratsch

Berlin, Prenzlauer Berg. "Kommt rein und fühlt euch wie zu Hause. Ich lüfte mal eben, denn es riecht nach nassem Hund!" Mit diesen Worten heißt Gosia aus Australien ihre Gäste willkommen.

Im Wohnzimmer liegen Scheren, Geschenkpapier, bunte Bänder, farbige Kartons und viel weißes Papier auf dem Boden verteilt. Buchbinden steht an diesem verregneten Berliner Samstag auf dem Programm, 15 Euro kostet das für die Teilnehmer. Gosia ist Lehrerin und kann auch außerhalb der Schulzeit nicht genug davon bekommen, andere Leute an ihrem Wissen teilhaben zu lassen. "Ich liebe es, Sachen zu kreieren - am liebsten mit anderen Leuten."

Während der Regen gegen die Fenster klatscht, sitzen die Australierin und ihre drei weiblichen Gäste in einem Kreis auf dem Boden der Berliner Altbauwohnung. Es gibt grünen Tee und Schokoladenplätzchen. Während Lisa, 30, Johanna, 27 und Eva, 30, unter ihrer Anleitung Papier schneiden, falten und unter höchster Konzentration zusammennähen, erzählt Gosia von ihrem Leben in Australien. Davon, wie ihr Freund sie eines Tages mit mysteriösen Botschaften auf Papierschnipseln an einen Ort an der Küste gelotst hat und sie dann bei ihrer Ankunft fragte, ob sie ihn heiraten würde.

Gemeinsam beschlossen sie noch mehr von der Welt zu sehen und landeten in Berlin. Ab und zu unterbricht sie ihre Erzählung und wirft einen prüfenden Blick auf das Werk ihrer Gäste. "Ihr seid gut, ihr braucht mich gar nicht", stellt sie fest und greift nach ihrem Stopfzeug. "Dann stopfe ich ein paar Löcher in meinen Strumpfhosen."

Es ist eine Szene wie aus einem Jane-Austen-Roman: vier Freundinnen, die bei Tee und Keksen ihren Handwerksarbeiten nachgehen und Klatsch und Tratsch austauschen. Nur Gosias Stirnband, ihr modischer Oversize-Pulli, Lisas pinke Fingernägel, Johannas American-Apparel-Leggins und die ab und zu klingelnden iPhones erinnern daran, dass sich die Szene im 21. Jahrhundert abspielt.

Die Buchseiten sind genäht und der Leim, der die Seiten und den Buchdeckel zusammenhält, trocknet noch, als es an der Tür klingelt. Erschrocken springt die Gastgeberin auf. "Wie spät ist es?" Die nächste Gruppe steht vor der Tür, sie kommen zum Eierfärben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.